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Neustadt: Wo früher Landtechnik gebaut wurde

Vor 70 Jahren schlossen sich fünf ostsächsische Betriebe zum Kombinat Fortschritt zusammen. Erinnerungen an den Landmaschinenbau sind noch wach.

Die Landmaschinen von Fortschritt Neustadt wurden in die ganze Welt geliefert. Hier eine Quadergroßballenpresse.
Die Landmaschinen von Fortschritt Neustadt wurden in die ganze Welt geliefert. Hier eine Quadergroßballenpresse. © privat

Von Manfred Herzog

Woher kommen Sie? Aus Neustadt - da wurden doch früher Mähdrescher gebaut? Diese Sätze haben Neustädter wohl schon öfter gehört. Da werden bei nicht wenigen Erinnerungen wach.

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Vor 70 Jahren, im Mai 1951, schlossen sich fünf ostsächsische Betriebe mit vorwiegend Landmaschinen-Produktion zusammen zum Kombinat Fortschritt mit Sitz in Neustadt. Diese Vereinigung erlebte einen stürmischen Aufschwung. Das Kombinat beschäftigte zeitweise über als 60.000 Mitarbeiter, die an mehr als 300 Standorten produzierten.

Allein in Neustadt hatten etwa 5.500 Werktätige ihren Arbeitsplatz. Durch diese Entwicklung verdoppelte sich die Einwohnerzahl der Stadt, moderne Wohnungen entstanden, auch Kindergärten und -krippen, Schulen, Kaufhallen, eine Betriebspoliklinik und Sportanlagen wie Stadion, Schwimmhalle und Kegelbahnen.

Viele Probleme mussten gelöst, viele Schwierigkeiten überwunden werden. Die Leistungen der Fortschrittwerker und vieler in der Stadt und in der Region Beschäftigter verdienen auch heute noch hohe Anerkennung. Und nicht nur in Deutschland.

Landmaschinen waren ein wichtiges Exportgut der DDR. Das Kombinat Fortschritt Landmaschinen war in der DDR ab den 1960er-Jahren der größte Landtechnikhersteller. Ab 1978 waren in diesem Unternehmen der gesamte Landmaschinenbau der DDR und Teile des Nahrungsgütermaschinenbaus zusammengefasst.

Erntemaschinen wie der Mähdrescher E 514 waren auf den Feldern in der ganzen Welt im Einsatz.
Erntemaschinen wie der Mähdrescher E 514 waren auf den Feldern in der ganzen Welt im Einsatz. © privat

Die Entwicklung des Kombinates wurde vom Experten Klaus Krombholz auf 67 Schautafeln eindrucksvoll dargestellt. Er war bis 1973 Leiter der Forschung im Kombinat Fortschritt Neustadt, hatte dann bis 1979 Aufgaben im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit des Kombinats mit den einstigen sozialistischen Ländern und war bis 1990 wissenschaftlicher Berater der Generaldirektoren des Kombinates Fortschritt.

Nach der Wende übernahm der Ingenieur die Sektoren Technik und Erzeugnisentwicklung. Von 1990 bis 1999 war er Leiter der Entwicklung bei Fortschritt Erntemaschinen Neustadt. Seine Sachkenntnis durch die jahrzehntelange Arbeit im Kombinat in verantwortlichen Funktionen und als Autor von Fachliteratur zur Landtechnik sichert fundierte Angaben.

Fortschritt-Landtechnik in der ganzen Welt

Viele Texte, Fotos und Grafiken zeigen eine beeindruckende Bilanz des Kombinates. Die Ausstellung der Schautafeln fand naturgemäß große Resonanz bei den ehemals im Kombinat Beschäftigten. Aber auch Jüngere interessierten sich für die Angaben und staunten beispielweise über solche Produktions-Stückzahlen wie 170.000 Sammelpressen, 160.000 Traktoren, 100.000 Mähdrescher und 18.000 Schwadmäher und Feldhäcksler. Geliefert wurden die Landmaschinen in alle Welt.

Ehemals im Kombinat Beschäftigte, aber auch Jüngere gehen davon aus, dass die Schautafeln Klaus Krombholz aus Anlass des 70-jährigen Jubiläums nach der Corona-Zeit erneut ausgestellt werden. Mit dem Abstand von mehr als dreißig Jahren nach der Wende ist sicher auch eine weitgehend objektive Sicht auf die Leistungen und Ergebnisse gewährleistet.

Erster Werkleiter und späterer Generaldirektor des Kombinates Fortschritt Landmaschinen war Bernhard Thieme. An ihn erinnert heute eine Straße in Neustadt. 1997 übernahm übrigens die Landtechnik-Firma CASE den Betrieb. Heute werden am Fortschritt-Standort Neustadt bei der Firma Capron Wohnmobile gefertigt, die ebenfalls rund um den Globus anzutreffen sind.

Der Autor hat selbst viele Jahre im Kombinat Fortschritt Landmaschinen gearbeitet, unter anderem bei der Betriebszeitung. Heute ist er Mitglied der Neustädter Autoren.

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