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Neue Haare für Elyse

Eine Spendenaktion auf Facebook hat einer elfjährigen Meißnerin einen Lebenstraum erfüllt: Endlich echte Haare tragen.

Diese Echthaarperücke konnte Liane Duschek ihrer Tochter Elyse (hinten links) vom Geld der Facebook-Spender kaufen.
Diese Echthaarperücke konnte Liane Duschek ihrer Tochter Elyse (hinten links) vom Geld der Facebook-Spender kaufen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Ganz still aber aufmerksam hört Elyse ihrer Mutter zu, als diese die Geschichte ihrer elfjährigen Tochter erzählt. Das Mädchen trägt eine dünne rosa Mütze mit Häschen darauf, obwohl es warm ist im Wohnzimmer; die Hände hält Elyse schüchtern im Schoß gefaltet, ihr Blick fällt auf einen unbestimmten Punkt im Zimmer.

Liane Duschek spricht schon eine gute halbe Stunde, als Elyse sich plötzlich mit überraschend kräftiger Stimme zu Wort meldet. „Die Ratten“, sagt sie und vollendet damit einen Satz ihrer Mutter über die Kunsthaarperücken, die die Sechstklässlerin bisher getragen hat. 

Ab auf den Grill

Warme Sommernächte, schönes Wetter. Zeit zum Grillen! Doch worauf muss man achten und was schmeckt am besten auf dem Grill?

Liane Duschek lacht, sie selbst nenne sie ja eher „tote Hamster“, aber das komme auf das Gleiche hinaus. Eine dieser „Ratten“ hat sie auf den Couchtisch gelegt. Schulterlanges, stumpfes, blondes Kunststoffhaar, die Enden stehen nach außen ab und sind verfilzt, auch Kämmen würde sie nicht mehr entwirren. Monatelang hat die Elfjährige diese Perücke jeden Tag getragen. Vor ein paar Jahren sind ihre eigenen Haare nach und nach ausgefallen und nicht mehr zurückgekommen. Seitdem ist sie auf künstlichen Haarersatz angewiesen.

„Aber das hat mit Natürlichkeit nichts zu tun“, sagt Liane Duschek und zeigt auf die Perücke. Ihre Tochter konnte sich damit nie einfach mal die Haare flechten oder einen Zopf machen, das hätte die Struktur der Kunsthaare kaputt machen können. Mit einer Perücke aus echtem Haar wäre das anders.

Diese kann man waschen, föhnen und sogar glätten oder flechten. Einziges Problem: Eine solche Perücke kostet annähernd 2.000 Euro, die Krankenkasse würde aber gerade einmal die Hälfte der Kosten übernehmen. Geld, das die alleinerziehende Altenpflegerin nicht so auf die Schnelle ansparen kann. Ein Jahr lang reift ein Gedanke in Liane Duschek, dann fasst sie sich ein Herz. 

„Es war mir schon unangenehm, diesen Schritt zu gehen“, sagt sie. „Für mich war das eine Art Betteln.“ Auf Facebook startet sie im Juni vergangenen Jahres eine Spendenaktion unter dem Titel „Echthaarperücke“. Die Seite zeigt ein Foto ihrer schüchtern lächelnden Tochter mit blauer Mütze auf dem Kopf und einem Grübchen in der Wange. Auf diese Weise will Liane Duschek genug Geld für Elyses größten Wunsch sammeln.

Als die Seite „Historisches Meissen“, der immerhin über 2.000 Facebooknutzer folgen, den Spendenaufruf teilt, wächst die Aufmerksamkeit für die Aktion. 

"Ich verstehe, dass die Leute misstrauisch sind"

Der Initiator der Seite, die sonst historische Stadtansichten veröffentlicht, wendet sich in einem emotionalen Appell an seine Leser: „Ich bin kein Bettler und ich weiß, jeder hat seine Rechnungen zu bezahlen und geht dafür jeden Morgen arbeiten, aber meint ihr nicht, wir würden diesen Betrag gemeinsam finanzieren können?“ 

Wenn jeder Nutzer nur 50 Cent spende, wäre der Beitrag doch schnell erreicht, so seine Rechnung. Er stellt ein Spendenkonto zur Verfügung und verspricht, das Geld an die Familie zu übergeben. „Vielleicht ist es auch mal ganz gut für die eigene Seele, direkt zu sehen, wo die Hilfe hingeht und wem man damit etwas Gutes tut!“

Die Reaktionen darauf sind überwiegend positiv, gemischt mit Skepsis. Manche Nutzer fragen nach weiteren Infos. „Wie kann ich sicher sein, dass meine Unterstützung wirklich bei einem kleinen Mädchen und ihrer Mutter ankommt?“, schreibt einer.

