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Freital

Mysteriöser Mord am Fuße des Windbergs

In den letzten Augusttagen 1927 gibt es in Freital nur ein Gesprächsthema: das rätselhafte Verbrechen um Mitternacht.

August 1927: Auf dem nächtlichen Heimweg von Deuben nach Gittersee wird ein 22-jähriger Mechaniker (auf unserer Abbildung rechts) angeschossen und schwer verletzt. War’s der Mann mit dem Klemmer?
August 1927: Auf dem nächtlichen Heimweg von Deuben nach Gittersee wird ein 22-jähriger Mechaniker (auf unserer Abbildung rechts) angeschossen und schwer verletzt. War’s der Mann mit dem Klemmer? © Zeichnung: Siegfried Huth

Mit einer im spröden Amtsdeutsch abgefassten Mitteilung schockt das Freitaler Tageblatt in seiner Ausgabe vom 24. August 1927 die ganze Stadt.

Für die auf Seite 1 veröffentlichte Meldung zeichnet das Kriminalamt Dresden verantwortlich: „In der Nacht zum 23. August, gegen 0.05 Uhr, wurde auf der von Freital nach Burgk führenden Straße, kurz vor der sogenannten Pergola, der in den Welta-Kamerawerken (später Prüfgerätewerk d.R.) arbeitende und in Gittersee wohnhafte Mechaniker Hans Zinke durch einen zur Zeit noch Unbekannten aus dem Hinterhalt angeschossen und schwer verletzt. Zinke besaß noch die Kraft, sich bis zur Pforte des Elektrizitätswerkes zu schleppen. Dort brach er zusammen und wurde vom Nachtportier in dessen Dienstraum getragen. Durch einen telefonisch herbeigerufenen Arzt wurde dem Verletzten Erste Hilfe zuteil. Nach Anlegen eines Notverbandes fuhr man den 22-Jährigen ins Krankenhaus Freital, wo man ihn operierte. Die Verletzungen sind schwer und lebensgefährlich. Zwei Stunden nach der Tat nahmen Kriminalbeamte aus Dresden und Freital die Ermittlungen auf.“

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Mann mit Klemmer

Dem Verbrechen vorausgegangen war ein harmonisch verlaufender Abend. Hans Zinke hatte mit seiner Braut, der 21-jährigen Elsa K. aus Deuben, eine Vorstellung des Dresdner Komödienhauses besucht. Nach Schluss der Aufführung begab sich das Paar zum Hauptbahnhof und fuhr mit dem Zug 22.35 Uhr zurück nach Deuben. Eine Stunde blieben beide noch in Elsas elterlichen Wohnung zusammen, dann verabschiedete sich Hans – am nächsten Abend wollte man sich wiedersehen.

Mit weitausholenden Schritten nahm der junge Mann den Weg über die Leßkestraße nach Gittersee in Angriff. Eile war geboten. In fünf Stunden würde sich der Wecker melden, um 6 Uhr musste Hans zum Schichtbeginn in den Welta-Werken sein. Als sich Zinke der Pergola näherte, geschah das Unfassbare.

Der Ablauf des Verbrechens lässt sich nicht genau rekonstruieren. Wegen der Schwere der Verletzungen kann der Mechaniker nur ein einziges Mal für wenige Minuten vernommen werden. Mühsam und stockend schildert Hans Zinke den Vorgang: „Kurz vor der Pergola kam mir ein Mann im scharfen Tempo entgegen. Nachdem er mich passiert hatte, machte er kehrt und eilte noch einmal an mir vorbei. Er war etwa 35 Jahre alt, 1,70 m groß. Er trug einen dunklen Anzug und einen Klemmer. Mir fiel seine aufrechte, straffe Haltung auf. Ich bin mir sicher, dass ich den Mann nie vorher gesehen habe. Ob er der Schütze war, kann ich nicht sagen.“

Noch in der Mordnacht stellen Kriminalbeamte im Umfeld der Pergola einen graugrünen viereckigen Leinwandbeutel mit der Aufschrift „Pr. Sch.“ sicher. Als der Morgen anbricht, entdeckt die Kripo beim Absuchen des Geländes zwei scharfe Patronen des Kalibers 7,65.

Unerfüllte Hoffnung

Im Dresdner Präsidium gibt man sich, was die Aufklärung anbetrifft, zunächst optimistisch. Drei tatverdächtige Personen werden verhaftet, stundenlang verhört und schließlich wieder entlassen. Alle drei haben ein fundiertes Alibi.

Unklar bleibt auch das Motiv. Der junge Mann aus Gittersee, sport- und musikbegeistert, ist allgemein beliebt. Reichtümer besitzt er nicht. Vorübergehend halten die ermittelnden Beamten eine Tat aus Eifersucht für denkbar. Beweise für diese These lassen sich allerdings nicht erbringen.

Nach der Pergola-Tragödie erliegt Hans Zinke am 25. August, 20.30 Uhr, seinen schweren Verletzungen. Die Öffentlichkeit ist wie gelähmt. In einem Pressenachruf heißt es: „Die Einwohnerschaft hofft, dass der hinterhältige Mordschütze ermittelt und seiner gerechten Strafe zugeführt wird.“

Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt. Monatelang bemüht sich die Mordkommission, Licht ins Dunkel zu bringen. Am Ende gibt die Kripo mit dem Kommentar auf, dass es sich wahrscheinlich um die Tat eines Verrückten handelt. Die örtliche Presse knüpft an das Verbrechen am Fuße des Windbergs die Forderung, endlich die Anzahl der Polizeibeamten in Freital aufzustocken: „Auf 37 000 Bürger kommen nur 28 Beamte, das erscheint uns und vielen Einwohnern entschieden zu wenig.“ Ein Appell, der nur wenig bewegt. Die Verwaltung verweist auf die angespannte Finanzlage, die Abteilung Kriminalpolizei wurde 1928 nur geringfügig personell verstärkt.

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