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Neulich im Nagetusch

Legendäre DDR-Wohnwagen fahren am Sonnabend durch die Stadt. Einer ihrer Konstrukteure erzählt.

© Privat-Archiv

Katalin Valeš

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Dass er genau mit dem Mann, der seinen liebevoll restaurierten DDR-Wohnwagen vom Typ „Nagetusch Diamant“ in den 1960er-Jahren maßgeblich mitkonstruiert hat, zusammen in eben diesem Dresdens Erstes Internationales Nagetusch-Treffen vorbereitet, ist für Frank Hartwig eine kleine Sensation. Eine Verkettung kurioser Zufälle führte ihn und Manfred Nagetusch, den Sohn des Firmengründers Richard Nagetusch zusammen. Aus anfänglichem Interesse an den legendären Luxus-Wohnwagen der DDR ist echte Leidenschaft geworden.

Restaurator und Konstrukteur im DDR-Wohnwagen: Vor dem Nagetusch-Treffen haben Frank Hartwig (l.) und Manfred Nagetusch (r.) noch viel zu besprechen.
Restaurator und Konstrukteur im DDR-Wohnwagen: Vor dem Nagetusch-Treffen haben Frank Hartwig (l.) und Manfred Nagetusch (r.) noch viel zu besprechen. © Sven Ellger

Alles fing damit an, dass die beiden jüngeren Töchter von Frank Hartwig, damals sieben und neun Jahre alt, wie die Mädchenbande in ihrer Lieblingsserie einen Wohnwagen im Garten als Hauptquartier zum Spielen wollten. „Als liebender Vater lässt man sich leicht breitschlagen“, sagt Frank Hartwig lachend. Zusammen mit seiner Frau Susan überlegte der heute 49-jährige Orthopädietechniker, wie er seinen Töchtern diesen Wunsch erfüllen könnte. Schnell stand fest: Was Ostdeutsches sollte es sein und zu viel kosten sollte es auch nicht. Der entscheidende Tipp kam von seiner Frau. Als sie im Internet nach DDR-Wohnwagen suchte, gefiel ihr eine Marke besonders gut: Nagetusch. Und damit brachte sie den Stein ins Rollen.

Frank Hartwig war sofort überzeugt, obwohl weder er noch seine Frau vorher je etwas von der Firma gehört hatten. Ungesehen kaufte über eine Internetplattform einen heruntergekommenen Nagetusch-Reiseanhänger. Als Hartwig davon erzählt, leuchten seine Augen. Ihm ist anzusehen, dass er sich noch heute über diesen Kauf freut: „Der Wohnwagen und ich sind beide vom selben Baujahr - 1969. Als ich den Wohnwagen zuhause genauer angeschaut habe, entdeckte ich, dass er von einer Firma in Dresden gefertigt wurde. Da war ich völlig begeistert. Spannend war das für mich. Unbedingt musste dieser Wohnwagen erhalten bleiben.“ Für Frank Hartwig war der Kauf des alten Reiseanhängers der Beginn einer aufregenden Spurensuche.

Als er den Wohnwagen Stück für Stück restaurierte, wurde ihm klar, wie besonders dieser Wohnwagen zu DDR-Zeiten gewesen sein muss. „Ich war beeindruckt von der hochwertigen Verarbeitung: innen Holz, außen mit Aluminium beplankt. Die Innengestaltung war so gut durchdacht und sehr liebevoll gemacht. Vorne waren die Fenster um die Ecken gezogen und durch die Dachluken kommt ein warmes Licht. Es gibt eine Sitzgelegenheit und Schlafplätze“ schwärmt Frank Hartwig.

Schnell wurde der Wohnwagen zum Liebling der Familie. Kindergeburtstage und Übernachtungspartys wurden darin gefeiert und auch einige Wochenendausflüge hat der alte Nagetusch mitgemacht. „Für größere Reisen ist es dann doch ein wenig eng“ räumt Frank Hartwig ein. Hin und wieder gönnt sich der dreifache Familienvater mit einem Digedags-Comic in der Hand hier eine kleine Auszeit.

Frank Hartwig ist ein bodenständiger Mensch. Er interessiert sich für Geschichte und braucht nicht viel zum Glücklichsein. Doch Eines ließ ihm irgendwann keine Ruhe mehr: Was war das für eine Firma und warum ist darüber so wenig bekannt? In seiner Nachbarschaft wohnt Kabarettist Uwe Steimle. Auch er ist stolzer Nagetusch-Besitzer. Aber auch er konnte nicht weiter helfen. Bei seiner Suche stieß Hartwig auf einen Mann aus Wiesbaden, der denselben Namen wie sein Wohnwagen hatte: Manfred Nagetusch. Hartwig griff zum Hörer und rief kurzerhand an. Ein Volltreffer: denn der heute Achtzigjährige ist der Sohn des Firmengründers und Karosseriebauers Richard Nagetusch. Auch Manfred Nagetusch war eine Zeit lang in der Firma seines Vaters beschäftigt. Der Zufall hätte größer nicht sein können: Ausgerechnet das Modell, das Frank Hartwig in liebevoller Kleinarbeit über Jahre hinweg restauriert hatte, ein „Diamant“, wurde damals noch von Manfred Nagetusch konstruiert.

Die beiden Männer glaubten an Fügung und blieben in Kontakt. Sie tauschten Fotos und Dokumente aus. Manfred Nagetusch öffnete für Frank Hartwig das Familienarchiv. Beinahe täglich telefonierten sie. Nagetusch erzählte von seiner Flucht aus der DDR, wie es dazu kam, dass sein Vater einen Mercedes der bulgarischen Botschaft fuhr und er zeigte Bilder der Wagen, die sein Vater für Zirkusartisten und Prominente aus dem In- und Ausland gebaut hat. Hartwig war begeistert: „Mir war wichtig, dass die Erinnerung an so ein erfolgreiches Dresdner Familienunternehmen nicht einfach verloren geht.“ Zusammen mit Christian Suhr veröffentlichte Frank Hartwig im Verlag Kraftakt das Buch mit dem Titel „Nagetusch. Wohnanhänger aus Dresden.“

Für Manfred Nagetusch ist es, als setze jemand für ihn und seinen Vater Richard ein Denkmal. „Er hat nie die Anerkennung bekommen, die er verdient hätte“ sagt er und schaut dabei nachdenklich auf die grünen Gardinen, die Hartwigs Frau genäht hat. Für kurze Zeit herrscht Stille im Wohnwagen. Dann fängt Nagetusch plötzlich an, lauthals an zu lachen: „Einmal waren mein Vater und ich mit dem Mercedes und einem unserer Wohnanhänger so schnell, dass wir die Autobahnpolizei abgehängt haben. Mit ihrem 311er-Wartburg haben sie uns nicht gekriegt.“ Wenn Manfred Nagetusch erzählt, klopft er immer wieder energisch mit der Hand auf die Tischplatte. Für ihn ist das erste internationale Nagetusch-Treffen in Dresden mehr als eine Reise in die Vergangenheit: Die späte Anerkennung durch Menschen wie Frank Hartwig tut ihm gut.