„Ich verstehe schon, dass die Leute misstrauisch sind und denken: Kommt das überhaupt an?“, sagt Liane Duschek. Ihr gehe es bei Spendenaufrufen nicht anders. Doch am Ende fassten sich 25 Menschen auf Facebook ein Herz und spendeten tatsächlich Geld für Elyses Perücke. Etliche gaben auch privat etwas dazu.

Liane Duschek geht ins Nebenzimmer und kommt mit einem Styroporkopf zurück. Darauf ruht eine hellbraune Perücke, die Haare fallen in leichten Wellen bis auf den Couchtisch, kürzere Strähnen umranden das Gesicht. Die Haare glänzen wie auf einem echten Kopf. Kein Wunder: Sie stammen auch von einem echten Menschen.

„Wir haben das Geld genutzt, um diese wunderschöne Perücke zu kaufen“, sagt Liane Duschek. Rund 1.800 Euro hat sie gekostet, fast der gesamte Betrag kam durch Spenden zusammen. Die meisten der Spender kennt Liane Duschek nicht. Den Hersteller der Perücke, die Firma Spielmann Haarersatz aus Berlin, hat sie erst über die Facebook-Aktion kennengelernt.

Auf der Seite des Unternehmens, das medizinischen Haarersatz fertigt, werden die drei häufigsten Gründe gelistet, wegen der eine Perücke benötigt wird: Chemotherapie, Alopezie, also Haarausfall, und dünnes, feines Haar. Auch wenn viele Menschen das glaubten, erzählt Liane Duschek, ihre Tochter habe nicht aufgrund einer Krebserkrankung keine Haare mehr. Sie sei als gesundes Kind zur Welt gekommen und habe irgendwann immer mehr kahle Stellen auf dem Kopf bekommen.

Liane Duschek ging deswegen mit Elyse zur Kinderärztin, doch dort wurde sie wegen des Haarausfalls nicht ernst genommen. „Fünf, sechs Jahre lang ist dann überhaupt nichts passiert“, erzählt sie.

„Sie ist nicht so selbstbewusst wie andere Mädchen“

Vor drei Jahren hat Elyse schließlich noch die letzten Haare verloren. Erst als Liane Duschek den Kinderarzt wechselt, wird der Haarausfall ihrer Tochter ernst genommen. Der neue Arzt diagnostiziert bei ihr Hashimoto, eine Erkrankung, bei der das Immunsystem die eigene Schilddrüse angreift, weshalb sie chronisch entzündet ist. Ein Symptom kann Haarausfall sein.

Dieser belastet Elyse auch psychisch. „Sie ist nicht so selbstbewusst wie andere Mädchen“, sagt Liane Duschek. Die Elfjährige ist in psychologischer Behandlung, um zu lernen, sich so zu akzeptieren, wie sie ist. Ihre Mutter will sie dabei unterstützen, ihr Selbstbewusstsein Stück für Stück wieder aufzubauen.

Dazu gehört, ihrer Tochter ein Leben zu ermöglichen, wie es auch andere Elfjährige jeden Tag führen. Und für die ist es normal, sich die Haare zum Beispiel einmal kürzer schneiden zu lassen.

Liane Duschek kämpft deshalb weiter darum, dass ihre Krankenkasse eine zweite Perücke für Elyse zahlt, damit die Elfjährige auch einmal wechseln kann. Mit der Farbe der neuen Perücke musste das Kind sich nämlich erst einmal anfreunden. Ihre eigenen Haare waren früher deutlich heller, deshalb möchte sie auch gerne wieder eine Perücke in einem helleren Braun.

Damit die Spender der Facebook-Aktion wie auch die privaten Spender sehen, dass ihr Geld auch wirklich bei einem kleinen Mädchen angekommen ist, will Liane Duschek bald ein Bild von ihrer Tochter machen lassen, das sie mit den neuen Haaren zeigt, und es ihnen als Dankeschön zukommen lassen.

Ein Mann mit langen Haaren hatte auf der Seite „Historisches Meissen“ sogar angeboten, seine eigenen Haare abzuschneiden und für eine Perücke zur Verfügung zu stellen. Doch für ein junges Mädchen wären sie wohl eher nicht geeignet gewesen.

Ohnehin besteht noch Hoffnung, dass Elyse vielleicht irgendwann wieder ganz ohne Perücke aus dem Haus gehen kann. Gerade fangen ihre Haare wieder ganz vorsichtig an zu wachsen.