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Beine statt Auto

Lieber mal laufen statt Auto fahren: Für zwei Professoren von der TU Dresden wäre das schon ein guter Anfang. Was noch geht haben wir im Interview gefragt.

Lieber mal laufen statt Auto fahren: Für Prof. Sven Engesser (l.) und Prof. Udo J. Becker von der TU Dresden wäre das schon ein guter Anfang. Allerdings wäre dafür ein Statussymbol in Gefahr.
Lieber mal laufen statt Auto fahren: Für Prof. Sven Engesser (l.) und Prof. Udo J. Becker von der TU Dresden wäre das schon ein guter Anfang. Allerdings wäre dafür ein Statussymbol in Gefahr. © Thorsten Eckert

Udo J. Becker, Professor für Verkehrsökologie und Sven Engesser, Professor für Wissenschafts- und Technikkommunikation erklären, was sich in der Mobilität der Zukunft ändern muss.

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An der TU Dresden wird sehr viel geforscht. Glauben Sie, die Menschen wissen, was Sie und die Kolleginnen und Kollegen hier überhaupt tun?

Engesser: Wir müssen unsere Ergebnisse kommunizieren. Das ist richtig. Aber viele vergessen die emotionale Komponente dabei. Dass der Mensch Erfahrungen, Gefühle und Werte mitbringt, die beim Verstehen einer wissenschaftlichen Thematik eine Rolle spielen. Viele Forscher sind dann enttäuscht, wenn die Menschen trotz Forschungsergebnissen eine bestimmte Meinung oder Verhaltensweise beibehalten.

Das klingt fast so, als sei unsere Gesellschaft beratungsresistent. Gibt es dafür eine Lösung?

Engesser: Ein erster Schritt ist schon, dass wir diese Problematik mitdenken. Wenn ich von den Leuten mehr Umweltbewusstsein einfordere, dann muss ich wissen, dass viele gern mit dem Auto fahren oder in den Urlaub fliegen. Und dass sie diese Gewohnheiten ungern ablegen wollen. Oder sie haben das Gefühl, sie könnten mit einem anderen Verhalten gar nichts ändern. Becker: Es geht darum, den richtigen Rahmen für eine Entscheidung zu setzen, Akzeptanz bei den Menschen zu erreichen. Viele haben Angst vor Veränderungen.

Also nützen die vielen Appelle in Sachen Umweltschutz gar nichts?

Becker: Wenn die Menschen immer wieder hören, dass sie umweltbewusster sein sollen, müssen dafür die Rahmenbedingungen stimmen. Da ist die Politik gefragt. Wenn jemand für 29 Euro pro Person nach Mallorca fliegt, ist das billiger als die Bahnreise in den Spreewald. Da nützt dann der ganze Appell für Umweltschutz gar nichts. Engesser: Häufig wird mit Furchtappellen gearbeitet. Die sind wirksam, bringen aber nur in Kombination mit umsetzbaren Lösungen etwas. Nehmen wir etwa die Gefahr von Hautkrebs. Eine leicht umsetzbare Lösung wäre, sich mit Sonnenschutz einzucremen. Aber viele Appelle verzichten heute genau darauf, solche Lösungen anzubieten. Dann gibt es Abwehrreaktionen bei den Menschen. Wir müssen besser darüber nachdenken, was wir sagen und verlangen.

Jetzt arbeitet die Wissenschaft ja an Lösungen – auch für die Umweltprobleme. Ist es nur ein Kommunikationsproblem, dass sie nicht umgesetzt werden?

Engesser: Die erste Schwierigkeit ist, dass wir eine Wissenschaft der unterschiedlichen Geschwindigkeiten haben. Es gibt Spitzenforschung, die sich extrem schnell bewegt und wo es Fortschritte im Wochentakt gibt. Es gibt aber viele andere Bereiche, die Jahre brauchen, bis sie auf diesem Stand sind. Auch beim Transfer der wissenschaftlichen Ergebnisse ist das so. Da gibt es Kolleginnen und Kollegen, die sind da sehr weit vorn. Die Kunst ist aber, alle mitzunehmen.

Professor Becker, geht es Ihnen auch zu langsam?

Becker: Ja, unbedingt. Nur ein Beispiel: 1992/93 bearbeitete ich ein Projekt für das Bundesverkehrsministerium, damals noch in Bonn. Es ging um die Frage, wie der Kohlendioxid-Ausstoß im Verkehr in Zukunft reduziert werden kann. Wir haben 22 Maßnahmen gefunden und diese detailliert dargestellt. Keine einzige wurde bisher systematisch umgesetzt. Es geht also sehr langsam – und die Klimaschäden werden größer und größer.

Macht Sie das wütend, dass solche Lösungen einfach irgendwo in der Schublade verschwinden?

Becker: Klar, diese Gefühlslagen kenne ich. Momentan grinse ich aber mehr in mich hinein. Die Debatte rund um den CO2-Ausstoß ist eigentlich durch. Sie finden heute keinen mehr, der sagen würde, dass das kein Problem ist. Die Lösung anzuschieben, das dürfte allerdings dauern.

