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Nervosität auf der Prager Burg

© dpa

Präsident Zeman muss in die offene Stichwahl zur Verteidigung seines Amtes und Konkurrent Drahoš holt auf.

Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

Als Miloš Zeman am Tag vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl einer Zeitung gestand, dass er „nervös“ sei, da taten das viele Leser als Koketterie ab. Immerhin gab es in Tschechien auch Umfragen, die dem amtierenden Präsidenten einen Durchmarsch zur nächsten Amtszeit schon im ersten Anlauf zutrauten.

Zeman war da vorsichtiger. Zudem kennt er seine Pappenheimer: Die Tschechen, so sagte er, neigten dazu, sich hinter einem Wahlverlierer zu einigen und dann im zweiten Wahlgang den Gewinner aus der ersten Runde in die Röhre gucken zu lassen. „Ich muss mich darauf vorbereiten, vor der Stichwahl in eine sehr schwierige Position zu kommen“, räumte der amtierende Präsident ein.

Und in genau der ist er jetzt. Zeman gewann zwar am Wochenende die erste Runde mit etwa 38,5 Prozent der Stimmen. Sein härtester Widersacher, der parteilose Chemieprofessor Jiri Drahoš, kam auf nur 26,6 Prozent. Doch der große Abstand täuscht. Jedes Prozent unter 40 ist unter den Erwartungen Zemans und erfordert dringend einen Plan B. Zeman äußerte sich zwar zuversichtlich, am Ende das Rennen zu machen. Doch die gleiche Zuversicht brachte auch Drahoš zum Ausdruck.

Beider Chancen stehen in der Tat 50 zu 50. Die Wettbüros in Tschechien glauben gar an einen Sieg des vermeintlichen Außenseiters, der mit Politik bisher nichts zu tun hatte. Drahoš sagte unter anderem, er lasse sich vom slowakischen Präsidenten Andrej Kiska inspirieren, der – ebenfalls von Politik völlig unbeleckt – vor vier Jahren den klar favorisierten und politisch hoch erfahrenen Premier Robert Fico bezwang. Ganz wichtig für Drahoš ist das Versprechen von mehreren unterlegenen Kandidaten, ihn vor der zweiten Runde gegen Zeman unterstützen zu wollen – das, was Zeman am meisten fürchten muss.

Würden deren Wähler sich auch für Drahoš mobilisieren lassen, könnte der mit 1,7 Millionen zusätzlichen Stimmen rechnen, die von Zeman kaum wettgemacht werden könnten. Sucht man nach weiteren Gründen für den Optimismus von Drahoš, wird man in einer Umfrage des tschechischen Fernsehens fündig. Dort wurde nach den herausragenden Eigenschaften aller neun Kandidaten der ersten Runde gefragt. Drahoš schnitt mit Abstand beim Punkt „Würde für das Amt“ am besten ab; Zeman landete da auf dem letzten Platz. Offenkundig missfällt einer doch erheblichen Zahl von Tschechen der Hang Zemans zum Pöbeln und zum Alkohol oder auch der Fakt, dass er in den vergangenen Jahren immer wieder Günstlinge des früheren sozialistischen Regimes, darunter Ex-Stasi-Leute, mit Orden ehrte. Drahoš verspricht zudem, mit der von Zeman betriebenen Polarisierung der Gesellschaft Schluss zu machen und die Tschechen zu einen. Und schließlich ist da auch die Sorge vieler, dass Tschechien mit Zeman immer mehr nach Osten rücken könnte. Drahoš ist ein klarer Euro-Atlantiker und steht voll zur Westbindung des Landes.

Am Samstagabend ereilte Zeman zu allem Unglück eine weitere kalte Dusche, als der amtierende Regierungschef Andrej Babiš das Wahlergebnis kommentierte. Babiš kritisierte dort überraschend deutlich Zemans außenpolitischen Kurs Richtung Moskau und Peking. Dort könne man zwar Geschäfte machen, müsse sich aber von der politischen Lage distanzieren. Babiš betonte mehrfach, dass in der Außenpolitik des Landes zwar auch der Präsident eine gewisse Mitsprache habe, die Richtlinienkompetenz aber eindeutig bei der Regierung liege. Tschechien gehöre zum Westen, zur EU und zur Nato. Zudem empfahl der Premier dem Präsidenten dringend, sich von einigen höchst dubiosen Beratern in seiner Umgebung zu trennen. Das waren sehr bemerkenswerte Aussagen, die so niemand erwartet hatte.

Zeman hat den erwähnten Plan B zu Teilen schon verraten. Er hatte sich vor der ersten Runde der Wahl ganz auf seinen Amtsbonus verlassen und sich einer direkten Konfrontation mit seinen Widersachern verweigert. Das will er jetzt ändern und stimmte dem Vorschlag von Drahoš zu, ein oder mehrere Fernsehduelle mit ihm auszutragen. Zeman ist hocherfahren in dieser Disziplin, der sich sein rhetorisch unterlegener Gegner noch nie aussetzen musste. Und er kennt eine inhaltlich erhebliche Schwachstelle von Drahoš: Der unterzeichnete einst ein Papier aus Wissenschaftlerkreisen, in dem die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen in Tschechien befürwortet wird. In dieser politischen Kernfrage steht die große Mehrheit der Tschechen voll hinter Zeman, der Flüchtlinge aus muslimischen Ländern strikt ablehnt.