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Neuer Chef in der JVA

Frank Hiekel führt jetzt die Justizvollzugsanstalt Bautzen. Früher war das der letzte Ort, an den er wollte.

© Pawel Sosnowski

Von Ralph Schermann

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Bautzen. In der zweiten Etage der Justizvollzugsanstalt (JVA) am Görlitzer Postplatz stapeln sich Wiesenhütter-Umzugskisten. Ein langjähriger Insasse wird verlegt. Kein Gefangener, sondern der Chef. Frank Hiekel wurde am 1. Dezember zum Leiter der JVA Bautzen bestellt und zum Leitenden Regierungsdirektor befördert. Zeitgleich schrieb das sächsische Justizministerium die Stelle des Görlitzer JVA-Leiters aus. Bis sie besetzt wird, leitet Frank Hiekel beide Anstalten.

© Ralph Schermann

„Das ist eine Herausforderung“, sagt der 60-Jährige. Denn die Unterschiede liegen nicht nur in sächsischen und preußischen Baustilen beider Gefängnisse. Görlitz hat 80 Bedienstete und 209 Gefangene – Verurteilte mit Haftstrafen bis maximal zwei Jahren sowie gut 40 Prozent Untersuchungsgefangene. Bautzen dagegen hat mit 200 Bediensteten 453 Häftlinge zu betreuen. Dort gehen Strafverbüßungen bis lebenslänglich, begleitet von 40 Plätzen für Untergebrachte in Sicherheitsverwahrung. „Das sind Menschen, die ihre Strafe verbüßt haben, aber bis zur Entlassung in die Freiheit stetig überprüft werden müssen, ob sie für andere noch ein Sicherheitsrisiko darstellen“, erläutert Hiekel.

Ganz neu ist er in der Spreestadt nicht. Der gebürtige Freitaler kam über eine pädagogische Ausbildung und den Wehrdienst bei der Bereitschaftspolizei in eine Untersuchungshaftanstalt. Erst Wachtmeister, dann Diensthabender, übernahm er früh schon die Vertretung des Leiters, als dieser ausfiel. Ein sich anschließendes Hochschulstudium sah Hiekel als Jahrgangsbesten.

Nach Bautzen befohlen

Schon hatte er das Thema für eine Doktorarbeit in der Tasche und eine Zukunft als Dozent im Blick, kam er im Herbst 1987 das erste Mal nach Bautzen. „Ich wurde dorthin befohlen, als man einen Stellvertreter suchte“, erzählt Frank Hiekel und gesteht: „Bautzen war das Letzte, was ich wollte.“ Kein Wunder, war doch der negativ besetzte Name „Gelbes Elend“ republikweit ein Begriff. Als in den Wendewirren der Chef krank wurde, führte Frank Hiekel die Anstalt. Das war eine Zeit, in der lautstark Gefangenenproteste zu hören waren und sich besorgte Bautzener Bürger meldeten. Hiekel öffnete ihnen die Türen, auch wenn das streng verboten war. So gründete sich eine Bürgerinitiative Strafvollzug, die Mitglieder halfen mit vielen Gesprächen, manche extreme Situation zu entschärfen. „Die Lage blieb friedlich“, ist Frank Hiekel darauf noch immer stolz. Jetzt trifft er sogar alte Bekannte – einer der damaligen Bürger ist heute Beiratsvorsitzender der JVA Bautzen.

Eine weitere Leitung der Anstalt lehnte Frank Hiekel damals ab: „Natürlich fühlte ich mich moralisch vorbelastet.“ Doch als er erkannte, dass mancher der aus alten Bundesländern geholten neuen Chefs „auch nur mit Wasser kochte“, fand er es legitim, wieder Verantwortung zu suchen. Hiekel blieb mit Frau und Kindern in Bautzen wohnen, arbeitete aber bald in Dresden und fuhr seit 1995 täglich mit dem Zug nach Görlitz.

Hier wurde er 1999 zum Anstaltsleiter berufen. „Da war ich der meistüberprüfte Ostdeutsche auf so einem Posten“, schmunzelt er. Es gelang ihm, die im Zentrum gelegene und damit sicherheitsrelevante JVA im Stadtleben fest zu verankern, sich in Görlitz zu vernetzen. Nie gab es Befindlichkeiten gegen das Haus, und dass er den Landtagsabgeordneten Volker Bandmann (CDU) im Beirat antraf, erwies sich als Glücksfall. „Er entwickelte die Strategie kleiner Schritte einer großen Modernisierung“, betont Frank Hiekel.

Heute eine Musteranstalt
Das zog sich zwar über Jahre hin, doch irgendwann war die JVA Görlitz eine Musteranstalt selbst über Sachsen hinaus. Manche Arbeitsbedingungen in Bautzen erinnern Hiekel daran. Ein Beispiel: „Dort stehen Bedienstete beim Hofgang im Regen, in Görlitz bekamen sie eine Aufsichtskanzel.“

Überhaupt erinnert er sich an manche Görlitzer Besonderheit. Dort im Gefängnis wurden Filme gedreht, gab es philharmonische Konzerte, räumten Kunstgruppen internationale Preise ab. Für seinen Umgang mit ausländischen Gefangenen verlieh Polen 2006 Frank Hiekel als einem der wenigen Deutschen die „Verdienstmedaille in Gold für Verdienste um den Strafvollzug“. Frank Hiekel verstand auch das als Würdigung all seiner Mitarbeiter. Claudia Ramsdorf und Ines Kretschmer hebt er hervor, die Stellvertreterinnen in Bautzen und Görlitz, die ihn „hervorragend unterstützen“. Überhaupt bescheinigt Hiekel beiden Anstalten „sehr engagierte Leute, wenn auch insgesamt zu wenig. Aber ich weiß, dass das Ministerium daran bereits arbeitet.“

Egal, an welchem Standort er gerade weilt – Frank Hiekel ist immer dort, wo er gebraucht wird. Auch am 5. Januar eilte er sofort zum Görlitzer Postplatz, als aufmerksame Mitarbeiter in einem Haftraum erste Vorbereitungen für einen möglichen Ausbruchsversuch entdeckten.

Wenn er jetzt in seinen Wohnort zurückkehrt, hat er längst auch nichts mehr gegen den von der Ziegelfarbe abgeleiteten Namen „Gelbes Elend“. Das ist heute eine moderne Vollzugseinrichtung, und die Ausgestaltung der einstigen Haftanstalt II zur Gedenkstätte findet er gut. „Es gab hier schlimme Schicksale in der NS-Zeit und als sowjetisches Internierungslager. Es ist wichtig, dass Betroffene einen Ort der Erinnerung finden“, sagt er und hat bereits mit Gedenkstättenleiterin Silke Klewin Projekte im Blick. Am 9. Februar erfolgt in Bautzen die offizielle Amtseinführung durch den Justizminister. Noch aber ist Frank Hiekel zwei Fünftel der Woche in Görlitz. Aber der Stapel Umzugskisten wird kleiner.