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Neue Dusche, altes Problem

Nach einem Sturz kann Annelies Zürz nur schlecht laufen und ließ ihr Bad umbauen. Nutzen kann sie es aber trotzdem nicht.

© Sven Ellger

Von Kay Haufe

Das Bad auf der Güterbahnhofstraße ist eng, aber alles hat seinen Platz. Nur ein Detail macht stutzig: In der Dusche von Annelies Zürz sind Waschpulver und Eimer abgestellt. „Ich kann sie ja eh nicht zum Waschen nutzen“, sagt die 78-Jährige und zeigt auf den über 22 Zentimeter hohen Einstieg. „Da komme ich nicht rein.“ Dabei hat sich Annelies Zürz ihr Bad 2016 extra umbauen lassen, weil sie im Jahr davor gestürzt war und sich dabei Becken und Wirbelsäule angebrochen hatte. „Monatelang war ich auf einen Rollstuhl angewiesen, da musste ich etwas unternehmen“, sagt die Seniorin. Denn sie will trotz Pflegegrad 2 weiterhin selbstständig in ihrer Wohnung leben. „Mit dem Rollator komme ich hier drin gut zurecht.“ Ihren Einkauf erledigt eine Pflegekraft.

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Ihre Genossenschaft, die Sächsische Wohnungsgenossenschaft Dresden (SWGD), hat dem Badumbau zugestimmt, unter der Maßgabe, dass Frau Zürz eine Sanitärfirma beauftragt, die rahmenvertraglich von der SWGD gebunden ist. Und dann lief eigentlich alles gut an, die Krankenkasse Barmer genehmigte das Geld für den Badumbau, die Handwerker schauten sich die Gegebenheiten vor Ort an. „Allerdings hat niemand mit mir gesprochen“, erinnert sich Annlies Zürz. Als sie bemerkte, dass das Duschbecken so hoch würde, habe sie sofort interveniert. „Es war mir klar, dass ich damit nicht zurechtkomme“, sagt die Seniorin. Immer wieder habe sie bei der beauftragten Sanitärfirma Ralph Mutze angerufen. Doch dort wurde ihr gesagt, dass die Mitarbeiter nur das bauen, was auch im Auftrag steht.

Torsten Munk, einer der beiden Vorstände der SWGD, bestätigt dies. „Ein behindertengerechter Umbau ist in diesem Wohnungstyp aufgrund des schmalen Bades nicht möglich“, sagt er. Die Genossenschaft würde jedoch immer versuchen, eine Möglichkeit für die Bestandsmieter zu finden, um die Wohnsituation speziell im Bad behindertenfreundlich zu gestalten. „Ein bodengleicher Einstieg ist baulich bedingt nur in besonderen Ausnahmefällen möglich und dabei an bestimmte technische Voraussetzungen gebunden“, sagt Munk. Gerade im Erdgeschoss, wo Frau Zürz wohnt, sei das aber nicht möglich. Dies habe man mit der Mieterin im Vorfeld auch ausführlich erörtert.

Das sieht Annelies Zürz anders. „Ich hätte doch nie einem so hohen Einstieg zugestimmt, damit ist doch mein Problem nicht gelöst“, sagt sie. Dennoch hat sie die Rechnung bezahlt, die sie von der Sanitärfima nach dem Umbau erhielt. „Da stand ja gleich drauf, dass ein Mahnvorgang in Gang gesetzt wird, wenn man nicht bezahlt“, sagt Zürz. Sie befürchtete weitere Kosten. Geduscht hat sie in ihrer neuen Kabine noch nicht einmal. „Ich habe Angst. Abgesehen vom hohen Einstieg ist die Lamellenverkleidung so wacklig, und der Haltegriff ist noch über den Armaturen angebracht. Zu hoch für mich, wenn ich mit der anderen Hand die Brause halten will“, sagt sie. Selbst mit den Pflegedienstmitarbeitern der Caritas, die regelmäßig zu ihr kommen, will sie das Risiko nicht eingehen, obwohl ihr das angeboten wurde.

Inzwischen hat der Sohn von Frau Zürz eine Brause an das Waschbecken angeschlossen, damit sie sich dort die Haare waschen kann. Doch sie wünscht sich eine andere Lösung für ihr Bad, mit der sie sich selbstständig waschen kann. SWGD-Vorstand Munk versteht dies, sagt aber, dass die räumlichen Gegebenheiten nicht viel ermöglichen. Das Bad sei sehr schmal, und ob dort eine Wanne mit einem bodentiefen Einstieg hineinpasst, müsse erst vor Ort geprüft werden. Munk versteht aber nicht, warum sich die Mieterin nicht viel eher an die Genossenschaft gewandt hat, sondern nach seinen Angaben erst im September 2017. „Das hätten wir uns viel eher anschauen können.“ Annelies Zürz sagt, sie habe oft deshalb bei der Genossenschaft angerufen. Erst als nichts passierte, habe sie es schriftlich versucht.

Torsten Munk erklärt, dass die Genossenschaft bei vielen älteren Mietern versuche, Lösungen zu finden, damit diese in ihren Wohnungen bleiben können. Annelies Zürz hat sogar eine Idee, wie das bei ihr funktionieren würde. In einem Sanitätshaus hat sie einen Prospekt einer Sitzbadewanne gesehen, die nicht breiter ist als ihre jetzige Dusche und einen bodentiefen Einstieg sowie tiefe Haltegriffe und Armaturen bietet. Sogar ihre Krankenkasse habe signalisiert, dass man sie möglicherweise noch einmal unterstützen könnte. „Das wäre mein absoluter Traum“, sagt Zürz.

Die Stadt will Projekte unterstützen, die es Senioren ermöglichen, länger selbstständig zu leben. Gerade wurde eine neue Beratungsstelle für alters- und behindertengerechtes Wohnen eingerichtet, immerhin ist schon heute mehr als ein Viertel der Stadtbevölkerung, das sind rund 150 000 Personen, über 60 Jahre alt.