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Atom-Endlager: In der Lausitz bietet sich nur ein Gebiet an

Der frühere Zittauer Hochschullehrer Bernd Delakowitz über die Chancen für ein solches Lager in Ostsachsen.

Prof. Bernd Delakowitz hat jahrelang Umweltrecht an der Hochschule Zittau/Görlitz gelehrt und gilt als Experte für die Untersuchung von Endlagerstätten.
Prof. Bernd Delakowitz hat jahrelang Umweltrecht an der Hochschule Zittau/Görlitz gelehrt und gilt als Experte für die Untersuchung von Endlagerstätten. © HSZG

Der Diplom-Geologe Dr. Bernd Delakowitz (67) hat 23 Jahre lang an der Hochschule Zittau/Görlitz Umweltrecht gelehrt. Jetzt ist er Professor im Ruhestand. Die Suche nach einem Endlager für den hoch radioaktiven Atommüll in Deutschland verfolgt er jedoch mit großem Interesse, war er doch vor seiner Zittauer Zeit sieben Jahre lang an Untersuchungen des Deckgebirges am Erkundungsbergwerk Gorleben beteiligt. Und er hat Einblick in die Endlager-Situation in anderen Ländern. Im SZ-Interview erklärt er, was die Lausitz - und speziell den Landkreis Görlitz - in den nächsten Jahren erwarten könnte.

Herr Prof. Delakowitz, der erste Zwischenbericht der mit der Endlagersuche beauftragten Bundesbehörde (BGE) liegt auf dem Tisch. Als Wirtsgesteine gelten Steinsalz, Ton- und kristalline Gesteine wie Granit. Was ist aus wissenschaftlicher Sicht die beste Wahl?

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Steinsalz gilt international unter Fachleuten unbestritten als das günstigste Medium für diesen Zweck. Es ist komplett trocken, hat eine hohe Isolationswirkung und Wärmeleitfähigkeit. Salz ist aufgrund seiner Struktur elastisch, reißt daher bei Beanspruchung  nicht auf, sodass kein Wasser eindringen kann. Geologisch betrachtet ist Ton die Nummer zwei. Auch dieses Gestein isoliert gut, ist aber ein bedeutend schlechterer Wärmeleiter als Salz. Die Abfälle müssten für eine Endlagerung im Ton zuvor deutlich länger zwischengelagert und heruntergekühlt werden - bis zu 100 Jahre. Bei Salz nur 30 bis 40 Jahre. Kristallines Gestein wie Granit hat eine andere Schwäche: Es ist von seiner Struktur her meist recht zerklüftet. Es besitzt eine gewisse Bergfeuchte. Wasser ist aber der größte Feind für eine dauerhafte Endlagerung.

Aber in Schweden und Finnland, wo möglicherweise schon 2025 atomare Endlager in Betrieb gehen sollen, wird Granit genutzt.

Das ist richtig. Dort gibt es aber nichts anderes. Kein Salz, kein Ton. Deutschland ist in der glücklichen Lage, im internationalen Vergleich unter den besten Endlager-Medien wählen zu können.

Wenn wir den Landkreis Görlitz betrachten, sind im Zwischenbericht ein Streifen entlang der Neiße sowie ein Gebiet zwischen dem Zittauer Gebirge und dem Oberland bei Ebersbach-Neugersdorf bereits herausgefallen. Warum?

Das Neißeland ist ehemaliges Bergbaugelände, wenn ich nur an die Gruben in Turow und Berzdorf/Hagenwerder denke. Die Grundwasserbeschaffenheit ist für ein Endlager ausgesprochen ungünstig. Deshalb gilt bergbauliche Tätigkeit - egal ob in der Vergangenheit oder aktuell - als Ausschlusskriterium. Ein zusätzliches Risiko wären grenzüberschreitende Genehmigungsverfahren. Die will man sicher vermeiden.

Und die Fläche zwischen Zittauer Gebirge und Oberland?

Dort herrscht Sandstein vor. Der ist kein geeignetes Wirtsgestein für die Lagerung von Atommüll. Er ist einfach zu porös.

Wie sieht es mit anderen Territorien innerhalb des Landkreises aus?

Nördlich von Niesky haben wir eine tektonische Störungszone, dort könnte es Bewegung in den Erdmassen geben. Seismische Aktivität - auch wenn man die momentan nicht spürt - ist ebenfalls ein Ausschlusskriterium. Ich denke deshalb, dass das Tongestein rund um Weißwasser nicht infrage kommen wird. Es dürfte zudem von seiner Mächtigkeit her zu dünn sein.

