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Nicht die Wahrheit entscheidet

Das Schicksal eines Angeklagten hängt allein an der Überzeugung der über ihn urteilenden Richter. Doch auf dem Weg dahin wirken unendliche viele Faktoren.

© dpa

Von Endrik Wilhelm

Wann immer ich mit einem neuen Fall konfrontiert werde, ist es die erste und zugleich schwierigste Aufgabe, dem Mandanten klarzumachen, dass es nicht die Wahrheit ist, die seinen Fall entscheidet. Es ist die Überzeugung derer, die über ihn zu urteilen haben. Ganz gleich, was sich in Wirklichkeit zugetragen hat. Das Schicksal eines Angeklagten hängt allein an der Überzeugung der über ihn urteilenden Richter.

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Dabei ist richterliche – und nicht nur die – Überzeugungsbildung ein überaus komplexer Prozess, an dessen Ende ein Ergebnis steht. Auf dem Weg dorthin wirken unendlich viele Kleinigkeiten. Damit meine ich nicht nur gezielte Manipulationen, sondern unzählige Einflüsse, denen unser Gehirn ausgesetzt ist. Im Ergebnis ist es exakt so, wie es die Chaos-Theorie beschreibt: In komplexen Systemen können kleinste Veränderungen ungeahnte Auswirkungen haben. Die Frage, ob der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann, hat auch im Rahmen der Überzeugungsbildung ihre Berechtigung.

Wer besser verstehen will, wie Überzeugungsbildung funktioniert, muss als Erstes die Erkenntnis der Psychologie nachvollziehen, dass unser Gehirn – vereinfacht ausgedrückt – auf zwei Ebenen arbeitet: Eingehende Informationen werden zunächst vom sogenannten System 1 verarbeitet. Auf dieser Ebene trifft der Mensch unbewusst und ungewollt erste Entscheidungen, und zwar unmittelbar nachdem er mit einer Situation konfrontiert wird. Wir wenden uns zum Beispiel automatisch der Quelle eines plötzlichen Geräuschs zu, wir treffen diese Entscheidung nicht bewusst. Wir ziehen ein angewidertes Gesicht, wenn uns ein grauenvolles Bild gezeigt wird. Darüber denken wir nicht nach. System 1 arbeitet sogar in dem Bereich, der mathematisches Verständnis voraussetzt, wenn die Erfahrung nur modelliert ist. So müssen wir nicht nachdenken, um den Satz „2+2=…“ zu vervollständigen.

Findet System 1 keine modellierte Entscheidung, kommt System 2 zum Einsatz. Es ist zuständig für die anstrengenden mentalen Aktivitäten: Eindeutig in den Zuständigkeitsbereich von System 2 fallen zum Beispiel komplexe Berechnungen oder die Konzentration auf einen Startschuss beim Wettlauf. Es durchsucht unser Gedächtnis, um ein ungewohntes Geräusch zu identifizieren, und wir brauchen es, um eine Steuererklärung anzufertigen.

Die meisten Entscheidungen in unserem Leben trifft System 1, auch wenn wir uns etwas anderes einbilden. Das ist nicht schlimm, denn die Arbeitsteilung zwischen System 1 und System 2 ist grundsätzlich höchst effizient. Sie hat den Menschen an die Spitze der Evolution geführt. In dem Zusammenspiel der Systeme gibt es aber auch eine Reihe von Schwachstellen. Einige – bei Weitem nicht alle – stelle ich kurz vor.

Psychologen haben nachgewiesen, dass System 1 bereits mit ersten Wahrnehmungen voreilig Überzeugungen bildet. Das geschieht auf der Grundlage einer Plausibilitätskontrolle, auch wenn eine kritische Betrachtung die Entscheidungsgrundlage viel zu dürftig erscheinen lässt. Jeder hat das schon bei sich selbst erlebt. Dazu erinnere ich an den Fall Kachelmann, der weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wurde. Es gab so gut wie keine Informationen zum Geschehen im Gerichtssaal. Trotzdem hatte jeder eine Meinung dazu, ob er schuldig oder unschuldig ist.

