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Nachhilfe trotz guter Noten

Jeder siebte deutsche Schüler nimmt privaten Förderunterricht in Anspruch. Zuweilen sogar kostenlos.

Von Carola Lauterbach

Sie wollen nicht sitzenbleiben oder noch bessere Zensuren auf dem Zeugnis haben – genau genommen wollen das vor allem ihre Eltern. Für 1,2 Millionen Schüler zwischen sechs und 16 gehört das zusätzliche Büffeln am Nachmittag heute zum Alltag. Das geht aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor, für die bundesweit 4 300 Eltern befragt wurden.

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Demnach erhält jeder siebte Schüler privat finanzierte oder kostenfreie Nachhilfe, im Osten Deutschlands sollen es 16, im Westen 13 Prozent der Schüler sein. Im Rahmen einer Befragung an sächsischen Gymnasien für den SZ-Schulnavigator durch Schulforscher der TU Dresden hatten zuletzt elf Prozent der Eltern angegeben, dass ihr Kind Nachhilfe erhält.

An Gymnasien ist die Lernunterstützung bundesweit am verbreitetsten. Fast jeder fünfte Schüler dort nimmt sie in Anspruch. Allerdings betrifft das auch schon fünf Prozent der Grundschüler – insbesondere dann, wenn der Wechsel an die weiterführende Schule bevorsteht.

61 Prozent aller Nachhilfeschüler pauken Mathe. In diesem Fach gibt es den größten Unterstützungsbedarf, gefolgt von Fremdsprachen (46 Prozent) und auch Deutsch (31 Prozent).

Wie sehr die Kinder und Jugendlichen bzw. deren Eltern daran interessiert sind, immer bessere Leistungen zu erzielen, macht dieser Studienbefund deutlich: Zwar haben knapp zwei Drittel der Nachhilfeschüler in Mathematik eine Vier, Fünf oder Sechs auf dem Zeugnis, doch ein Drittel nutzt das Zusatzangebot auch bei sehr guten bis befriedigenden Noten, also bei einer Eins, Zwei oder Drei. „Wir sehen den deutlichen Trend, dass es nicht mehr nur darum geht, schulisches Scheitern abzuwenden“, sagte Bildungsforscher und Studienautor Prof. Klaus Klemm. Vielen Eltern gehe es offenbar darum, mit besseren Noten den Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium leichter zu ermöglichen oder später mit guten Notendurchschnitten die Chancen auf Ausbildungsplatz- und freie Studienfachwahl zu verbessern.

Eltern lassen sich den Nachhilfeunterricht für ihr Kind etwas kosten. Die Branche – geschätzt 4 000 Institute plus privater Nachhilfelehrer vom Studenten bis zum pensionierten Lehrer – kann auf Einnahmen von 879 Millionen Euro im Jahr rechnen. Monatlich bringen Mütter und Väter im Schnitt 87 Euro dafür auf. Es überrascht nicht, dass Schüler aus finanzstarken Familien mit einem Haushaltsnettoeinkommen ab 3 000 Euro häufiger zur Nachhilfe geschickt werden (15 Prozent) als Kinder aus Familien mit geringerem Einkommen (12 Prozent), und Kinder mit Migrationshintergrund seltener (elf Prozent) als Kinder mit deutschen Wurzeln (14 Prozent).

Mehr Förderung an Ganztagsschulen

Das lässt zunächst den Schluss einer großen Chancen-Ungerechtigkeit zu. Diesbezüglich lässt die Studie indes etwas Hoffnung aufkommen. Denn rund ein Drittel der Eltern gibt an, für die Nachhilfe ihrer Kinder nichts bezahlen zu müssen. Der Grund: Die Schulen der Kinder bieten selbst Fördermaßnahmen an. Schüler an sogenannten Halbtagsschulen erhalten demnach in 20 Prozent aller Fälle ein kostenfreies Angebot, an Schulen mit Ganztagsangeboten ein Viertel bis ein Drittel.

Der Ausbau von Ganztagsschulen, wo feste Betreuungszeiten außerhalb des Unterrichtes geregelt sind, müsse daher vorangetrieben werden, ist eine Schlussfolgerung auf die aktuelle Studie. „Bildungschancen dürfen nicht von privat finanzierter Nachhilfe abhängen“, fordert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Ganztagsschulen böten einen guten Rahmen für zusätzliche Förderung. Er schreibt den Schulen ferner ins Stammbuch, dass Nachhilfe kein Ersatz für fehlende individuelle Förderung sein dürfe. „Gerade die weiterführenden Schulen“, so Dräger, „müssen sich noch besser auf die Vielfalt ihrer Schüler einstellen.“

In diesem Zusammenhang hatten im Rahmen der Befragung für den SZ-Schulnavigator 60 Prozent der Eltern an Gymnasien angegeben, die Schule ihres Kindes gebe sich sehr große bzw. große Mühe bei der Förderung der Schüler. Die Zeit, die Eltern selbst für die schulische Förderung ihrer Kinder aufwenden, ist indes gesunken. Das zeigt der Trend aus drei Schulnavigator-Befragungen zwischen 2010 und 2014, auf den der Dresdner Schulforscher Prof. Wolfgang Melzer hinweist. Demnach stieg der Anteil der Eltern, die gar keine Zeit dafür haben, von knapp 23 Prozent im Jahr 2010 auf zuletzt 35 Prozent.

Nachhilfe wird dort nachgefragt, wo regulärer Unterricht nicht ausreicht. Doch es sei „Kernaufgabe der Schulen, die Potenziale der Jugendlichen so zu fördern, dass sie nicht mehr auf privat finanzierte Nachhilfe zurückgreifen müssen“, sagt Studienautor Klaus Klemm. (mit dpa)