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Nach der Messerattacke

Der Überfall am Kanal sorgt für Diskussionen. Einige Einwohner wollen sogar eine Bürgerwehr gründen.

© Lutz Weidler

Von Eric Weser

Gröditz. Eine Woche liegt die Messerattacke eines Unbekannten gegen einen 40-Jährigen zurück. Das schwer verletzte Opfer konnte mittlerweile aus dem Krankenhaus entlassen und von der Polizei vernommen werden – neue Erkenntnisse zu dem Vorfall gebe es aber noch keine. Der Täter war nach Polizeiangaben am Gröditzer Kanal aus einem Gebüsch herausgesprungen, hatte den Passanten gepackt und in gebrochenem Deutsch nach Zigaretten gefragt, ehe er unvermittelt auf das Opfer einstach.

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In Gröditz sorgt die Messerattacke derweil für viel Gesprächsstoff. Denn obwohl es keine offizielle Bestätigung dafür gibt, vermuten manche einen Bewohner der Asylbewerber-Unterkunft als Täter.

„Selbstjustiz geht gar nicht“

Im Sozialen Netzwerk Facebook ziehen Anwohner ihre ganz eigenen Schlüsse aus dem Vorkommnis. Dort wird über die Gründung einer Bürgerwehr nachgedacht. „So ihr wisst ja nun was hier so los ist in unserer schönen Stadt und ich möchte nicht das es hier noch schlimmer wird also lasst uns eine Bürgerwehr oder was anderes gründen um unsere Stadt und den Rest um gröditz und so wieder sicher zu machen ...“, schreibt ein Gröditzer bei Facebook (Schreibweise im Original). Mehrere andere Nutzer, offenbar auch in der Röderstadt zu Hause, bekunden ihren Willen, mitzumachen: „Wann wo wieviele?“, fragt einer. „Müssen sehen wie viele wir werden ich würde sagen abends eine bestimmte zeit durch gröditz fahren oder gehen damit die sehen wir machen hier auch was ...“, antwortet der Ideengeber. Dann endet die Debatte. Auf SZ-Anfragen zu den Motiven für eine Bürgerwehr-Gründung melden sich weder Initiator noch Mitdiskutanten.

Offen ist damit auch, ob der Plan aus der Internet-Debatte in die Tat umgesetzt wurde. Was zweifelhaft erscheint. Patrouillierende Grüppchen hat man in Gröditz bisher jedenfalls nicht beobachten können, heißt es von mehreren Anwohnern. „Ich habe noch nichts davon gehört oder gesehen“, sagt auch CDU-Stadtrat und Streetworker Marco Wegner. Eine Bürgerwehr für die Röderstadt lehnt er rundweg ab. „Wir haben einen Rechtsstaat. Selbstjustiz ist das Allerletzte.“

Auch Siegfried Janetzki, der sich ehrenamtlich als Vorsitzender des Präventionsrates für Sicherheit und Ordnung in der Röderstadt engagiert, ist von den Bürgerwehr-Plänen überrascht. Er wolle das Thema beim nächsten Treffen des Präventionsrates ansprechen.

Verändertes Sicherheitsgefühl

Dass es in Gröditz ein verändertes Sicherheitsgefühl gibt, glaubt Norbert Ehme. Er wolle nicht von Angst sprechen, eher von Besorgnis, so der Chef des Gröditzer Bündnisses für Demokratie und Zivilcourage. Diese Besorgnis hänge nicht nur mit dem Vorfall am Kanal zusammen, ist er der Meinung. Auch die Übergriffe auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof zum Jahreswechsel trügen dazu bei. Mit dem Begriff Bürgerwehr hat Ehme seine Probleme. „Das klingt so nach Selbstjustiz und Gewaltausübung, da will ich überhaupt nicht hin.“ Eine Art Aufpasser-Streife könne er sich aber vorstellen. Die müsse gemischt sein, etwa mit zwei Deutschen und zwei Asylbewerbern. „Da würden die Asylbewerber von sich aus zeigen, da gibt es Sachen, die gefallen uns auch nicht. Und der Einheimische zeigt: Mit denen tue ich mich gerne zusammen.“ Aus Ehmes Sicht wäre das eine Form der Integration. In Gröditz brauche es solche Streifen aber nicht.

Laut Polizeidirektion Dresden sei die Sicherheitslage in der Röderstadt unverändert. „An dieser grundsätzlichen Einschätzung ändert auch ein Einzeldelikt wie der Fall vom vergangenen Mittwoch nichts“, so Polizeisprecher Thomas Geithner. Es gebe in Gröditz „weder örtliche noch straftatenspezifische Schwerpunkte.“ Die Stadt werde täglich durch die Polizei bestreift – sowohl durch den Streifendienst als auch Bürgerpolizisten. Die seien dienstags zwischen 14 und 18 Uhr im Polizeiposten im Rathaus anzutreffen. Die Bürgerwehr-Pläne aus der Röderstadt seien der Polizei unbekannt, so Geithner.

Heimatschutz als Vorbild?

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Ist die Gröditzer Bürgerwehr also womöglich nur eine abendliche Bierlaune und Internet-Kraftmeierei ohne realen Bezug? Womöglich. Dass Aufrufe im virtuellen Raum des Internets jedoch durchaus zu Bewegungen auf der Straße führen können, zeigt das Beispiel der Meißner „Initiative Heimatschutz“, die monatelang Hunderte Menschen mobilisierte. Die fremdenfeindliche Gruppierung war im Frühjahr 2015 nach einer Kneipenschlägerei zwischen Deutschen und Ausländern entstanden. Auch damals war anfangs von einer Bürgerwehr-Gründung die Rede.