Die Entdeckung eines Modells durch System 1 bewirkt überdies eine Weichenstellung: Zusätzliche Informationen werden durch die Brille der bereits mitgeteilten aufgenommen. Wenn wir uns eine Überzeugung gebildet haben, werten wir neu eingehende Informationen deshalb als Bestätigung, wenn das irgendwie möglich ist. Bildlich gesprochen: Menschen, die wir mögen, glauben wir Unschuldsbeteuerungen eher als denen, die uns unsympathisch sind.

Treffen wenige eingehende Informationen auf ein verfestigtes Modell in System 1, wird es besonders kompliziert. Das gilt vor allem dann, wenn eine Motivation fehlt, die Standardentscheidung infrage zu stellen. Homosexuelle – und nicht nur die – kennen das nur zu gut. Vor gerade einmal 40 Jahren und Jahrhunderte lang zuvor war es für homosexuelle Männer strafbar, miteinander geschlechtlich zu verkehren. Das entsprach – wie die Ausgrenzung „unehelicher“ Kinder und deren Mütter – verfestigten gesellschaftlichen Überzeugungen. Inzwischen sehen wir ein, dass es keinen vernünftigen Grund dafür gibt. Doch es mussten große Widerstände überwunden werden, um diese neue Überzeugung zu bilden. Albert Einstein hatte deshalb recht, als er sagte: „Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten, als ein Vorurteil.“

Maßgeblichen Einfluss nehmen auch Mehrheitsverhältnisse und Instinkte. Der Mensch folgt lieber Mehrheiten statt Außenseitern und glaubt Geschichten von Heiratsschwindlern oder Anlagebetrügern, weil sie sein Liebesbedürfnis oder seine Gier bedienen. Zusammen mit den bereits beschriebenen Faktoren ist das nicht nur die Basis, die Infinus erfolgreich machte. Es ist der Nährboden für ganze Weltanschauungen und Religionen.

Exakt dieses Muster wirkt auch im Strafverfahren: Es entsteht ein Verdacht gegen einen – womöglich vorbestraften – Beschuldigten, den die Ermittler zu beweisen suchen. Sehr früh bilden sich erste Überzeugungen. Das beeinflusst die Bewertung nachfolgender Ermittlungsergebnisse. Niemand sucht nach der Bestätigung der Version des Beschuldigten. Bis zur Hauptverhandlung hat sich stattdessen längst eine Mehrheit der mit der Sache Befassten gegen ihn entschieden. Die Verhandlung dient nur noch der Bestätigung der bereits gebildeten Überzeugung.

Dabei ist es nicht etwa so, dass die Schuld in einem Strafverfahren „bewiesen“ sein muss, wie es sich Laien gewöhnlich vorstellen. Richter müssen nur subjektiv überzeugt sein, wenn diese Überzeugung halbwegs fundiert und möglich ist. Sie haben dabei einen weiten Beurteilungsspielraum. Das ist eine der Hauptursachen dafür, dass sich Urteile oftmals als fehlerhaft erweisen. Exemplarisch ist auf den tragischen Fall des Lehrers Horst Arnold hinzuweisen. Er hatte angeblich seine Kollegin Heidi K. vergewaltigt und war zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Wir wissen heute, dass Heidi K. eine notorische Lügnerin ist. Ihre Aussage war die alleinige Verurteilungsgrundlage gewesen.

Die Justiz behauptet, Fälle wie der von Horst Arnold wären tragische Einzelfälle. Aber das ist nicht die Wahrheit. In meiner Praxis habe ich im laufenden Betrieb stets etwa vier bis fünf Fälle, die zwar nicht so spektakulär sind, in denen aber auch Verurteilungen auf unzureichender Beweisgrundlage erfolgen, weil die präsentierte Geschichte plausibel erscheint und meine Mandanten ihre Unschuld nicht beweisen können. Besserung ist leider nicht in Sicht. Auch die spektakulären Fälle zu Unrecht verurteilter Menschen lösen nicht die Grundsatzdiskussion aus, die erforderlich wäre. Es wäre die Diskussion über die Konsequenzen unseres Menschseins, die uns viel vorsichtiger machen müssten, bevor wir uns anmaßen, über fremde Schicksale zu entscheiden.

Prof. Endrik Wilhelm ist Strafverteidiger. Er lehrt an der TU Chemnitz und an der TU Dresden. Der Text ist die gekürzte Fassung seines Vortrags auf dem Strafverteidigertag in Dresden.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.