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„Neutrale Paralympische Athleten“

Russische Behindertensportler dürfen an den Paralympics teilnehmen – als neutrale Athleten. Nicht überall stößt die Entscheidung auf Verständnis.

© Archivfoto: Sergei Chirikov / EPA / dpa

Von Tobias Schwyter

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Bonn. Weder russische Flagge noch Hymne, dazu neutrale Kleidung – doch die Höchststrafe ist dem russischen Behindertensport diesmal erspart geblieben. Zwar ist das Russische Paralympische Komitee (RPC) weiterhin suspendiert, aber ausgewählte Sportler dürfen an den Paralympics in Pyeongchang als neutrale Athleten teilnehmen. Anders als noch vor zwei Jahren in Rio de Janeiro verzichtet das Internationale Paralympische Komitee (IPC) auf den Komplettausschluss – auch wenn das RPC nach dem Staatsdopingskandal zwei Schlüsselkriterien immer noch nicht erfüllt hat.

„Obwohl das RPC suspendiert bleibt, hat es große Fortschritte gemacht, und das erkennen wir an“, sagte IPC-Präsident Andrew Parsons am Montag in Bonn: „Deshalb haben wir entschieden, dass russische Athleten, die strenge Kriterien erfüllen, an den Spielen in Pyeongchang als neutrale Athleten teilnehmen dürfen.“ Unter dem Namen „Neutrale Paralympische Athleten (NPA)“ werden 30 bis 35 russische Behindertensportler bei den Spielen in Südkorea (9. bis 18. März) einlaufen – das Wort „Russland“ wird aus dem Umfeld der Paralympics verbannt.

Diese neutralen Athleten werden in den Sportarten alpiner Skirennlauf, Skilanglauf, Biathlon, Snowboard und Rollstuhl-Curling teilnehmen. Dabei treten sie unter der Paralympischen Flagge an, bei Zeremonien wird für sie die Paralympische Hymne gespielt. Zu den Teilnahmekriterien des IPC gehört unter anderem, dass jeder neutrale Sportler sechs Monate vor den Paralympics zwei Dopingtests absolviert haben muss.

Beim Deutschen Behindertensportverband (DBS) stieß die Entscheidung jedoch auf harsche Kritik. „Die Entscheidung des IPC ist aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar. Es ist schade, dass das IPC von seiner konsequenten Anti-Doping-Politik abgerückt ist“, teilten DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher und Vizepräsident Karl Quade am Montag in einem Statement mit.

Das IPC hatte das RPC im August 2016 suspendiert und die Aufhebung der Sperre an die Erfüllung eines Kriterienkatalogs gekoppelt. Dazu gehören unter anderem die vollständige Wiederaufnahme der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA durch die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA sowie eine offizielle Anerkennung des McLaren-Reports, der Russland ein institutionalisiertes Dopingsystem attestiert. Beides ist bislang noch nicht passiert.

„Leider hat sich das IPC nun irgendeinem Druck gebeugt. Ein Start von Athleten aus Russland nach dem Sündenfall von Sotschi ist aus unserer Sicht ein Schlag ins Gesicht der sauberen Sportler und der manipulationsfreien Sportstrukturen“, schrieben Beucher und Quade weiter.

Als „nötige Maßnahme“ verteidigte hingegen IPC-Präsident Parsons die Entscheidung. „Ich verstehe ihre Meinung, aber ich teile sie nicht“, entgegnete der Brasilianer auf die Kritik des DBS: „Wir heben die Suspendierung nicht auf, wir erlauben keine russischen Flaggen. Aber wir sind davon überzeugt, dass jeder, der als neutraler Athlet teilnimmt, genauso sauber ist wie jeder andere Sportler.“

Damit verfährt das IPC ähnlich wie das Internationale Olympische Komitee (IOC), das für die Winterspiele in Pyeongchang (9. bis 25. Februar) ebenfalls russische Sportler unter neutraler Flagge zugelassen hat. Das IOC verzichtet jedoch nicht auf die Bezeichnung „Russland“ im Teamnamen. Die russische Mannschaft heißt dort „Olympische Athleten aus Russland“ (OAR).

DOSB-Präsident Alfons Hörmann begrüßte die Entscheidung des IPC. „Es ist dem IOC und dem IPC dieses Mal gelungen, einheitlich vorzugehen – das ist ein hohes Gut“, sagte Hörmann bei seiner Rede beim Neujahrsempfang des Deutschen Olympischen Sportbundes. Bei den Sommer-Paralympics 2016 in Rio hatte das IPC anders als das IOC wegen des staatlich gelenkten Dopingsystems alle russischen Behindertensportler ausgeschlossen. (sid)