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Niedrige Löhne vergraulen Erntehelfer

© Symbolbild: dpa/Kay Nietfeld

Es fehlen Saisonkräfte. Sachsens Obstbauern wollen sie außerhalb der EU anheuern, doch die Gewerkschaft ist dagegen.

Von Michael Rothe

Dresden. Die Bauern haben in diesem Jahr neben Hitze und Trockenheit eine weitere Sorge: Personalnot. Wie der Geschäftsführer des Landesverbands Sächsisches Obst Udo Jentzsch auf SZ-Anfrage erklärte, fehlen massenhaft Erntehelfer, die in den vergangenen Jahren aus Rumänien, Polen, Bulgarien, der Slowakei und vereinzelt aus Tschechien und dem Baltikum gekommen waren. Konkrete Zahlen nennt der Verbandschef nicht. Seine Organisation hat 78 Mitglieder in Sachsen und Sachsen-Anhalt, davon 44 im Freistaat.

Jentzsch schätzt den Bedarf deutschlandweit auf 30 000 bis 40 000 Arbeitskräfte. Im Feldbau und in der Tierhaltung kommen Saisonkräfte laut Sächsischem Bauernverband nur selten zum Einsatz.

„In Polen und anderen Ländern boomt die Wirtschaft“, sagte der Verbandschef zur Begründung. Auch langjährige Pflücker blieben lieber in ihrer Heimat, als sich fernab der Familie für deutschen Mindestlohn zu verdingen – selbst wenn es die 8,84 Euro pro Stunde laut Jentzsch „mindestens“ und „meist als Nettolohn ohne Abzüge“ gibt.

Wer sich dennoch auf den Weg macht, zieht oft gleich weiter nach Belgien oder in die Niederlande mit höheren Lohnuntergrenzen von 9,47 und 9,68 Euro. Und auch in Deutschland sind Jobs am Bau oder bei Paketdiensten lukrativer: mit zwei, drei Euro mehr und der Aussicht auf eine längere Beschäftigung als nur über den Sommer.

Laut Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) wird Deutschland für Saisonkräfte immer unattraktiver – auch wegen der verbreiteten Praxis ungerechtfertigter Abzüge für Kost, Logis, Arbeitsgeräte und Schutzkleidung. Nach ihren Angaben variiert der Stundenlohn zwischen fünf und 9,20 Euro. Der Tariflohn für Erntehelfer betrage 9,10 beziehungsweise 9,25 Euro für Beschäftigte, die länger als vier Monate im Betrieb arbeiten. Verbandschef Jentzsch spricht lediglich von einer „Tarifempfehlung“ für die Landwirtschaft. Sie sei „insbesondere in der Arbeitszeitgestaltung wegweisend“.

Könnten nicht Flüchtlinge das Problem lösen? „Grundsätzlich kommen sie infrage“, sagt Jentzsch. Aber „Bürokratie, Wille, Zuverlässigkeit, Leistung“ stünden dem entgegen. Obstbauern fordern ein Abkommen zur Anwerbung von Erntehelfern aus Nicht-EU-Staaten wie der Ukraine und Weißrussland. Die Gewerkschaft lehnt das entschieden ab. „Es ist ganz einfach, Erntehelfer dauerhaft an sich zu binden“, sagt der IG-BAU-Bundesvize Harald Schaum. „Man muss sie nur vernünftig bezahlen.“

Aus Sachsens Obstplantagen werden derzeit vor allem Süß- und Sauerkirschen sowie Johannisbeeren geerntet. Interessierte Pflücker können sich laut Verband direkt in den Betrieben melden.