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Nach der Flut

Das Meißner Triebischtal kämpft mit den Folgen der Schlammlawine. Manche stehen vor dem Nichts.

© Claudia Hübschmann

Christoph Scharf

Wo nur anfangen? Romy Schmidt zuckt mit den Schultern. „Wir haben nichts mehr. Nicht mal ein paar Schuhe“, sagt die Meißnerin. Bis Dienstagmittag war für die vierköpfige Familie die Welt noch in Ordnung. Dann geriet sie binnen Minuten komplett aus den Fugen. Jetzt sind die Wände der Erdgeschosswohnung bis in Brusthöhe schlammverschmiert. Auf der Terrasse hängen die Korbmöbel in den Resten der Hecke. Auf dem Hof stehen vier Autos, seltsam kreuz und quer durcheinander geworfen. Die Fahrzeuge werden das Grundstück im Triebischtal nicht so schnell verlassen: Denn die Einfahrt endet abrupt an einem meterhohen Absatz.

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Unverdrossen: Mit Besen, Pumpen und Schläuchen kämpften Helfer stundenlang gegen den Dreck.
Unverdrossen: Mit Besen, Pumpen und Schläuchen kämpften Helfer stundenlang gegen den Dreck. © Claudia Hübschmann
Zerstört: Die Wassermassen kamen mit ungeheurer Kraft. Was im Weg war, wurde weggedrückt.
Zerstört: Die Wassermassen kamen mit ungeheurer Kraft. Was im Weg war, wurde weggedrückt. © Claudia Hübschmann
Routiniert: Auch die Meißner Pfadfinder waren im Triebischtal im Einsatz – so, wie bei jeder Flut.
Routiniert: Auch die Meißner Pfadfinder waren im Triebischtal im Einsatz – so, wie bei jeder Flut. © Claudia Hübschmann

Wo Anfang der Woche noch eine Straße war, gibt es jetzt mehrere Wasserfälle, ein Geröllfeld, ganze Stapel von Felsbrocken. Dazwischen schaut eine Betonröhre raus. Durch die verlief sonst der Kirchsteigbach. Ein unscheinbares Rinnsal, das von den bewaldeten Hängen des Triebischtals kommt und im Normalfall unsichtbar den Stadtteil unterquert. Nun hat der Bach eine Straße in Stücke zerlegt, Betonmasten umgeworfen, Garagen und Keller geflutet – und mehrere Wohnungen verwüstet. „Alles kam so schnell“, sagt Romy Schmidt, die den Schaden auch einen Tag später noch nicht fassen kann. „Wir konnten gerade noch unsere Ausweise retten.“

Eine kurze Nacht bei den Nachbarn liegt hinter ihr. Die Kinder haben bei Freunden übernachtet. Der Vater ist am halben Körper mit blauen Flecken übersät. „Mein Mann musste mitten im Schlammstrom die Tür der Nachbarin aufbrechen, um die Frau rauszuholen“, sagt die 37-Jährige. Denn Familie Schmidt war nicht die Einzige, die im Haus am Waldrand betroffen war. Die Sturzflut hatte eine Seniorin in ihrer Wohnung eingeschlossen.

Während die Frau längst evakuiert wurde, verstaut nebenan gerade ein Dachdecker seine Großeltern im Firmenwagen. Das Paar um die 80 hat es ebenfalls schwer erwischt: Die Schlammmassen schossen von der Rückseite aus in die Erdgeschosswohnung, um auf der Vorderseite sogar durch die Fenster wieder herauszudrücken. „Hier sieht’s aus wie im Krieg. Wie in der Ost-Ukraine“, sagt ein Verwandter. Nur mit Glück wurde an der Hohen Eifer niemand ernsthaft verletzt: Denn der Kirchsteigbach spülte zentnerschwere Felsbrocken ins Tal. Die Wucht der Einschläge verbog Metalltore wie Pappe und knickte stählerne Zäune, als wäre es Maschendraht.

Doch die Aufräumarbeiten haben längst begonnen. Leute in Gummistiefeln kämpfen mit Schläuchen, Schaufeln und Eimern gegen die Flut. Feuerwehrleute pumpen Keller aus. Das THW ist vor Ort. Die Pfadfinder helfen. Schon wenige Stunden nach der Flut waren auf der Talstraße überall Radlader im Einsatz, um Schlamm und Geröll an die Seite zu schieben.

Auch etliche Geschäfte wurden von der braunen Lawine getroffen. Im AWG-Modecenter befördern drei Mitarbeiter per Schneeschieber den Schlamm nach draußen. Im Kik liegen Plasteschüsseln, Thermoskannen und Küchenkrepp-Packungen zwischen den umgestürzten Regalen. Im Kaufland dagegen hängt schon am Tag nach dem Unglück ein großes Transparent über dem Eingang: „Wir haben geöffnet“.

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Aus der Filiale im Triebischtal mussten die Kunden zügig evakuiert werden. Kaufland konnte aber schon am nächsten Morgen um sieben Uhr planmäßig wieder öffnen – nachdem zahllose Helfer die gesamte Filiale reinigten. Jetzt wird das Sortiment geprüft.„Ware, die noch verwertbar ist, wird an soziale Einrichtungen wie die Tafel und das Tierheim abgegeben“, sagt eine Kaufland-Sprecherin. Die Mitarbeiter haben längst Erfahrung mit dem Hochwasser. So wie Anwohnerin Romy Schmidt, die zum dritten Mal Wasser in der Wohnung hat – dabei war sie zuletzt extra ein ganzes Stück von der Triebisch weggezogen. „Warum trifft es immer uns?!“