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Nicht zu stoppen

Die deutschen Handballer bauen ihre Erfolgsserie gegen Russland aus und freuen sich aufs Endspiel ums Halbfinale.

© dpa

Von Martin Kloth

Carsten Lichtlein rannte wie entfesselt zum Spielfeldrand und umarmte stürmisch Bundestrainer Dagur Sigurdsson. Mit dem letzten entschärften Wurf rettete der Torhüter den deutschen Handballern bei der EM in Polen den vierten Sieg hintereinander und die Chance aufs Halbfinale. Im zweiten Hauptrundenduell bezwang gewann der WM-Siebente am Sonntag in Wroclaw (Breslau) gegen Russland mit 30:29 (17:16). „Das war ein unglaubliches Gefühl beim Abpfiff. Wir sind einfach nur ausgerastet. Als ich gesehen habe, dass der isländische Eisblock auch so jubelt, gab es kein Halten mehr“, sagte Lichtlein, der in der 23. Minute für Andreas Wolff ins Tor kam und seine beste EM-Leistung bot.

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Dadurch folgt am Mittwoch das mit Spannung erwartete Endspiel gegen den Spitzenreiter Dänemark um den Einzug in die Medaillenrunde. „Ich bin sehr glücklich über unseren Sieg. Es war ein Kampf bis zur letzten Sekunde. Kompliment an die Jungs. Wir haben es über die Bühne gebracht. Unglaublich“, sagte Sigurdsson. Durch den Erfolg ist die deutsche Mannschaft mindestens schon EM-Sechster. „Das ist gigantisch“, sagte Delegationsleiter Bob Hanning.

Vor rund 6 200 Zuschauern lieferte die Auswahl des Deutschen Handballbundes eine Partie mit vielen Höhen und Tiefen ab. Bester deutscher Werfer war Christian Dissinger mit sieben Toren. Der WM-Siebente trotzte somit nicht nur dem Gegner, sondern auch einer geheim gehaltenen Grippewelle. „Das haben wir bewusst nicht gesagt“, sagte Hanning.

Die Freude über den Sieg wurde aber getrübt durch das erneute Verletzungspech. Kapitän Steffen Weinhold und Dissinger zogen sich laut Hanning Muskelverletzungen zu und mussten zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus. „Es sieht bei beiden nicht gut aus. Wir nominieren auf alle Fälle nach“, sagte Sigurdsson. Julius Kühn vom VfL Gummersbach und Kai Häfner von der TSV Hannover-Burgdorf stoßen am Montag zur Mannschaft. Über einen Spielertausch entscheidet Sigurdsson bis zum nächsten Spieltag.

Am Sonnabend hatten die deutschen Handballer noch eine Spezialaufgabe. Die Außenspieler Rune Dahmke und Tobias Reichmann sowie Wolff standen für einen Trailer vor der ARD-Kamera. „Endlich geht’s wieder los – Fußball-Bundesliga – in der Sportschau“, sagten die drei hintereinander und reckten ihre Daumen nach oben. „Andi, du warst wie immer der Beste“, sagte Dahmke zu Wolff.

„Wir haben bisher gute Spiele abgeliefert, viel Selbstvertrauen, alles in der eigenen Hand, sind nicht auf andere angewiesen und brauchen nur auf uns zu gucken“, sagte Steffen Fäth. Er ist zwar kein Neuling in der Nationalmannschaft. Immerhin kann der Rückraumspieler von der HSG Wetzlar auf Erfahrungen von der WM 2013 in Spanien verweisen. Aber auf der Spielmacher-Position ist er eine der Entdeckungen des Turniers. „Mir ist es eigentlich egal, ob ich auf halblinks oder in der Mitte spiele. Das macht für mich keinen großen Unterschied.“ Gegen Ungarn verzückte der 25-Jährige mit einer Aktion alle: Ein intuitiver Rückhandpass auf Kreisspieler Jannick Kohlbacher. „So was kann man nicht einstudieren, weil man nicht weiß, wie die Abwehr reagiert. Das macht man vom Gefühl her. Das freut einen schon“, sagte Fäth.

Es war ein Geniestreich, der an Ivano Balic erinnerte. Der zweifache Welthandballer aus Kroatien hatte Fäth zwei Jahre in Wetzlar unter seinen Fittichen. „Er ist ein anderer Spielertyp als ich. Ich bin froh über das, was ich von ihm gelernt habe. Er hat mir viel beigebracht in Bezug auf Spielübersicht, wie es in verschiedenen Situationen am besten ist zu handeln“, sagte Fäth.

Fäths Karriere, in der ihn der Weltverband 2010 zum Aufsteiger des Jahres ernannte, bekam 2013 einen Dämpfer. Kurz nach der WM riss ihm die Patellasehne. Das aber ist Vergangenheit. Seit einiger Zeit gehört seine Frau Julia zu seinem Leben und seit beinahe zwei Jahren auch Tochter Lea. Sportlich ging es auch wieder bergauf. „Er spielt schon seit dem Supercup eine große Rolle bei uns“, sagte Sigurdsson. „Er hat dort, in der Vorbereitung und auch bei der EM konstant gute Leistungen gezeigt.“ Und in der nächsten Saison wechselt Fäth zu den Füchsen nach Berlin. (dpa mit sid)