Dieses Lasten-Fahrrad hat das Institut für Verkehrsökologie der TUD in diesem Sommer gekauft – ein Student testet derzeit, ob und wie ein solches Rad im Alltag tatsächlich sinnvoll in die Verkehrsströme integriert werden kann. 
Dieses Lasten-Fahrrad hat das Institut für Verkehrsökologie der TUD in diesem Sommer gekauft – ein Student testet derzeit, ob und wie ein solches Rad im Alltag tatsächlich sinnvoll in die Verkehrsströme integriert werden kann.  © Thorsten Eckert

Ein anderes Problem ist heute, dass es Menschen gibt, die der Wissenschaft nicht mehr trauen. Merken Sie das?

Engesser: Im Durchschnitt ist das Vertrauen in die Wissenschaft da. Aber natürlich gibt es Kritiker, die auch sehr laut ihre Meinung äußern. Die sagen, die Wissenschaft sei Teil der vermeintlichen Elite, stecke mit den Mächtigen unter einer Decke und interessiere sich nicht dafür, wie es den Menschen geht. Wir müssen versuchen, gerade mit diesen Leuten ins Gespräch zu kommen. Das ist aber ein langer Prozess.

Müssen Sie also kritikfähiger sein als früher?

Becker: Mit konstruktiver Kritik können wir in der Wissenschaft schon immer umgehen. Aber der Ton ist heute oft sehr scharf. Manche Mails sind schon sehr böse. Nur so ein Zitat: „Über ihrem Kopf sollte eine Atombombe abgeworfen werden.“ Darauf antwortet man nicht, aber wer ernst nachfragt, bekommt immer eine Antwort. Dann entspinnt sich oft ein interessanter Mail-Verkehr mit Wissenszuwachs auf beiden Seiten. Das stimmt mich optimistisch. Eins ist klar: Durch Ignorieren wird das Problem nicht weggehen.

Müssten wir schon früher ansetzen und Kinder und Jugendliche mehr für die Wissenschaft begeistern?

Becker: Wir sollten sie fürs Nachdenken motivieren, fürs Neugierigsein. Die Kinderuniversität der TU Dresden ist in dieser Hinsicht ein Erfolgsprojekt. Das könnte man sicherlich noch erweitern. 

Engesser: Wobei wir sagen müssen: Für Kinder wird noch relativ viel getan. Ich habe eher Sorge, dass uns die Nicht-Kinder verloren gehen. Es gibt sehr wenige Projekte für Erwachsene oder ältere Menschen im ländlichen Raum, weil dafür auch wenig Forschungsgeld zur Verfügung steht. Das ist traurig, weil wir damit Menschen abhängen.

Becker: Sehe ich auch so. Gerade die ländlichen Räume sind vielfach die Verlierer unserer politischen Beschlüsse. Dort muss auch die Wissenschaft intensiver hinschauen. Wie können diese Regionen erstrebenswert werden? Da spielen Schule, Gesundheitswesen und eine gute Versorgung eine große Rolle. Wir brauchen mehr konkrete Folgen aus dem, was wir erforscht haben.

Schauen wir noch einmal auf die Umweltprobleme. Kritiker sprechen derzeit vom Greta-Thunberg-Hype. Ist das wirklich nur ein Hype oder bleibt das Bewusstsein für diese Thematik?

Engesser: Das Greta-Phänomen, wenn wir das so nennen wollen, hat eine naturwissenschaftliche Grundlage. Den Klimawandel gibt es. Das Thema bleibt aktuell und wir werden in den nächsten zehn Jahren rasante Fortschritte machen. Aber mit unserer geografischen Lage stehen wir ja noch relativ gut da. In der arabischen Welt oder Indien gibt es jetzt schon Temperatursituationen, die lebensbedrohlich sind. Es ist also auch ein Solidaritätsproblem. Wenn die Gefahr und die Bedrohung wachsen, denkt der Mensch als Erstes an sich selbst. Gerade bei dem Problem ist das aber kontraproduktiv.

Becker: Klimaforscher sehen das sicher sehr viel sorgenvoller als Otto Normalbürger. Aber wenn das Problem offenkundig wird, reagieren Menschen auch!

Kann die Menschheit das Ruder also noch rumreißen?

Engesser: Hölderlin hat gesagt: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Ich habe die Hoffnung, dass die Menschheit deshalb schon so lange existiert, weil sie letztendlich immer eine Lösung findet. Wir dürfen bei all dem auch nicht die technische Entwicklung vergessen. Ich hoffe inständig, dass wir in den nächsten Jahren Fortschritte machen, die uns helfen, die Probleme unserer Zeit zu lösen. Wir dürfen diese Chance nicht leichtfertig vergeben.

Becker: Ich bin auch optimistisch, aber ich glaube nicht nur an die Technik. Zu oft hat die uns vorgemacht, sie könne alles lösen, und am Ende war es schlimmer als vorher. Aber positive Beispiele gibt es wirklich, denken Sie an Schweden oder die Schweiz: Dort machen die Leute mit. Solche positiven Beispiele wirken irgendwann.

Engesser: Und denken Sie ans Rauchen. Wie schnell ist der Zigarettenkonsum in Deutschland in den vergangenen Jahren gesunken. Wenn wir das beim Rauchen hingekriegt haben, dann müssen wir das doch auch bei unserem Umweltverhalten hinkriegen. Grundbedürfnisse ändern sich. Autofahren war lange ein Symbol für Wohlstand. Wenn Menschen jetzt aber sagen, Umwelt und Nachhaltigkeit sind mir viel wichtiger und ich brauche gar kein Auto, dann kann sich die Welt verändern.

Von Jana Mundus

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