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Musiker lärmen jetzt am Goldenen Reiter

Kaum ist auf der Prager ein wenig Ruhe eingekehrt, beschweren sich Anwohner aus der Neustadt.

© René Meinig

Von Julia Vollmer

Anderer Ort, gleiches Problem: Die Straßenmusik-Combo, die Anwohner und Händler der Prager Straße seit Wochen tyrannisiert, ist auf die Hauptstraße gewandert. Jetzt beschweren sich die dortigen Geschäftsinhaber. „Zwischen 9 und 18 Uhr attackiert uns täglich von Montag bis Sonntag an der Einmündung Heinrichstraße eine osteuropäische Gruppe“, berichten die Inhaber des Medienteams und des Ladens Skyline-Moden. Zwei Männer und eine Frau nerven die Geschäftsleute mit „krakeelendem, lautem Gesang.“ Das sei geschäftsschädigend. Viele Kunden gehen nach wenigen Minuten in den Läden wieder, haben keine Lust mehr einzukaufen. Es gibt so gut wie keine Pause, acht Stunden am Tag spielt die Band die gleichen Akkorde. Telefonieren oder ein Beratungsgespräch mit Kunden ist nicht möglich.

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Mehrere Anrufe beim Ordnungsamt oder der Polizei seien erfolglos gewesen. Kamen die Beamten, war nur wenige Stunden Ruhe, und dann ging es wieder von vorne los. Und der „eintönig akustische Terror“ geht weiter, berichten die Ladenbesitzer. Potenzielle Besucher trauen sich kaum noch in die Heinrichstraße. Sie werden direkt an dem Sparkassen-Geldautomaten auf der Hauptstraße angebettelt.

Von Straßenmusikern, die in den Spielpausen betteln, berichtet auch Anwohner Falk Richter. „Wenn ich vor der Arbeit noch Geld abhebe, werde ich teilweise bis in die Bank hinein verfolgt“, erzählt er. Schon früh um neun, und auch wenn er wieder nah Hause kommt, spielt eine Gruppe, erzählt er. Auch am Sonntag gibt es keine Pause. Seinen Balkon kann er praktisch nicht benutzen. Die Fenster lässt er selbst bei schönem Wetter dicht verschlossen. Dennoch sei der laute Gesang zu hören. Deshalb muss er den Fernseher teilweise bis zum Anschlag hochdrehen, um dem Spielfilm folgen zu können.

City-Manager Jürgen Wolf kennt das Problem. „Ich hatte die letzten Tage viele Händler bei mir sitzen, die sich beschwert haben.“ Er geht jetzt in die Offensive und plant am 8. Juli einen Runden Tisch mit Händlern, Anwohnern und Politikern. Vorab hat er an Anlieger der Innenstadt eine Liste zum Ausfüllen geschickt. Wo? Wie oft? Wie lange spielen die Straßenmusiker? Diese Fragen sollen die Angeschriebenen beantworten.

Doch nicht nur die Hauptstraße und Prager Straße trifft es, sondern auch die Anlieger am Neumarkt und der Schloßstraße. Nach wie vor können die Mitarbeiter des Oberlandesgerichtes nicht richtig arbeiten. Vor zwei Wochen hatte sich dessen Präsident Ulrich Hagenloch mit einem Hilferuf an den Stadtrat gewandt. Es hat sich nicht viel geändert. Täglich spielen Musiker vor dem Gericht, die Mitarbeiter mit Büros zur Straße leiden unter dem Krach.

Eine dauerhafte Beschallung mit zu hoher Lautstärke macht krank. Davor warnt Professor Friedemann Pabst, Chefarzt der HNO-Klinik am Krankenhaus Friedrichstadt. Ab 85 Dezibel können dauerhafte Gehörchäden entstehen. 90 Dezibel, so laut ist es sonst nur in Werkhallen, haben beispielsweise die Mitarbeiter der Kinderwunschklinik auf der Prager Straße gemessen. Verursacher des Lärms: die osteuropäische Band. Diese hat aber seit einer Woche die Elbseite gewechselt. Neben Ohrproblemen verursacht Dauerlärm auch Konzentrationsstörungen, so der Mediziner. Dazu können Herz- und Kreislauferkrankungen und Bluthochdruck kommen, ergänzt Antje Bergmann, Allgemeinärztin in der Carus-Praxis an der Uniklinik.

Das Ordnungsamt kennt die Misere auf der Hauptstraße. Es wurden schon mehrere Platzverweise gegen Straßenmusikanten ausgesprochen, so Stadtsprecher Kai Schulz.Doch nicht nur dort mussten die Mitarbeiter eingreifen. Auch von der Prager Straße, vom Neumarkt, von der Seestraße und von der Schloßstraße am Georgentor mussten schon Musiker weggeschickt werden, weil sie sich nicht an die Vorschriften gehalten haben.

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Schulz stellt klar: „Das Problem sind nicht nur die Verstöße der Musiker, sondern die unzureichenden Regeln des Stadtrates.“ Bis zum 30. Juni soll die Verwaltung Vorschläge für neue Regeln erarbeiten. Bisher müssen die Musiker aller 30 Minuten den Ort wechseln und mindestens 150 Meter Abstand zueinander einhalten. Wie der Stadtrat nach der Sommerpause entscheidet, bleibt spannend. Die Parteien sind sich nicht einig. Die SPD ist nach wie vor gespalten. Grüne, FDP und Linke halten an den lockeren Regeln fest. CDU und AfD wollen zurück zur Genehmigung.