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Nicht anfassen!

Der Zoo Bischofswerda gilt als sicher. Schlimme Unfälle wie 1996, als ein Wolf zubiss, sind trotzdem nie ausgeschlossen.

© Regina Berger

Von Gabriele Naß

Bischofswerda. Bei den Nasenbären im Tierpark Bischofswerda ist die Versuchung groß, mal hinzulangen, um sie zu streicheln. Die drolligen Tiere turnen, wenn sie gut gelaunt sind, auf Seilen ja quasi auf Tuchfühlung mit den Besuchern. Und die staunen. Die Nasenbärenanlage ist eine Attraktion. Aber ist sie auch ungefährlich?

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Ein Foto aus dem Tierpark Bischofswerda von 1982. Wölfe werden hier heute nicht mehr gehalten. Etwa an der gleichen Stelle können Gäste heute Luchse sehen.
Ein Foto aus dem Tierpark Bischofswerda von 1982. Wölfe werden hier heute nicht mehr gehalten. Etwa an der gleichen Stelle können Gäste heute Luchse sehen. © Wolfgang Schmidt

Tierparkleiterin Silvia Berger und ihr Team beobachten, dass immer mal wieder ein Besucher der Versuchung nicht widerstehen kann und nach den Nasenbären greift. Wie Kinder hochgehoben werden, damit sie sie streicheln können. Das ist nicht besonders schlau. „Nasenbären tun nichts, so lange ihr Vertrautes Umfeld nicht gestört wird“, sagt Berger. Sie selbst könne die Tiere sogar in den Arm nehmen, dann lassen sie sich kraulen. Greift ein Besucher hin, der fremd ist, könnte das der Nasenbär aber als den Versuch des Eindringens in sein Reich werten. Wie diese Tiere dann reagieren, hat der Zoo noch nicht erleben müssen. Das bleibt hoffentlich so. Die Tierparkchefin, die wie ihre Mitarbeiter regelmäßig selbst in Sicherheitsfragen geschult wird: „Wir schauen hin, sagen etwas, wenn nötig und wünschen uns, dass sich die Besucher auch etwas sagen lassen.“

Nasenbären sind Raubtiere. Mit einem Schild am Gehege wird darauf aufmerksam gemacht. Verbots- oder Warnschilder gibt es im gesamten Tierpark Bischofswerda aber nur ganz wenige. Das ist angenehm, heißt aber nicht, dass die Gefahr für Besucher nicht auch an deren Stellen lauert. Es gibt sie vor allem dort, wo wir sie gar nicht vermuten. Bei den Meerschweinchen zum Beispiel. Über eine etwas 1,20 Meter hohe Mauer schaut man in das Gehege, wo es vor den beliebten Haustieren nur so wimmelt. Für kleine Besucher gibt es ein großes Guckloch in der Mauer. Kinder werden trotzdem immer wieder auf die Mauer gestellt. Das große Netz überm Gehege ist zu dünn, um die Kleinen vor Verletzungen zu schützen, sollten sie fallen und dafür auch gar nicht gedacht. Es wurde gespannt, um Meerschweinchen-Junge davor zu bewahren, dass Krähen sie holen.

Tiere im Futterneid unberechenbar

Bei den Eseln ist Vorsicht geboten. Klettert ein Kind durch die Absperrung und wird es dort von einem der Tiere unglücklich getroffen, kann das schlimme Folgen haben. Genauso, wenn kleine Finger durch das Gitter bei den Aras gesteckt werden, um sie zu füttern. Der Schnabel der großen Vögel ist so leistungsfähig wie eine mittelgroße Zange. Oder Falle Streichelgehege, das so viele zurecht so gern betreten: Hier springt schnell mal eine Ziege hoch, wenn man sich falsch verhält. Zum Beispiel, weil im Innenraum gefüttert wird, obwohl das verboten ist, weil davon ausgegangen werden muss, dass die Tiere im Futterneid unberechenbar werden können.

