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Nach dem Wasser kam die Papierflut

Das Hochwasser 2013 ist zweieinhalb Jahre her – aber noch lange nicht abgearbeitet.

© Sebastian Schultz

Von Christoph Scharf

Riesa. Das Büro von Andreas Seidlitz an der Riesaer Hauptstraße liegt hochwassersicher. Dennoch ist die Flut 2013 beim 52-Jährigen täglich präsent. „Noch bis zur Jahresmitte werde ich mit Fällen vom jüngsten Hochwasser zu tun haben“, sagt der Bausachverständige. Für ihn kam nach der Elbflut die Papierflut: Denn anders als 2002 zahlte der Freistaat nach 2013 nur noch Fördergeld, wenn die Höhe des Schadens per Gutachten bestätigt wurde. 2002 war das anders – da wurde das Geld nach geschätztem Bedarf ausgereicht. Die Folge: Entpuppte sich der Schaden als geringer, forderte der Freistaat Geld zurück. „Dazu laufen heute noch Tausende Verfahren.“

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Das sollte sich 2013 nicht wiederholen – und deshalb kam für Gutachter wie Andreas Seidlitz Hochkonjunktur. „Ich habe seit dem Herbst 2013 bis zu 17-Stunden-Arbeitstage und Sieben-Tage-Arbeitswochen“, sagt der Riesaer. Zweimal eine Woche Urlaub sei seitdem drin gewesen, mehr nicht. Der Alltag war ausgefüllt von Flutgeschichten: überschwemmten Einfamilienhäusern, feuchten Wohnblöcken, beschädigten Kirchengebäuden. In Röderau-Süd war der Riesaer im Einsatz, in Riesa, Wülknitz, Nünchritz, Meißen, Dresden.

Hilfe von Caritas oder Diakonie

Die Schäden, die Andreas Seidlitz dabei attestierte, reichten von 15 000 Euro in Einliegerwohnungen bis hin zu einer Viertelmillion Euro für völlig kaputte Häuser. „So eine Schadensreparatur kann schnell teurer sein als ein Neubau“, sagt der gelernte Fliesenleger mit Meisterabschluss. Er hat Einfamilienhäuser gesehen, wo das Wasser anderthalb Meter hoch im Erdgeschoss stand und es später auf drei Seiten der Außenmauer Risse gab: Die mussten aufwendig aufgeschnitten und mit Edelstahlankern und Spezialzement „genäht“ werden – wie es der Fachmann nennt.

Gut, wer in solchen Fällen eine Versicherung hatte. Dabei gab es aber etliche Betroffene, die über keine verfügten. Etwa, weil nach 2002 in bestimmten elbnahen Lagen gar keine Versicherung mehr zu bekommen war. „Es gab viele Härtefälle, die weder über eine Versicherung noch über Gespartes verfügten“, sagt Seidlitz. Da halfen Einrichtungen wie die Caritas oder die Diakonie mit Unterstützung. Sie brauchten aber ebenfalls Nachweise vom Gutachter. „Die Situation von Betroffenen wurde knallhart durchleuchtet. Schließlich ging es um die Verteilung von Spendengeldern – und es gibt nicht nur ehrliche Leute.“

Fäkalien, Heizöl, tote Tiere

Kein Wunder, dass mit Prüfungen, Baukontrollen, Zwischen- und Endabrechnungen die Aktenberge wuchsen. Routine wurde die Arbeit für den Riesaer trotzdem nicht. „Manchmal lief es selbst mir den Rücken runter.“ Etwa, wenn ein Hauseigentümer derart nervenstark war, dass er sein langsam mit Elbwasser volllaufendes Wohnzimmer per Videokamera dokumentierte. Ideal für die Versicherung – gespenstisch beim Betrachten. „Da stand nicht nur zwei Meter hoch das Wasser in der Wohnung, sondern auch Fäkalien, Heizöl, tote Tiere.“ Und die Couch fand sich später 200 Meter weiter auf dem Feld wieder, vom Wasser weggetragen. „Ich habe viele ältere Ehepaare betreut, die waren völlig fertig mit den Nerven. Dabei hatte einer schon seine dritte Herz-OP hinter sich.“

Immerhin: Gemeinsam mit dem Freistaat ließ sich klären, dass die Gutachterkosten ebenfalls als förderfähig anerkannt wurden. „Weil es schwarze Schafe gab, die unverschämt Gutachterpreise in fünfstelliger Höhe verlangt haben, schlug ich vor, den Stundensatz mit einem bestehenden Gesetz festlegen zu lassen“, sagt Seidlitz, der den Freistaat im Umgang mit den Flutfolgen beriet. Nun ist ein Ende des Papierkriegs absehbar. Langeweile droht dem Riesaer dennoch nicht – als Sachverständiger ist er vor Gericht ebenso gefragt wie bei außergerichtlichen Auseinandersetzungen. Die gibt es auch ohne Hochwasser.