In Betracht kämen also die Granitvorkommen im Landkreis. Was macht sie so besonders?

Der Lausitzer Granit ist ein sehr altes Gesteinsmassiv, etwa 350 Millionen Jahre oder älter. Seine flächenmäßige Ausdehnung reicht nördlich von Löbau bis nach Hoyerswerda und weiter südwestlich von Dresden bis ins Erzgebirge. Zwar ist seine Mächtigkeit noch nicht genau erforscht, es dürften aber einige hundert bis 1.000 Meter sein. Zieht man allerdings den Dreiervergleich zurate, dann sind kristalline Wirtsgesteine wie Granit nach Salz und Ton nur die drittbeste Wahl.

Es heißt aber, dass sich auch Granit "veredeln" und damit endlagertauglich machen lässt. Wie geht das?

Das praktizieren die Finnen und Schweden. Sie packen in ihre Lagerstätten noch mehrere Meter Tongestein - sogenanntes Bentonit. Das ist eine zusätzliche technische Barriere.

Wäre das in der Lausitz auch möglich?

Sicher. Gearbeitet wird dabei - wie bei allen Deponien - mit Multibarrierenkonzepten. Natürliche und vom Menschen geschaffene technische Barrieren sollen zusammen eine starke Einheit bilden. Das Wirtsgestein und das darüber liegende Deckgebirge bilden im Falle des Endlagers die natürliche Barriere. Zu den technischen Barrieremöglichkeiten zählt die Verfüllung des Lagers mit Spezialmaterial. Im Standortauswahlgesetz steht, dass in Granitgebieten höhere Anforderungen an die technischen Barrieren gestellt werden - eben, um zu verhindern, dass Wasser einsickern kann.

© SZ Grafik

Auf was müssen sich die Menschen im Landkreis einstellen: Bange Jahre, in denen sich die Region zu einem der infrage kommenden Standorte herauskristallisiert? Oder rechnen Sie mit einem schnellen Ende, weil die Gesteinssituation doch nicht endlagertauglich ist?

Ich möchte da weder Hoffnungen noch Ängste schüren. Das Gebiet zwischen Zittau, Görlitz, Niesky und Weißwasser dürfte nicht mehr allzu lange zu den Kandidaten zählen. Hier sind das Verwitterungsrisiko und die Beeinträchtigungen durch den Braunkohlebergbau einfach zu groß. Außerdem treffen die Faktoren zu, die wir schon genannt haben. Anders, vermute ich, wird es mit dem Raum zwischen Löbau, Bautzen, Kamenz, Bischofswerda und Königsbrück aussehen. Ich denke, dieses Areal wird man sich genauer anschauen.

Die Lausitz könnte also mit in der Endrunde sein? Wer hat noch die geologischen Voraussetzungen dazu?

Aus meiner Kenntnis der unterschiedlichen Gesteinsformationen heraus rechne ich beim Wirtsgestein Salz mit Niedersachsen, beim Ton mit der schwäbischen Alb in Baden-Württemberg und bei den kristallinen Gesteinen mit dem Fichtelgebirge in Bayern und dem Lausitzer Granit in Sachsen.

Können Sie verstehen, dass der Salzstock Gorleben aus sämtlichen Untersuchungen ausgeklammert wird?

Nein, das ist für mich völlig unverständlich und meiner Meinung nach rein politisch motiviert. Die BGE hat im Rahmen der Endlagersuche einen 44 Seiten langen Bericht zu Gorleben veröffentlicht. Der kritischen Argumentation der Bürgerinitiativen hat man ein eigenes Kapitel gewidmet. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler werden überhaupt nicht erwähnt. Rein wissenschaftlich betrachtet wäre Gorleben wahrscheinlich der günstigste Standort für den deutschen hoch radioaktiven Atommüll.

Sieht so ein objektives Auswahlverfahren aus?

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Würde man frei von politischer und ideologischer Einflussnahme nur wissenschaftlich daran arbeiten, fände ich die Sache gut. Durch den Gorleben-Aspekt, auch durch technische, ökonomische und soziale Kriterien, die im weiteren Verlauf des Verfahrens Anwendung finden sollen, ist die Glaubwürdigkeit der Endlager-Suche für mich aber leider nicht sehr vertrauenswürdig.

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