merken
PLUS Sebnitz

Schafft es Neustadt damit ins Guinessbuch?

Der Neustädter Gerhard Brendler beendet sein Mammutprojekt. Erstmals gibt es jetzt eine umfassende Chronik zur Geschichte der Stadt und den Ortsteilen.

Dr. Gerhard Brendler hat nach fünf Jahren die Chronik von Neustadt fertig. Ein gewichtiges Werk.
Dr. Gerhard Brendler hat nach fünf Jahren die Chronik von Neustadt fertig. Ein gewichtiges Werk. © Sarina Mann Stadtverwaltung

Ein gewichtiges Werk ist es, was Dr. Gerhard Brendler hier in den Händen hält. Fast 5.000 Jahre Neustädter Geschichte hat er mit seinen Unterstützern zusammengetragen. 3,8 Kilogramm wiegt die Neustädter Chronik. Nach fünf Jahren Arbeit ist sie jetzt fertig geworden.

Der Autor ist sozusagen ein "Wiederholungstäter". Gerhard Brendler, 1943 in Königshain (heute Dzialoszyn) geboren, hat schon viele Bücher geschrieben, so zum Beispiel auch die Chronik Ostritz, wo er im Ortsteil St. Marienthal mit seinem Kloster die Kindheit verbrachte. Er hat historische Romane über die Hussiten und viele anderer Bücher geschrieben. Und offenbar würde ihm wohl auch etwas fehlen, wenn er nicht in Archiven suchen, mit Menschen sprechen oder alte Schriften entziffern könnte.

Anzeige
Nager, die in kein Schema passen
Nager, die in kein Schema passen

Die Großen Maras haben gerade wieder Nachwuchs bekommen - und erhielten bei der Wahl zum Tier des Monats Oktober die meisten Stimmen.

Kein Wunder, dass seine Augen strahlten, als er die Chronik von Neustadt schreiben durfte. Angefragt hatte er selbst. Neustadts Bürgermeister Peter Mühle (NfN) kann sich noch genau erinnern. Gerhard Brendler saß im Herbst 2016 im Rathaus und brachte seinen Vorschlag mit der Chronik. "Ein so umfassendes Werk gab es von Neustadt noch nie. Deshalb habe ich zugestimmt und ich konnte das Leuchten in seinen Augen sehen", erzählt Peter Mühle. Am 6. April 2017 fanden sich dann eine Reihe Unterstützer zusammen, die die Arbeiten an der Chronik koordinieren. Zu ihnen gehörten unter anderem Museumsleiterin Ulrike Hentzschel, Geschichtsexperte und früherer Sebnitzer Museumsleiter Manfred Schober sowie die Neustädter Stadtführerin Ingrid Grosse.

Bei null musste der 79-Jährige nicht anfangen. Akribisch sammelt er seit jeher alles, was er über Neustadt in die Hände bekommen hat. Doch das ist eben etwas anderes, als eine Chronik zu schreiben und noch dazu eine, die ganz tief in die Neustädter Geschichte eintaucht. Sie beginnt, als die Slawen die Gegend besiedelten. Diese Zeit markiert den Anfang des heutigen Neustadts in Sachsen und damit auch den Anfang der Chronik.

Sein Blick in die Vergangenheit ist nicht verklärt. Er sieht die Geschichte real mit all ihren tiefen Abgründen oder Schönfärbereien. Der Autor versucht in seiner Chronik die Tatsachen herauszufiltern. Und schon deshalb ist das Werk wohl einzigartig. Ein Beispiel dafür ist die Industriegeschichte der Stadt. Landläufig heißt es, das Neustadts Geschichte gleich die Geschichte von Fortschritt ist. Das Kombinat Fortschritt hat die Stadt zweifelsohne geprägt, unter anderem mit ihren vielen Neubauten, einem Kulturhaus und Schulen. Doch was ist geblieben? Wohlstand hat das Kombinat den Einwohnern nicht gebracht. Mit der Schließung sind auch viele Neustädter weggezogen, der Arbeit hinterher. Sein kritischer Blick ist eben bezeichnend für die Chronik.

Nur Bruchstücke der Stadtgeschichte

Stadtchroniken sind seit jeher wertvolle Quellen. Mit ihrer Hilfe kann das Zeitgeschehen eingeordnet werden. "Eine Stadtchronik von Neustadt gab es in dieser Form nicht. Es gab Vorarbeiten. Meistens hatten Lehrer oder städtische Beamte die Zeitgeschichte notiert. Aber das waren alles Bruchstücke", sagt Ulrike Hentzschel. Sie leitet das Stadtmuseum von Neustadt. Und deshalb hat sie auch einen guten Einblick, in diese Aufzeichnungen die es bislang von Neustadt gegeben hat. Die erste Zusammenhängende stammt übrigens von Magister Wilhelm Leberecht Götzinger. Die jetzt vorliegende Chronik beinhaltet geballtes und fundiertes Fachwissen. "Ich freue mich sehr, dass dieses Werk da ist. Die Geschichte ist aber jetzt nicht zu Ende. Es wäre eine schöne Gelegenheit, die Chronik fortzuführen", sagt sie.

Immerhin begeht Neustadt im Jahr 2033 sein 700-jähriges Jubiläum. Bis dahin gebe es noch eine ganze Menge zu notieren, neuere Zeitgeschichte eben, die für die nachfolgenden Generationen aber ebenso wichtig sei. Nun liegen 688 Jahren Neustädter Geschichte auf über 800 Seiten auf dem Tisch. Produziert wurde das Werk in der Ideenwerkstatt von Mario Päßler und seinen zehn Mitarbeitern. Wer in der Chronik blättert und sie vielleicht einmal in der Hand gehalten hat, wird wissen, dass die Produktion eines solchen Gesamtwerkes sicherlich nicht ganz locker zu bewerkstelligen war. Klar ist auch ohne Sponsoren wäre das 3,8 Kilogramm schwere Buch nicht entstanden. Nebenbei bemerkt. Mit dem Mammutprojekt könnte es Neustadt auch noch ins Guinessbuch der Rekorde schaffen.

Neustadt ist bereit für Weltoffenheit

Als geschichtsinteressierter Mensch ist Gerhard Brendler auch ein politisch mitdenkender Mensch. Und seine Haltung wird auch in der Chronik deutlich. "Nach fünf Jahren Gesprächen mit Bürgern der Stadt, erfrischenden Disputen und nicht ausbleibenden Rückschlägen ist ein Gefühl des Stolzes auf meine Heimatstadt Neustadt entstanden", sagt er. Auch ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber den Vorfahren, die den einen oder anderen Grundstein für eine liebens- und lebenswürdige Stadt geschaffen haben. Sein Ziel sei es gewesen auch das Neustadt von heute und morgen und die gewachsene Identität der Einwohner mit der Stadt offenzulegen. Gleichzeitig mahnt er, dass keiner vergessen sollte, woher er komme. Und er wirbt für mehr Toleranz gegenüber den Mitmenschen. Bei seinen Recherchen ist er zu der Erkenntnis gelangt, dass Neustadt bereit für Weltoffenheit wäre.

In Neustadt ist man ihm dankbar für das Meisterwerk. Deshalb hat Bürgermeister Peter Mühle den Autor für den sächsischen Bürgerpreis vorgeschlagen. Dessen Verleihung findet am 14. Oktober statt. Eine Einladung dafür hat Gerhard Brendler. Ob er den Preis bekommt, weiß er noch nicht.

Mehr zum Thema Sebnitz