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Neue Beinahe-Katastrophe in Venedig

"Bastard" und "Verbrecher" rufen Augenzeugen. Ein Kreuzfahrtschiff rammt fast eine Anlegestelle mitten in Venedig. Die Wut über riesige Schiffe dort wächst.

Das Kreuzfahrtschiff "Costa Deliziosa" fährt am Markusplatz vorbei, auf dem zahlreiche Touristen unterwegs sind. © Archivbild: Luca Bruno/AP/dpa

Von Annette Reuther

Venedig. Venedig ist nur knapp einem weiteren Unfall mit einem Kreuzfahrtschiff entkommen. Das Schiff "Costa Deliziosa" fuhr am Sonntag bei einem heftigen Unwetter gefährlich nahe an die Anlegestelle Giardini unweit des Markusplatzes. Das fast 300 Meter lange Schiff, das über 2800 Gäste an Bord nehmen kann, verfehlte nur knapp eine Jacht und weitere Boote, wie auf Videos zu sehen ist. Wasserbusse schaukelten wild auf den Wellen im Kanal, während der Kreuzer bei extrem schlechter Sicht schräg durchs Wasser fährt und laut tutet. Ein Schlepper zieht das Schiff noch rechtzeitig vom Pier in der Nähe der Gärten der Kunst-Biennale weg.

Erst Anfang Juni war ein Kreuzfahrtschiff der MSC Cruises in der italienischen Lagunenstadt beim Anlegen außer Kontrolle geraten und in ein Boot voller Reisegäste gekracht. Vier Menschen wurden verletzt. Die Kreuzfahrtgesellschaft machte damals ein "technisches Problem" verantwortlich. Der Streit über die großen Kreuzer tobt seit Jahren.

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Nun ging es zwar glimpflicher aus. "Der Kapitän hatte trotz der extremen (...) Umstände immer die Kontrolle über das Schiff", erklärte das Kreuzfahrtunternehmen Costa Crociere laut italienischer Nachrichtenagentur Ansa. Das Schiff habe seine Reise wie geplant fortsetzen können.

Doch die Wut über die riesigen Schiffe in der Unesco-Stadt wächst. "Verbrecher" und "sie gehören alle ins Gefängnis", hört man Augenzeugen auf Videos rufen, als sich die "Deliziosa" dem Pier nähert. "Solange es keine Toten gibt, passiert nichts in Venedig", twitterte die deutsche Schriftstellerin Petra Reski, die in Venedig lebt. Es sei sowieso schon "Wahnsinn", die Kreuzer in die Lagune fahren zu lassen - bei schlechtem Wetter sei es jedoch "kriminell", erklärte das Anti-Kreuzfahrtschiff Komitee No Grandi Navi.

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Dass die gigantischen Schiffe durch die Lagune der Weltkulturerbestadt fahren, ist seit Jahren höchst umstritten. Der Vorfall im Juni hat die Debatte darüber wieder voll entfacht. Zwar sind sich alle politischen Akteure einig, dass die Schiffe nicht mehr im Kanal von Giudecca nahe am historischen Zentrum fahren sollen. Wo sie jedoch sonst lang fahren sollen - darüber wird gestritten.

Verkehrsminister Danilo Toninelli kündigte noch am Sonntag eine sofortige Untersuchung zu dem neuesten Vorfall an. "Nach 15 Jahren, in denen nichts passiert ist, stehen wir vor eine Lösung", versprach er. Jedoch zeichnet sich nicht wirklich ein Ausweg ab, da Toninellis Fünf-Sterne-Bewegung eine von der Kommunalregierung favorisierte Lösung blockiert. Dem Verkehrsminister schweben Terminals außerhalb der Lagune vor - wie diese jedoch zu bauen sind, ist fraglich.

Die Stadt Venedig jedoch bevorzugt eine Anlegestelle im Industriehafen von Marghera, der aber erst noch ausgebaut werden müsste. Umwelt- und Kulturschützer wollen die Kreuzer komplett von der Stadt verbannen, denn der Bau neuer Kanäle und Fahrtrouten gefährde auch das sensible Gleichgewicht in der Lagune.

Umweltverbände und selbst der Bürgermeister Luigi Brugnaro hatten von der Unesco gefordert, Venedig auf die Liste der gefährdeten Kulturgüter zu nehmen, damit sich endlich etwas bewege. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen kam diesem Anliegen jedoch bei der letzten Sitzung in Aserbaidschan nicht nach. (dpa)