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Der sächsische Firmenwald

Unternehmen können in Kooperation mit der Umweltstiftung Wilderness International ihre CO2-Emissionen kompensieren.

Von Nora Miethke
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Der Regenwald Toba River-Tal an der Westküste Kanadas ist für die Dresdner Stiftung Wilderness International die "Lunge des Planeten" wegen der hohen Bindekraft von CO2.
Der Regenwald Toba River-Tal an der Westküste Kanadas ist für die Dresdner Stiftung Wilderness International die "Lunge des Planeten" wegen der hohen Bindekraft von CO2. © Reinhard Mink/Wilderness International

Dass der Küstenregenwald entlang des Toba River in Westkanada ein "richtiger Dschungel" ist, das überraschte Thomas Mach, das hatte er nicht so erwartet. "Diese immens hohen Bäume, mit Unmengen an Moosen und Farnen behangenen Bäume mit einer Dicke von Stämmen, wie ich es bisher noch nie gesehen hatte", erinnert sich der Digitalisierungschef und CSR-Beauftragte des Dresdner Erlebnisreisen-Anbieters Diamir und schwärmt: "Es war schon ein sehr eindrückliches Gefühl, diese intakte Natur und Biodiversität zu sehen."

Im September 2019 war Mach, damals noch für das Marketing von Diamir zuständig, nach Vancouver Island geflogen und dort zwei Tagesetappen im Boot in die Wildnis entlang der Toba-River-Mündung vorgedrungen, um sich selbst von der Unversehrtheit der Fläche Regenwald zu überzeugen, die das Tourismusunternehmen schützt und damit die CO2-Emissionen kompensiert, die durch seine Reisen entstehen.

Geleitet wurde die Expedition von der Dresdner Umweltstiftung Wilderness International. Stiftungschef Kai Andersch und sein Team haben seit der Gründung 2008 rund fünf Millionen Quadratmeter Primärwald an der kanadischen Westküste von Privatpersonen, Forstkonzernen und auch Bergbauspekulanten erworben, um sie vor Abholzung zu bewahren. Finanziert werden die Käufe über Spenden, sogenannte Wildnispatenschaften.

Ein Grizzlydame mit zwei Jungtieren beim Lachsfischen.
Ein Grizzlydame mit zwei Jungtieren beim Lachsfischen. © Ronny Scholz/ Wilderness International

Fast die Hälfte der Fläche konnte laut Johann-Georg Cyffka von Wilderness mit sächsischen Spenden von Schülern, Unternehmen und Privatpersonen refinanziert werden. Der Küstenregenwald sei das artenreichste Ökosystem der Nordhalbkugel und die "Lunge des Planeten", weil er Unmengen an Kohlenstoff in seiner Biomasse bindet (104 Kilogramm CO2 pro Quadratmeter). Wenn er abgeholzt werden würde, gelänge ein Großteil des Kohlenstoffs wieder in die Atmosphäre und würde so zur Erderwärmung beitragen, begründet Wilderness, warum die Stiftung sich für den Schutz des Regenwaldes in Kanada entschieden hat.

Diamir ist nach eigenen Angaben der Partner der ersten Stunde aus dem Bereich Tourismus. 2015 stellte das Unternehmen den Umweltschützern sämtliche Reisestatistiken zur Verfügung, damit pro Reise der CO2-Fußabdruck für alle Reisebestandteile wie Flüge, Hotelübernachtungen, Verpflegung und Transfers ermittelt werden konnte.

Vor Beginn der Corona-Pandemie hatten die Dresdner Reisen in 120 Länder der Welt im Angebot. Für jede Reise wurde ein CO2-Kostenfaktor errechnet, der durchschnittlich bei 40 bis 50 Euro pro Person pro Reise liegt. Die Hälfte zahlt Diamir, die andere Hälfte können die Kunden freiwillig bezahlen. Wurden 2016 nur rund vier Prozent des Kundenanteils kompensiert, waren es im vergangenen Jahr schon 21 Prozent. "Da liegen wir weit über dem Niveau, das auf dem Markt üblich ist", freut sich Thomas Mach. Er stellt bei den Diamir-Reisenden einen "signifikanten Verständnisprozess" fest.

