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Neustadt: Neues Mekka für Eisenbahnfans

Eisenbahnexperten restaurieren im ehemaligen Lokschuppen alte Schienentechnik, darunter auch Raritäten. Interessierte sind immer willkommen.

Am Bahnhof in Neustadt wurden auf Initiative des Vereins Sächsische Eisenbahngeschichte historische Eisenbahnwagen per Kran von Tiefladern aufs Gleis gehoben.
Am Bahnhof in Neustadt wurden auf Initiative des Vereins Sächsische Eisenbahngeschichte historische Eisenbahnwagen per Kran von Tiefladern aufs Gleis gehoben. © Steffen Unger

Am Lokschuppen auf dem Bahnhof von Neustadt in Sachsen tut sich was. Wer hätte es gedacht. Denn um das Gebäude hatte sich im Jahr 2017 ein richtiger Streit entsponnen mit unklarem Ausgang. Bereits drei Jahre zuvor hatte die Deutsche Bahn den Lokschuppen wegen akuter Einsturzgefahr sperren lassen. Anfang 2017 sollte die Brache abgerissen werden. Die Deutsche Bahn hatte damit auch begonnen. Vom Denkmalschutz blieb das nicht unbemerkt. Abrisstopp. Immerhin wurde der Lokschuppen 1876 gebaut, gilt damit als Baudenkmal und ist wie das gesamte Bahnhofsgelände in Neustadt geschützt.

Übrig blieb allerdings ein Schutthaufen von bereits abgerissenen Gebäudeteilen. Und dann Stillstand. Die Deutsche Bahn bekam keine Abrissgenehmigung. Vielmehr wurde das Gebäude wieder gesichert und nach einem Käufer gesucht. Das war 2018. Schon damals konnte sich wohl kaum ein Neustädter vorstellen, dass der ehemalige Lokschuppen einen Abnehmer findet. Im Inneren sind Gleise verlegt. Die Zufahrt ist ziemlich eng.

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Wende für ehemalige Schrottimmobilie

Vor wenigen Tagen dann plötzlich die Wende für die einstige Schrottimmobilie. So mancher Passant rieb sich wohl erstaunt die Augen. Im Lokschuppen rumort es. Davor, auf der Dr.-Otto-Nuschke-Straße, stand ein riesiger Kran. Ein mehr als zehn Tonnen schwerer Eisenbahnwagen schwebte scheinbar leicht am Haken, aber gefährlich nahe über den Baumkronen in Richtung Lokschuppen.

Hier sind eindeutig die neuen Nutzer am Werk. Gleich mehrere Museumsstücke werden hier eingelagert, um künftig restauriert zu werden. Neuer Eigentümer des Lokschuppens ist Axel Trendelenburg. Er ist in Franken aufgewachsen, lebt seit einigen Jahren im benachbarten Neukirch. Der Technikliebhaber kann sich vor allem für alles begeistern, was auf Schienen fährt oder eben noch nicht. Denn in seiner Freizeit engagiert er sich für die Restaurierung und den Erhalt alter Loks und Wagen.

In diesem Jahr trat er der in Dresden gegründeten Initiative Sächsische Eisenbahngeschichte (ISEG) bei. Gemeinsam habe man beraten, welche Fahrzeuge am besten zur Eisenbahngeschichte von Neustadt passen würden, sagt Andre Marks, Vorsitzender der Initiative. Er selbst ist Diplom-Journalist und vor allem ein Schienenexperte. Die Wahl sei dann letztlich auf einen hölzernen Güterwagen und einen zweiachsigen Personenwagen mit Tonnendach gefallen. Beide sollen nun in Neustadt restauriert und gezeigt werden.

Der Vereinsvorsitzende hat natürlich auch einige Daten parat. Der Personenwagen sei zwischen 1899 und 1901 gebaut worden. "Einst fuhren exakt 259 derartige Zweiachser auf den sächsischen Eisenbahngleisen", weiß Andre Marks.

Ein Personenwagen mit Tonnendach, wie er auf sächsischen Gleisen verkehrte.
Ein Personenwagen mit Tonnendach, wie er auf sächsischen Gleisen verkehrte. © A. Marks

Letzter Bierwagen nun in Neustadt

Mit dem zweiten Wagen, dem Güterwagen, ist eine weitere Rarität nach Neustadt gekommen. "Das ist der letzte erhaltene sächsische Biertransportwagen und wurde 1895 in Görlitz gebaut", sagt Axel Trendelenburg.

In dem Güterwagen wurde einst das Bier ins Dresdner Umland transportiert. In Neustadt stehen nun beide Wagen im ehemaligen Lokschuppen, ebenso einige Baugruppen und Fahrzeugteile. In dem neuen Außenstandort des Bahngeschichtsvereins soll alles nach und nach aufgearbeitet und restauriert werden. Und das Gute ist, jeder Eisenbahnfreund ist herzlich willkommen. Denn Helfer werden in dem Lokschuppen immer benötigt. Vor allem Jugendliche haben immer wieder mitgeholfen, was die ISEG begrüße. "Wir wollen und müssen unser Wissen doch an die nächste Generation weitergeben", sagt Marks. Und dann hofft er auch noch darauf, dass Neustädter Unternehmen beim Aufarbeiten von Holz- und Stahlteilen helfen könnten.

Einst wurde das Bier in solchen Wagen per Schiene transportiert.
Einst wurde das Bier in solchen Wagen per Schiene transportiert. © Repro: A. Marks

Zu tun gibt es im "Museumsbahnhof" ausreichend. Und so werden die Anwohner der Otto-Nuschke-Straße auch öfters mit ihren neuen Nachbarn in Kontakt kommen. Die Bahninitiative selbst hat einen breiten Mitgliederkreis, der von Dresden bis in die Oberlausitz reicht. Ziel des eingetragenen Vereins ist die Denkmalpflege und Bewahrung sächsischer Technikgeschichte im Bereich des Eisenbahnwesens. Die Vereinsmitglieder wollen technikgeschichtlich wertvolle, regionaltypische Schienenfahrzeuge und Infrastruktur der ehemaligen Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen beziehungsweise der späteren Reichsbahndirektion Dresden erhalten. Neben Sammlung, Archivierung und Präsentation von eisenbahnhistorischen Dokumenten und Relikten hat der Verein auch das Ziel, historische Handwerks-, Konstruktions- und Fertigungstechniken wiederzubeleben und an die folgenden Generationen weiterzugeben. (mit Andre Marks)

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