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Mutmaßliche Brandstifterin ist schuldfähig

Die 70-Jährige ist in psychiatrischer Behandlung, aber kein schwerer Fall. Sie neigt zu Egozentrik und Theatralik. Ist das eine Erklärung?

© DA-Archiv

Von Jens Hoyer

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Döbeln. Die Verhandlung gegen die 70 Jahre alte mutmaßliche Brandstifterin aus Döbeln geht am Landgericht Chemnitz in die letzte Runde. Am 8. März wird voraussichtlich das Urteil gesprochen. Am vorletzten Verhandlungstag ging es um eine wichtige Frage: Ist die Angeklagte schuldfähig oder nicht. Der psychiatrische Gutachter machte dazu eine klare Aussage: Die Döbelnerin, die mehrfach Brände im Haus Albert-Schweitzer-Straße 23 gelegt haben soll, ist zwar nicht intelligent und seit Jahren in psychiatrischer Behandlung. Trotzdem ist sie voll schuldfähig. Und er findet keine Anhaltspunkte, dass sie gefährlich ist.

Der Gutachter gab auch Einblicke in die Persönlichkeit der Angeklagten, die dem Gericht vielleicht Erklärungen für die ihr zur Last gelegten Taten geben können. Der Gutachter bezeichnete die Frau als eine „akzentuierte Persönlichkeit“. Sie habe Probleme, sich geänderten Situationen anzupassen, neige zu Theatralik und Egozentrik. „Sie hat das Bedürfnis, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und Anerkennung zu bekommen.“ Zweimal sei sie in den 90-er Jahren in schwierigen Lebenssituationen in stationärer psychiatrischer Behandlung gewesen. Seit mehreren Jahren leide sie unter Ängsten und Unruhe und nehme Antidepressiva. Sie habe sich aber schnell stabilisiert, so der Gutachter. Auch Alkohol habe zeitweise in ihrem Leben eine Rolle gespielt. wobei von Missbrauch und nicht von Abhängigkeit gesprochen werden müsse.

Die Angeklagte hatte acht Jahre die Schule besucht und einen Beruf gelernt, hatte aber nach der Wende beruflich keinen Tritt mehr gefasst. Seit ihrer Scheidung in den 90er Jahren hatten auch die drei Töchter den Kontakt abgebrochen.

Die entscheidende Frage stellte die vorsitzende Richterin dem Gutachter: Könnten mit der Persönlichkeitsstruktur der Angeklagten die ihr zur Last gelegten Brandstiftungen und Selbstverletztungen erklärt werden? „Es gibt Anhaltspunkte, die dafür sprechen könnten“, so der Gutachter, der aber darauf aufmerksam macht, dass es sich bei seinen Überlegungen um eine Hypothese handelt. Er hatte mit der Angeklagten in der Untersuchungshaft Gespräche geführt. Der Einzug eines Asylbewerbers in die Wohnung unter ihr habe Ängste und Verunsicherung ausgelöst, auch Kränkungen und gefühlte Benachteiligungen könnten eine Rolle spielen. „Sie sagte, dass es 17 Jahre nicht gebrannt habe, erst seit der Syrer im Haus wohnt. Der lebe bei seiner Freundin und sie fragt sich, wie er sich die Wohnung überhaupt leisten kann.“ Die Angeklagte hatte auch zugegeben, drei Drohbriefe gegen die Wohnungsgesellschaft Pro Leipzig geschrieben zu haben, weil sie Wut auf den Vermieter hatte. Aufgrund ihrer Persönlichkeit ließen sich auch die Spannungen mit den anderen Hausbewohnern und mit dem ermittelnden Kripobeamten erklären, auf den die Angeklagte nicht gut zu sprechen ist.

Neben den Brandstiftungen im Keller – beim letzten Brand war eine 85 Jahre alte Frau durch Rauchgas schwer verletzt worden und gestorben – wird der Angeklagten das Vortäuschen von Straftaten zur Last gelegt. Unter anderem sollen ihr zwei Männer im Hausflur aufgelauert und sie verprügelt haben. Eine Rechtsmedizinerin hatte die Frau damals untersucht und dabei Hautunterblutungen im Gesicht und den Extremitäten festgestellt. Diese könnten auch durch Anstoßen an Kanten oder Kneifen verursacht worden sein, sagte sie vor Gericht aus. Selbstverletzungen im Gesicht seien allerdings extrem selten, so die Rechtsmedizinerin.