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Nach Gutachten zu Arafat-Tod mehr Fragen als Antworten

Der 2004 gestorbene PLO-Führer Jassir Arafat fiel - möglicherweise - einem Giftmord zum Opfer. An Verdächtigen mangelt es ebensowenig wie an offenen Fragen.

© dpa

Tel Aviv/Ramallah. Kaum war der legendäre Palästinenserführer Jassir Arafat 2004 im Alter von 75 Jahren in einem französischen Militärkrankenhaus gestorben, schossen die Spekulationen ins Kraut. Außer Krankheiten wurde sofort auch Gift als Todesursache genannt. Und als möglicher Täter stand Israel am Pranger. Beweise gab es dafür jedoch keine.

Jetzt wollen Schweizer Experten vom Institut für Radiophysik des Universitätsklinikums in Lausanne (CHUV) zumindest Hinweise auf die mögliche Todesursache gefunden haben: Es sei erwiesen, dass Arafat eine abnormal hohe Dosis des radioaktiven Stoffes Polonium 210 im Körper gehabt habe, betonten sie am Donnerstag.

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Es gebe aber so lange nach dem Tod keine letzte Sicherheit, dass er daran gestorben sei. „War es die sichere Todesursache? Die Antwort ist leider „Nein““, sagte François Bochud, Chef der Strahlenphysik. Polonium 210 ist allerdings extrem giftig, schon ein Millionstel Gramm kann einen Menschen töten. Veröffentlicht worden war das 108 Seiten lange Gutachten schon am Vortag von dem Fernsehsender Al-Dschasira, der offenbar über beste Verbindungen zu Arafats Witwe Suha verfügt.

Was ist Polonium?

Entdeckung:

Die Nobelpreisträgerin Marie Curie entdeckte das chemische Element Ende des 19. Jahrhunderts und nannte es zu Ehren ihrer polnischen Heimat Polonium.

Wo es zu finden ist:

Das radioaktive Schwermetall ist in geringen Mengen in Uranerzen enthalten. Es kommt in verschiedenen Isotopen vor, darunter Polonium 210.

Wozu es genutzt wird:

Pro Jahr werden schätzungsweise 100 Gramm Polonium hergestellt. Es wird als Neutronenquelle benutzt, auch zum Zünden einer Atombombe. Es wird auch als Wärmequelle für thermoelektrische Zellen zum Beispiel in der Raumfahrt eingesetzt.

Wirkung:

Schon ein Millionstel Gramm Polonium 210 kann einen Menschen töten. Das Radionuklid sendet zwar nur eine kurze Alphastrahlung aus, die durch Kleidung, Papier oder Haut abgehalten wird. Es wird aber gefährlich, wenn Polonium geschluckt, eingeatmet oder über Wunden aufgenommen wird.

Bekannte Vergiftungsfälle:

2006 wurde der russische Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko in London mit Polonium ermordet. Er wurde mit der radioaktiven Substanz im Tee vergiftet. Auch Spekulationen über die Tode des Palästinenserführers Jassir Arafat 2004 und des türkischen Präsidenten Turgut Özal 1993 drehen sich um Mord mit Polonium.

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Die Schweizer hatten erstmals im Juli 2012 den Verdacht auf Polonium 210 gelenkt. An persönlichen Gegenständen wie Unterwäsche und einer Zahnbürste, die Arafat kurz vor seinem Tod benutzt haben soll, hatten sie Spuren von Polonium 210 gefunden. Suha hatte die Gegenstände zur Verfügung gestellt, Al-Dschasira berichtete schon damals exklusiv.

Unislamische Exhumierung in Ramallah

Um endlich Gewissheit zu bekommen, gaben die palästinensischen Behörden schließlich im vergangenen November grünes Licht für eine im Islam eigentlich verbotene Exhumierung Arafats. In dem Grab unter seinem prunkvollen Mausoleum in Ramallah entnahmen jedoch nicht nur die Schweizer Proben, sondern auch Franzosen und Russen.

Aber statt zu Klarheit führte das zu noch mehr Fragen und Widersprüchen. In einigen Monaten würden die Ergebnisse der Untersuchungen vorliegen, hieß es damals. Tatsächlich aber dauerte es fast ein Jahr, bis die Russen als erste Ergebnisse nannten: „Kein Polonium“, hieß es aus Moskau. „Er kann nicht mit Polonium vergiftet worden sein“, sagte Wladimir Ujba, Chef der staatlichen biologisch-medizinischen Agentur Mitte Oktober.

Nur Stunden später aber kassierte ein Vertreter des russischen Außenministeriums die Angaben wieder ein. Es sei gar nichts gesagt worden, behauptete er. Für Moskau ist das Thema Polonium ein heißes Eisen. Russland steht selbst im Verdacht, 2006 den russischen Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko in London mit Polonium vergiftet zu haben. Und das Gutachten aus Frankreich ließ auf sich warten.

„Der ganze Fall ist total undurchsichtig und gleicht einer Achterbahn im Dunkeln“, sagte der israelische Journalist Matthew Kalman der Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag. Der israelische Außenamtssprecher Jigal Palmor sprach sogar von einer „Seifenoper“. Die ganze Giftmordtheorie habe so viele Löcher wie ein Schweizer Käse, lästerte er.

Kalman glaubt sehr wohl, dass Arafat einem Giftmord zum Opfer gefallen ist. Zusammen mit dem Autor Matt Rees hat er versucht, die Hintergründe des Todes aufzudecken. In ihrem Buch „The Murder of Yasser Arafat“ kommen sie zu dem Schluss, dass Arafat vermutlich einer Intrige höchster palästinensischer Kreise zum Opfer gefallen sei. Israel habe 2004 gar kein Motiv mehr gehabt, den politisch bereits geschwächten Arafat zu töten.

Gründe, den alternden Arafat aus dem Weg zu räumen, könnten durchaus Rivalen aus den eigenen Reihen gehabt haben. Mit seinem autoritären Führungsstil hatte sich Arafat, der schon mal einen Minister ohrfeigte und einen Sicherheitschef mit gezückter Pistole entließ, nicht nur Freunde gemacht. Zudem wucherte die Korruption und Millionen-Hilfsgelder wurden auf Arafat-Konten in fernen Steuerparadiesen umgelenkt. (dpa)