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Neue Flüchtlingsheime

Der Kreis muss bis zum Jahresende 2 638 Asylbewerber aufnehmen. Doch die Unterkünfte reichen nur noch drei Wochen.

Von Catharina Karlshaus

Landkreis. Ulrich Zimmermann hat eine anstrengende Woche hinter sich. Vier Abende hintereinander hatte der zweite Beigeordnete des Landkreises Meißen Sitzungen und Zusammenkünfte. Während er am Dienstag in Großenhain bei einer Einwohnerversammlung zum Thema Asyl unflätig beschimpft und angefeindet wurde, musste er den Kreisräten im Verwaltungsausschuss vorgestern erklären, was in den nächsten Monaten auf die hiesigen Städte und Gemeinden zukommt: laut den aktuellen Zahlen von vor zwei Wochen nämlich die Auswirkungen einer Flüchtlingswelle, die auch vor dem Landkreis Meißen nicht haltmacht. „Wir waren bisher immer davon ausgegangen, dass wir bis zum Jahresende 1 438 Menschen aufnehmen müssen. Nun wurde uns mitgeteilt, dass aufgrund der aktuellen Situation 1 200 Flüchtlinge mehr zu uns kommen werden“, erklärt Ulrich Zimmermann.

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Eine völlig neue Dimension der Unterbringung, die den Kreis erstmalig an seine Kapazitäts-Grenzen stoßen lässt. Denn vorbereitet, so Zimmermann, war die Behörde bereits auf Hunderte Menschen mehr als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zu Jahresbeginn prognostiziert hatte. Doch nun sei das Kontingent in drei, spätestens vier Wochen erschöpft. Bis dahin reichten die vorgehaltenen Wohnungen, dann sei definitiv Schluss. „Wir stehen demnach jetzt vor dem großen Problem, alle Immobilien zur Unterbringung in Betracht ziehen zu müssen, die wir bisher verworfen haben.“

Das Gästehaus am Schlosspark Zabeltitz steht jetzt ebenso auf der Liste

Bedeutet im Klartext: Gebäude, von denen man vorsorglich die Hände gelassen hat, um die Einwohnerschaft nicht noch mehr gegen die ohnehin sensible Problematik aufzubringen, müssen jetzt herangezogen werden. Nachdem Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) bereits am Mittwochabend angekündigt hatte, das ehemalige Möbelhaus in Taubenheim, das Schloss Siebeneichen und die Bundeswehrkaserne Zeithain möglicherweise als Erstaufnahmeeinrichtungen herrichten zu wollen, legt die Kreisbehörde nun nach. Das Gästehaus am Schlosspark Zabeltitz steht demnach jetzt ebenso auf der Liste der Möglichkeiten wie die Paulsmühle in Kalkreuth und das ehemalige Kinderkurheim Volkersdorf. „Wenn die zuständigen Umweltämter in Dresden und Meißen zustimmen und entsprechende Ausgleichsflächen gefunden werden, ist Volkersdorf definitiv wieder eine schnelle Option“, so Ulrich Zimmermann.

Und nicht die Einzige. Neben leer stehenden Einkaufsmärkten oder zügig beziehbaren Hotels – genaue Standorte will der Beigeordnete nicht nennen – kämen nun auch die kreiseigenen Turnhallen an die Reihe. Gedacht sei dabei an die Hallen der Beruflichen Gymnasien Riesa und Meißen. Bereits vorgestern Nachmittag habe es zudem erste Gespräche über die Turnhalle des Gymnasiums Nossen gegeben.

Ulrich Zimmermann macht keinen Hehl daraus, dass derlei Unterredungen etwa mit Bürgermeistern oder anderen kommunalpolitischen Verantwortlichen längst nicht mehr immer einvernehmlich verliefen. Verwaltungschefs, die bisher getreulich leerstehende Wohnungen zur Verfügung gestellt hätten, beklagten nun, dass sie ihren Städten nicht völlig andere Bewohnerstrukturen geben wollten. Und auch der reguläre Sport in der Turnhalle wäre manchem Stadtoberhaupt lieber als die Belegung mit Hunderten von notdürftigen Feldbetten.

Allerdings: Kamen bisher noch 50 Menschen pro Woche in den Landkreis würden es laut neuesten Prognosen ab Oktober 100 sein. „Und diesen Flüchtlingen zumeist aus Eritrea, Syrien und dem Irak, müssen wir ein Dach über dem Kopf bieten. Aber das können wir momentan eben nur, wenn wir beispielsweise den Sportunterricht vor der drohenden Obdachlosigkeit zurückstellen“, sagt Ulrich Zimmermann.

„Der Bund und die Politik müssen endlich unterstützend eingreifen“

Bedauern schwingt ebenso in seiner Stimme wie ein Gemisch aus Kraftlosigkeit und Unverständnis. Immerhin seit drei Jahren beschäftigt den kreiseigenen Flüchtlingsbeauftragten die Unterbringung von asylsuchenden Menschen – und zwar rund um die Uhr. Vom leitenden Verwaltungsangestellten mutierte der 53-Jährige inmitten stetig steigender Flüchtlingszahlen zum ungern gesehenen Quartiersmeister und häufig willkommenen Prügelknaben auf mittlerweile 20 Einwohnerversammlungen. Dass es nun eng werden könnte, umtreibt den Juristen unübersehbar und lässt ihn deutliche Worte finden: „Die Kreise und Kommunen bekommen die Unterbringung angesichts der steigenden Zahlen nicht mehr allein gebacken. Es muss endlich der Bund und die Politik unterstützend eingreifen.“

Bevor sie das jedoch tut, ist der Landkreis Meißen weiter sich selbst überlassen. Zwei Containerstandorte für insgesamt 200 Menschen – jeweils in Klipphausen und Lommatzsch – sind erst Anfang nächsten Jahres bezugsfertig. Bleiben die ehemalige Kfz-Zulassungsstelle am Remonteplatz in Großenhain und das Hotel Saxonia in Riesa, welche bereits im Dezember je einhundert Flüchtlinge aufnehmen werden. Und dann? Ist angesichts der Objekte erst mal Schluss. Möglicherweise könnte zwar das Technologiezentrum in Glaubitz noch umgerüstet werden, und fünf soeben vom Landkreis erworbene Zelte für 500 Menschen könnten als absolute Notlösung herhalten. „Da der Winter kommt, ist das aber völlig undenkbar. Wir müssen andere Immobilien finden. Und wenn nötig, diese auch beschlagnahmen“, so Zimmermann.

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