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Jähes Ende der Selbstgefälligkeit

Das angeblich virusfreie Neuseeland, wo der lange Lockdown seit zwei Wochen vorüber ist, hat plötzlich wieder Covid-19-Fälle.

Zu früh gefreut: Anfang Juni hatte Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland, verkündet, das Coronavirus auf der Insel sei besiegt.
Zu früh gefreut: Anfang Juni hatte Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland, verkündet, das Coronavirus auf der Insel sei besiegt. © Mark Mitchell/NZME/AP/dpa

Von Sissi Stein-Abel, Christchurch

Erst war es eine Verkettung unglücklicher Umstände. Dann der Versuch, mit Ausflüchten Inkompetenz und Nachlässigkeit zu verschleiern. Es folgten Pleiten und Enthüllungen im Minutentakt – und keiner ist’s gewesen. Doch jetzt entwickelt sich die Saga um die erheblichen Löcher an Neuseelands Grenzen immer mehr zu einem Fiasko für die Regierung unter Premierministerin Jacinda Ardern, die in Absprache mit Ashley Bloomfield, dem Direktor des Gesundheitsministeriums, im März den totalen Lockdown verhängt hatte. So sehr sie sich als Retterin der Nation hatte feiern lassen, in der sich die Menschen nach 75 Tagen strengster Restriktionen seit mehr als zwei Wochen wieder frei bewegen dürfen, so wenig fühlt sie sich jetzt für das Chaos verantwortlich.

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Eigentlich war geklärt, wie Neuseeland im Kampf gegen das Corona-Virus angesichts des Zustroms zigtausender Heimkehrer die Verbreitung von Covid-19 verhindern wollte: Neuankömmlinge an den internationalen Flughäfen in Auckland und Christchurch würden 14 Tage zur Selbstisolation und Quarantäne in Luxushotels gesperrt und dort verpflegt; am dritten und zwölften Tag ihres Aufenthalts sollten sie sich einem Corona-Test unterziehen und würden erst nach einem negativen Resultat in die Freiheit entlassen. Doch offenbar war diese Prozedur nur graue Theorie. Nicht einmal die Handzettel, die in den Hotels verteilt wurden, stimmten mit den öffentlichen Aussagen Arden und Bloomfield überein. Man musste nämlich seine Zustimmung zu den Tests geben. Deshalb wurde flugs eine Gesetzesanweisung erlassen, die klarstellt, dass der Zwangsaufenthalt in den Hotels für Testverweigerer um 14 Tage verlängert wird. Doch nach dem Fall von zwei positiv getesteten Frauen, die ohne Test die Hotels verlassen durften, konnte Bloomfield nicht einmal sagen, wie viele Leute ungetestet die Hotels verlassen hatten. Erst am Mittwoch bezifferte Bloomfield die Zahl der Personen, die aus humanitären Gründen (etwa bei Todesfall in der Familie) mit Sondergenehmigung noch vor Ablauf der 14 Tage heimreisen durften, auf 55 Menschen. Nur vier wurden getestet, zwei davon erst am Abreisetag. Zudem berichteten ganze Heerscharen der Hotel-Insassen, sie seien während ihrer Selbstisolation gar nicht getestet worden.

Während Gesundheitsminister David Clark diese Fehlleistungen als Unebenheit auf der Straße herunterspielte, machte die Regierung plötzlich mobil. Da wurden allein am Dienstag plötzlich 9.174 Tests durchgeführt, so viele wie nie zuvor an einem Tag. Clark kündigte zudem an, dass sich jetzt auch Busfahrer, Putzkräfte, Flugbegleiter von Air New Zealand sowie Sicherheitskräfte, Kontrollbeamte und medizinisches Personal an Flughäfen und in Hotels, regelmäßig Untersuchungen unterziehen müssen.

In den sozialen Medien posten Dummköpfe schon ausländerfeindliche Tiraden gegen die vermeintlichen Schmarotzer in den Hotels, obwohl seit Schließung der Grenzen nur neuseeländische Staatsbürger und Einwanderer mit festem Wohnsitz in der Inselnation angekommen sind. Solch nationalistischen Ausfällen will die zuständige Ministerin Megan Woods mit der Idee kontern, die Heimkehrenden nun an den Kosten des von der Regierung verhängten Zwangsaufenthalts zu beteiligen. Da scheint jemand vor den Parlamentswahlen am 19. September in Panik zu geraten.

Aktuelle Informationen rund um das Coronavirus in Sachsen, Deutschland und der Welt lesen Sie in unserem Newsblog.

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