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Nachhilfe in Bescherung

Vorm Fest werden studentische Weihnachtshelfer geschult, wie man mit Scheidungskindern und Hausmusik umgeht.

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© André Wirsig

Doreen Reinhard

Die Ersten öffnen die Tür mit einem kessen „Hohoho“ auf den Lippen, die Letzten bringen gerade noch ein erschrockenes „Oh, mein Gott“ hervor. Der Sitzungsraum der Studentenratsbaracke ist hoffnungslos überfüllt mit Nachhilfeschülern, die auf wichtige Lektionen warten. Scheine werden an diesem Abend nicht verteilt, dafür Rauschebärte und Engelsflügel, rote Mäntel und glitzernde Flatterkleider. Christian Gottschild sitzt mit Ruprecht-Mütze im Getümmel. Eigentlich ist er Betriebswirtschaftler, im Dezember jedoch als Chef-Logistiker für den studentischsten aller Studentenjobs beschäftigt.

Dieses Jahr noch mehr als im letzten, erklärt er, und wirft die erste Folie seiner Powerpoint-Präsentation an die Wand. „Aktuell sieht’s so aus: Auf dem Dresdner Markt ist kein einziger Weihnachtsmann mehr zu bekommen.“ Alles ausgebucht, und Marktführer ist wie immer die studentische Arbeitsvermittlung. 83 Ruprechte und 13 Christkinder werden Heiligabend über 650 Familien in Dresden besuchen.

Vor der Praxis ist allerdings eines Pflicht: der Grundkurs in Bescherung, denn die hat ihre Tücken. Angefangen bei der Routenplanung, denn jeder Weihnachtsmann muss zwischen sechs und acht Familien beglücken, hat also, wenn er es falsch anstellt, richtig Stress. Neulinge können bei der Schulung aus den Fehlern des erfahrenen Personals lernen. Wichtigster Tipp: „Alle Adressen vorab auf Google Maps checken. Und legt euch die Tour so, dass ihr nicht im Zickzack fahrt“, erklärt Christian Gottschild. Egal, wie professionell die Planung ist, meist stolpert man trotzdem über Details. Eine halbe Stunde ist pro Familie geplant. „Erkundigt euch vorher, ob die Kinder Instrumente spielen“, raten die Profis. „Dann dauert das Ganze gleich viel länger.“ Und während der Bescherungs-Hetze unbedingt auf das eigene Wohlergehen achten, denn im dicken Kostüm war schon mancher Ruprecht nah am Kreislaufkollaps. „Ich habe letztes Mal acht Familien am Stück beschert“, sagt Marco Thamm, Volkswirtschaftsstudent und Weihnachtsmann im dritten Jahr. „Danach war mir übel, weil ich die ganze Zeit nur durch die Maske geatmet habe.“

Die Maske – im Kleinen ist das der watteweiche Kunstbart, den die Herren mit spärlicher Gesichtsbehaarung als Tarnung nutzen, die meisten der Anfangzwanziger im Sitzungsraum also. Im Großen meint die Maske aber noch viel mehr, dazu verteilt Christian Gottschild den Weihnachtsmann-Reader mit ausführlichen Tipps für das Gesamtbild. „Denkt daran, der Weihnachtsmann kommt in einem Rentierschlitten, nicht in einem alten Opel Corsa“, mahnt er. „Parkt also bitte um die Ecke.“ Für die Herren sind außerdem Turnschuhe tabu und Bäuche erwünscht, schmale Vertreter werden gebeten, sich mit einem Kissen zu polstern. Und die Christkinder sollen bitte schön auf den Umgang mit ihren Flügeln achten. Politikstudentin Maria Ritt nickt wissend: „Die sind so groß, dass man durch keine Tür passt, und man muss ständig aufpassen, dass man damit nicht an einer Kerze Feuer fängt.“ Mit ihrer Premiere als Christkind war sie letztes Jahr trotzdem zufrieden. Der Ertrag hat gestimmt, denn pro Familie gibt es 26 Euro plus Trinkgeld plus Geschenke – erfahrungsgemäß Schnaps, Schokolade oder selbstgemalte Kinderbilder. Zum anderen hat sie die Stimmung so überzeugt, dass sie nun ein zweites Mal ins Rennen geht. „Klingt kitschig, aber es ist wirklich schön, Kinder glücklich zu machen. Es gab auch Pannen, aber die machen das Ganze menschlich.“

Ist das Papa oder Mamas Freund?

Und sie passieren jedem. Etwa bei Adressen mit Haustieren. Es gab schon einen Weihnachtsmann, dem mitten in der Bescherung eine Katze auf den Kopf gesprungen ist. Und einen anderen, in dessen Oberschenkel sich Omas Hündchen verbissen hat. Der andere Unsicherheitsfaktor sind die Familien selbst. Nicht selten herrscht Heiligabend dicke Luft. „Ich war mal bei einer, da gab es gerade richtig Zoff“, erzählt ein Student. „Da habe ich meine Bescherungsrede wie ein Politiker vorgelesen und war nach sechs Minuten wieder draußen.“ Andere Kollegen haben unklare Patchwork-Familienverhältnisse aus dem Konzept gebracht. Zum Beispiel, wenn das zu beschenkende Kind auf die harmlos gemeinte Weihnachtsmannfrage „Wo ist denn der Papa?“ antwortet: „Aber das ist gar nicht der Papa, das ist der Uwe.“ Ruprecht-Logistiker Christian Gottschild kann davon viele Lieder singen: „Leute, in Deutschland trennen sich fast die Hälfte aller Ehepaare, ihr habt es also mit vielen Scheidungskindern zu tun. Erkundigt euch genau nach den Familienkonstellationen.“

Eine andere Frage parieren die meisten routiniert: die nach der Echtheit des Weihnachtsmanns. Diese kommt oft, aber meist hilft dieselbe sanfte Drohung: „Wenn ich nicht der Weihnachtsmann bin, dann nehme ich die Geschenke eben wieder mit.“ Ruten sind bei den studentischen Helfern als Autoritätswerkzeug mittlerweile verboten, trotzdem fühlen sich nicht wenige als Erziehungsinstanz missbraucht. „Lasst euch bloß nicht als pädagogischer Zeigefinger benutzen. Manche Eltern übertreiben echt“, warnt ein Christkind. Der Deal Schnuller gegen Geschenk ist dabei noch ein harmloser Klassiker. In anderen Familien bekommen die Weihnachtshelfer Listen, auf denen eine lange Reihe schlechter Kindertaten, aber keine einzige gute dokumentiert ist. „Da frage ich gezielt nach den guten, damit sich die Kinder nicht blöd vorkommen“, empfiehlt Maschinenbaustudent Martin Golm. Auch für ihn ist es bereits die dritte Saison als Weihnachtsmann. Die Bescherung im eigenen Familienkreis holt er nach seinem letzten Auftritt nach, und eigentlich ist er auch erst dann bereit dafür: „Denn bei diesem Job komme ich überhaupt erst in Weihnachtsstimmung.“