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Niederländerin bietet Niere im Fernsehen an

In Holland geht heuteeine umstrittene Showum Organspendenüber die Bildschirme.

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Von Detlef Drewes,SZ-Korrespondent in Brüssel

Geschmacklos“, „unerträglich“, „sollte verboten werden“ – die Kommentare zum großen niederländischen TV-Ereignis heute Abend sind eindeutig. Drei Nierenkranke buhlen zur besten Sendezeit um die Niere der 37-jährigen todkranken „Lisa“. Am Ende soll das Millionenpublikum per SMS abstimmen, wer eine Niere bekommt.

Zwar entscheidet die junge Frau, die nach der Erkrankung an einem Gehirntumor nur noch wenige Wochen leben wird, am Ende selbst, wem sie den Zuschlag gibt. Und außerdem wird die zweite Niere auf ordnungsgemäßem Wege per Eurotransplant an den nächsten auf der europaweiten Warteliste weitergegeben. Aber das Organ-Casting per Fernsehen geht vielen schon vorab an die Nieren.

Dabei wollte der öffentlich-rechtliche Sender BNN, der morgen um 20.15 Uhr für 80 Minuten die willige Spenderin ins Blickfeld rückt, nur an seinen Gründer Bart de Graaf erinnern. Er starb vor einigen Jahren, weil es kein Spenderorgan gab.

Man beauftragte die Produktionsfirma Endemol NV, die durch „Big Brother“ zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Inzwischen gibt man sich dort ob „De Grote Donorshow“ (Die große Spendershow) schweigsam und überlässt BNN-Chef Laurens Dillich zu erklären, warum man sich auf ein derart zweifelhaftes Format eingelassen hat: „Wir wollen auf die schwierige Situation derjenigen aufmerksam machen“, sagt er, „die seit Jahren vergeblich auf ein Organ warten“.

Das tun die drei Bewerber zwischen 18 und 40 Jahren, die bereitwillig die Endemol-Kameras in ihr Privatleben gelassen haben. Heute soll das Publikum mit – übrigens kostenpflichtigen – SMS dem Sender helfen, einen Teil der Produktionskosten wieder hereinzuholen.

Paul Beerkens, Direktor der niederländischen Organspende-Organisation, sieht die Sendung ambivalent. Zum einen ist er „froh, dass die Schwierigkeiten, die wir haben, Spender zu bekommen, an die Öffentlichkeit kommt“. Zum anderen aber spricht er offen davon, dass dem „Eindruck des Organhandels Vorschub geleistet“ wird.

Bei der Deutschen Stiftung Organspende verurteilt man die Show scharf: „Man darf nicht um Leben und Tod spielen“, sagt ein Sprecher und verweist darauf, dass die deutschen Gesetze eine solche Show unmöglich machen. Hierzulande dürfen Organe direkt nur an unmittelbare Verwandte gespendet werden. Das Verschenken an andere oder gar das TV-reife Versteigern ist ausdrücklich verboten.

Doch auch auf die niederländischen Transplantations-Macher warten noch Schwierigkeiten. Auf Nachfrage mussten nämlich Sender und Produzenten einräumen, dass es derzeit noch keine Klinik gibt, die sich zu der After-Show-Organentnahme bereiterklärt hat. Auch in Holland sind die Krankenhäuser nämlich verpflichtet, die Transplantationsgesetze einzuhalten.

Für die christlich-demokratischen Politiker des Landes ist das ganze Vorhaben ohnehin „moralisch falsch und verwerflich“, wie es Joop Atsma, Sprecher von Premier Balkenende, formuliert hat. Atsma sollte eigentlich bis Freitag der „ganzen Sache einen Riegel“ vorschieben. Ob die Zeit dafür reicht, ist ungewiss.