Und so wächst der "Diamir-Wald" beständig. Bislang werden 1,1 Millionen Quadratmeter Regenwald durch die Spenden geschützt, das entspricht 151 Fußballfeldern nach Fifa-Norm. Fast 113.000 Tonnen CO2 können so gebunden werden.

In der eingekreisten Fläche auf der Karte wächst der sächsische Firmenwald. Dort kauft die Stiftung Grundstücke auf, um den Wald dauerhaft unter Schutz zu stellen.
In der eingekreisten Fläche auf der Karte wächst der sächsische Firmenwald. Dort kauft die Stiftung Grundstücke auf, um den Wald dauerhaft unter Schutz zu stellen. © SZ

Bei der Auswahl der Gebiete in Kanada und seit vergangenem Jahr auch im Regenwald in Peru arbeitet Wilderness International mit den Forschern des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung zusammen. Kriterien wie Artenvielfalt, Biomasse und akute Bedrohung spielen eine Rolle. Wilderness geht in Vorkasse und erwirbt die Grundstücke, die Kaufpreise werden über Spenden refinanziert.

Diese wissenschaftliche Grundlage für das Kompensationsmodell hat auch das Dresdner Unternehmen Anton Gerl GmbH überzeugt. "Denn wir möchten mit unserer Unterstützung kein 'Greenwashing' betreiben, sondern tatsächlich etwas zum Erhalt unseres Planeten beitragen", betont Geschäftsführer Michael Semmler. Der Großhändler für Zahnarztpraxen und Dentallabore hat in den Jahren 2018 bis 2020 rund 11.600 Tonnen CO2 emittiert – in erster Linie für die Bereiche Mobilität, Gebäude und Strom.

Immer mehr Betriebe kompensieren

Diese Emissionen wurden durch den Schutz von insgesamt 110.400 Quadratmetern Regenwald in Westkanada ausgeglichen. Das Unternehmen unterstützt seit 2008 die Umweltbildungs- und Naturschutzmaßnahmen von Wilderness, Patenschaften für die ersten 5.500 Quadratmeter Regenwald wurden 2014 übernommen. Als nächstes Ziel haben Semmler und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sich vorgenommen, die gesamte Anton Gerl GmbH klimaneutral zu gestalten – von der Umstellung auf nachhaltige Verpackungen über energieeffiziente Produktion und Logistik bis zu Materialeinsparungen.

Wilderness hat einen speziellen CO2-Rechner für Zahnärzte und Arztpraxen entwickelt, mit dessen Hilfe der Kohlenstoffdioxid-Verbrauch ermittelt werden kann. Auf der Internetseite der Stiftung lässt sich auch ein Rechner allgemein für Firmen finden, die dort ihren CO2-Verbrauch für ihren Bürobetrieb errechnen können. Spender erhalten eine Patenschaftsurkunde mit einem Luftbild der Urwald-Fläche, die durch ihr Geld geschützt werden kann. Das ist möglich, weil Wilderness den Regenwald durch Drohnen aus der Luft kartiert und mit einer Georeferenz versieht. Das Verfahren sei völlig transparent, für den CO2-Rechner werden öffentlich zugängliche Daten verwendet und die Berechnungsgrundlage offengelegt, versichert Cyffka und betont: "Das ist handfester Umweltschutz made in Sachsen."

W130°41‘10.820 N53°56‘57.377 sind die Koordinaten des 1.664 Quadratmeter großen Patenschaftsgebiets der Bisch-Chandaroff-Werkstätten. Damit kompensierte der textile Raumausstatter die Emissionen für das Betriebsjahr 2019. Den Kontakt zu Wilderness fand Ralf Bisch-Chandaroff über seinen Sohn Henri, der schon als Schüler für die Stiftung aktiv war. Ihn begeistert die Leidenschaft, mit der die Regenwaldschützer ihre Ziele verfolgen.

"Wilderness International arbeitet strukturiert und transparent, kommuniziert klar und bietet die Möglichkeit, den CO2-Fußabdruck zu ermitteln, wenn sicher auch mit Unschärfen", lobt der sächsische Spezialist für textiles Interieur. Er habe sich nicht auf die Suche nach Kompensationsanbietern gemacht, weil es mit Wilderness schon eine "vertrauenswürdige Organisation in der Nachbarschaft" gab, betont Bisch-Chandaroff, für ihn "ein natürlicher Partner".

www.wilderness-international.org