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Neustädter Tunnel als modernes Kunstwerk

Seit vergangenem Jahr ist das Bauwerk gesperrt. Die Designerin Gabriele Kontor würde ihn gern sanieren und von Künstlern gestalten lassen.

Von Sarah Grundmann

Schon lange zieht sich die Debatte um den Neustädter Tunnel hin – soll er saniert und wieder geöffnet werden oder lieber verschwinden und durch einen überirdischen Überweg ersetzt werden? Seit dem Juni-Hochwasser im vergangenen Jahr ist der Tunnel gesperrt, die Flut hatte die wichtigsten technischen Anlagen zerstört. Ursprünglich sollte über die Zukunft der unterirdischen Fußgängerquerung bereits im April entschieden werden. Doch die Neuaufstellung des Stadtrats verzögerte dies. Nun wollte der Stadtrat in seiner Sitzung am vergangenen Donnerstag darüber beraten, der Punkt wurde aber von der Tagesordnung genommen. Eine Entscheidung bleibt also weiterhin offen, am kommenden Mittwoch soll in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Bauausschusses nochmals darüber gesprochen werden. Vorher mischt sich aber eine neue Stimme in die Diskussion: Die Dresdner Designerin Gabriele Kontor hat ihre eigenen Vorstellungen davon, was mit dem unterirdischen Weg passieren soll.

„Ich finde es sehr schade, dass der Tunnel eventuell zugeschüttet werden soll“, sagt sie. „Was gibt es schon für bessere Möglichkeiten, unbehelligt vom Fahrzeugverkehr eine Straße zu überqueren: kein Autolärm, kein Gestank, keine öden Wartezeiten an den Ampeln.“ Wenn es nach Kontor geht, sollte der Tunnel saniert werden. Das würde nach Angaben der Stadt rund 330 000 Euro kosten. „Vielleicht geht es auch günstiger“, sagt die Designerin. „Es muss ja nicht immer alles perfekt sein, das Unperfekte ist doch manchmal schöner.“

Sie würde den Tunnel gerne für Dresdner Street-Art-Künstler freigeben und so ein buntes, urbanes Flair schaffen – die Inspiration dafür nimmt sie aus einem Besuch ihrer Verwandten in Melbourne. „Dort gibt es mitten in der Stadt eine Straße, die voller bunter Graffiti ist“, sagt Kontor. „Die Gasse ist eine der beliebtesten Touristenattraktionen und steht in jedem Reiseführer.“ Dass auch ein bunter Neustädter Tunnel mehr Touristen anlocken würde, davon ist die Designerin überzeugt. Durch die bunte Gestaltung lässt sich ihrer Meinung nach sogar Geld sparen – kaputte Platten könnten einfach zubetoniert und besprüht werden.

„In Dresden gibt es, außer in der Neustadt, kaum bunte Ecken“, bemängelt die Designerin. „Gerade der Tunnel als Weg von der Neu- in die Altstadt würde sich dafür doch hervorragend eignen.“ Zu einer Eröffnungsfeier könnten mehrere Künstler eingeladen werden, die den Tunnel gestalten. Später sollten aber auch Flächen für jedermann freigegeben werden, findet die Designerin. Sie würde auch gern die Planung übernehmen. Schließlich hat sie in Heiligendamm Formgestaltung für das Stadtbild studiert und jahrelang in der Landeshauptstadt als Architektin gearbeitet.

Thomas Löser, Fraktionsvorsitzender der Dresdner Grünen, ist von Kontors Idee begeistert. „Unser aktueller Antrag sieht ja genau das vor“, so der Politiker. „Im dritten Punkt beauftragen wir die Oberbürgermeisterin damit, Flächen für Graffiti-Künstler auszuschreiben – so könnte freies Sprühen vermieden werden.“ Außerdem soll der Tunnel weiterhin Treffpunkt von Skatern bleiben. „Es ist wichtig, für diese Gruppen mehr Akzeptanz in der Gesellschaft zu schaffen.“ Ob der Tunnel – wie Kontor es vorschlägt – gänzlich mit Graffiti besprüht werden soll, darüber müsse diskutiert werden. „Für mich persönlich wäre das durchaus vorstellbar“, so Löser.

Allerdings wollen die Grünen nur den langen, östlichen Teil des Tunnels erhalten. Die westliche Röhre zum Blockhaus soll verfüllt, der dort schon vorhandene Überweg verbreitert werden. Auch ein Zweiter auf der Ostseite soll entstehen. „Jedes neue Hochwasser führt ja dazu, dass der Tunnel absäuft und gesperrt wird“, so Löser. „Außerdem sind die überirdischen Wege für Sicherheit und Barrierefreiheit notwendig.“

Geht es hingegen nach der Stadt, verschwindet der Tunnel bis 2016 ganz. Das teilte Straßen- und Tiefbauamtsleiter Reinhard Koettnitz der SZ Anfang des Jahres in einem Interview mit. In einem ersten Schritt könne für 120 000 Euro ein neuer Weg über die Köppkestraße entstehen, die oberirdischen Bauten des Tunnels könnten abgerissen werden. Im Anschluss müsste der Tunnel verfüllt werden. Das würde die Stadt noch einmal 500 000 bis 600 000 Euro kosten – Geld, das im Doppelhaushalt 2015/16 bisher noch nicht eingeplant ist.