Auffällige, hässliche Absperrungen vor den Gehegen gibt es im gesamten Tierpark Bischofswerda nicht. Auch die Gitter sind nur so stark, wie es die Vorschriften gerade verlangen. „Die Besucher sollen die Tiere ja sehen können“, sagt Silvia Berger. Die modernen Barrieren zwischen Mensch und Tier sind neben schön gestalteten Mauern und kleinen Zäunen vor allem Sträucher. Das, sagt Silvia Berger, entspreche voll den Vorschriften. Demnach verlangen die Sicherheitsregeln für Zoos, dass der Sicherheit alles dient, was „ein Erreichen der Gehege durch Besucher erschwert und den erforderlichen Sicherheitsabstand markiert.“

Die Leiterin des Zoos Bischofswerda hält wenig von Schildern mit Regeln, Warnungen und Verboten. „Die kleinen Gäste können sie sowieso nicht lesen, viele ausländische Besucher auch nicht“, andere übersehen sie ganz. Wer liest schon tatsächlich zuerst das Kleingedruckte, wenn er sich im Tierpark erholen und Freude haben möchte? – Um sich rechtlich abzusichern, hat die Zooleitung an den Eingang die Tierparkordnung gehangen. Dort steht geschrieben, dass Tiere nicht gestört oder gefährdet werden dürfen und mitgebrachtes Futter verboten ist. Die Tierparkordnung verlangt aber auch, dass sich „Kinder unter 6 Jahren nur unter Aufsicht und in Begleitung erziehungsberechtigter Erwachsener“ im Zoo aufhalten dürfen. Für Silvia Berger, Oma eines kleinen Enkels, eine Herzensangelegenheit, dass auf die kleinen Gäste im Tierpark zu jeder Zeit besonders aufgepasst wird. „Die meisten passen gut auf ihre Kinder auf. Es gibt aber immer wieder Ausnahmen“, sagt Silvia Berger. Manchmal, beim Kaffeetrinken am Imbiss etwa, passiert es, dass kurz weggeschaut wird. „Besser nicht“, warnt Silvia Berger.

Zwei schlimme Begebenheiten

Wie schlimm die freundlich gedachte Begegnung zwischen Mensch und Tier ausgehen kann, zeigen zwei Begebenheiten, die viele in der Stadt am liebsten aus dem Gedächtnis streichen würden, die sich aber nicht streichen lassen. Vielleicht auch gut so. – Es ist erst ein paar Jahre her, die inzwischen verstorbenen mehrfachen Braunbären-Eltern Mischka und Olympia lebten aber noch. Da stieg ein Mann über den Zaun vorm Gehege, weil er die Bären mit Zucker füttern wollte. Er langte durch die Gitterstäbe. Der Mann hatte Hand und einen Teil des Armes im Gehege, Olympia Tatze und Maul schon in Gefechtsbereitschaft. Dass der Mann seinen Arm nicht verlor, hat er einem Tierpfleger zu verdanken. Er sah, was passierte, entschloss sich zum Handeln, schlug der Bärin mutig auf die Tatze und sie damit in die Flucht. Mischke schaute zum Glück nur zu. – So viel Glück hatte ein kleines Mädchen aus Bischofswerda im Juli 1996 aber nicht. Damals passierte der schlimmste Unfall in der über 50-jährigen Geschichte des Tierparks Bischofswerda. Es geschah am Wolfsgehege, das es da noch gab. Die Kleine hatte es geschafft, an den Absperrungen vorbei direkt an die Gitterstäbe zu kommen. Sie griff durch zu den Wölfen. Dabei wurde der Zweijährigen ein Arm abgebissen. Eine dramatische Rettungsaktion folgte, bei der auch nach dem Arm gesucht wurde, denn im Gehege lag er nicht mehr. Zwei acht Jahre alte Wölfe, bei denen vermutet wurde, dass einer den Arm verschluckt hat, wurden erschossen und obduziert. Der Arm konnte nicht mehr angenäht werden. Das Mädchen, heute eine junge Frau, wuchs mit nur einem Arm auf. – 27  Jahre lang wurden bis zu dem tragischen Unfall schon Wölfe im Zoo Bischofswerda gehalten, nie war etwas passiert.

44 000 Besucher hatte der Tierpark Bischofswerda seit Jahresbeginn. Geöffnet ist er im Sommerhalbjahr täglich 9 bis 18 Uhr.