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Sprachbarriere ist weiter das größte Integrationsproblem

Im Landkreis sind knapp über 1.000 Flüchtlinge untergebracht - weniger als die Hälfte vom Boom 2015. Doch Corona hat die Betreuer vor große Aufgaben gestellt.

Marika Vetter vom Mehrgenerationenhaus in Rothenburg - hier ein Foto aus dem Jahr 2015 - war eine der ersten im Landkreis, die sich mit der Betreuung von Asylbewerbern beschäftigt hat.
Marika Vetter vom Mehrgenerationenhaus in Rothenburg - hier ein Foto aus dem Jahr 2015 - war eine der ersten im Landkreis, die sich mit der Betreuung von Asylbewerbern beschäftigt hat. ©  Archiv/André Schulze

Marika Vetter hat es sieben Jahre lang gemacht. Seit Anfang Juni wird die Kontaktstelle Asyl in Rothenburg aber nicht mehr durch die Diakonie St. Martin, sondern den DRK-Kreisverband Görlitz Stadt und Land betreut. Die junge Frau aus der Neißestadt blickt gern auf die vergangene Zeit zurück. Vor allem menschlich habe ihr das viel gebracht.

Die Zeiten, als ständig neue Quartiere für den nicht abreißenden Flüchtlingsstrom gesucht werden mussten, ist auch im Landkreis Görlitz längst vorbei. Nach Angaben der Behörde sind hier aktuell 1.035 Asylsuchende untergebracht. 454 davon dezentral in Wohnungen in Görlitz, Niesky, Rothenburg, Weißwasser, Zittau, Löbau und Ebersbach-Neugersdorf. Der Rest - 581 Personen - wohnt in Gemeinschaftsunterkünften. Die meisten davon mit 419 in Löbau, gefolgt von Zittau mit 250 (jeweils verteilt auf zwei Objekte), Niesky (98) und Neusalza-Spremberg (59). Die meisten Neuankömmlinge wurden 2015 registriert: 2.321 Personen wurde damals eine vorübergehende Bleibe zugewiesen. Seitdem nahmen die Zahlen kontinuierlich ab. Auf dem jetzigen Stand haben sich die Unterbringungen seit etwa drei Jahren eingepegelt.

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2016 führte Miriam Lehel im Pfarramt Kodersdorf einen Deutschkurs für Asylbewerber durch. Die Sprachbarriere gilt auch heute noch als wichtigstes Integrationshindernis.
2016 führte Miriam Lehel im Pfarramt Kodersdorf einen Deutschkurs für Asylbewerber durch. Die Sprachbarriere gilt auch heute noch als wichtigstes Integrationshindernis. ©  Archiv/André Schulze

Marika Vetter war eine der Ersten, die in die Flüchtlingsbetreuung im Kreis stark eingebunden war. 2014 wurde in Rothenburg ein Pilotprojekt für Familien gestartet, die dezentralen Wohnraum bekamen. Der Martinshof stieg als Träger ein. Und die ausgebildete Sozialpädagogin aus dem Mehrgenerationenhaus arbeitete sich schnell in ihre neue Aufgabe ein. "Das war eine sehr schöne Zeit. Einwohner und Neuankömmlinge waren neugierig aufeinander." Marika Vetter engagierte sich bei der Vermittlung von Deutsch-Unterricht, beim Gang zum Arzt, schob Kita-Besuche an und half beim Eintritt mancher Kinder in die Schule.

"Wir waren ein gemischter, bunter Haufen, die Perspektiven der Menschen ganz unterschiedlich." Rothenburgs Einwohner hätten damals großartige Unterstützung geleistet, so die ehemalige Flüchtlingsbetreuerin. "In der Anfangszeit waren bis zu 50 Ehrenamtliche dabei, später stabil um die 30." Durch die vielen Kontakte untereinander hätten sich die Menschen immer mehr aneinander gewöhnt. Blockaden und Hindernisse habe man abgebaut.

Im Rückblick entdeckt Marika Vetter jedoch auch Baustellen, die in der Flüchtlingsarbeit künftig bearbeitet werden sollten. "Es fehlt nach wie vor an sozialer Begleitung. Auch wenn die Menschen hierbleiben dürfen, werden sie vielfach ins kalte Wasser geworfen. Gemeinsam an ihren Lebensperspektiven arbeiten, würde sie noch besser integrieren." Vor allem Kinder und Jugendliche könnten einen guten Platz in Deutschland finden.

In der Rothenburger Kontaktstelle Asyl in der Friedensstraße war Marika Vetter sieben Jahre lang Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge.
In der Rothenburger Kontaktstelle Asyl in der Friedensstraße war Marika Vetter sieben Jahre lang Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge. ©  Archiv/André Schulze

Ähnlich sieht das auch Andrea Kliemann vom Görlitzer DRK, die dort den Bereich Familie und Bildung verantwortet. Auf der Integration der Flüchtlinge müsse das besondere Augenmerk liegen. Hilfe zur Selbsthilfe habe sich dabei gut bewährt. Gegenwärtig würden vom Verband in Görlitz, Niesky und Rothenburg knapp 200 dezentral untergebrachte Menschen aus 15 Ländern betreut. Das Zusammenleben sei inzwischen alltäglich geworden. Als Schwachstelle nennt die Bereichsleiterin den immer noch schwierigen Zugang zum Arbeitsmarkt. "Die Mehrheit der Geflüchteten möchte arbeiten, selbst für sich und die Familie sorgen." Dies sei aus den unterschiedlichsten Gründen aber oft nur schwer möglich.

Der ASB hat wegen der rückläufigen Zahlen sein Engagement zwar heruntergeschraubt und betreut statt 414 Asylbewerber zu Spitzenzeiten in den Jahren 2015/16 seit 2017 nur noch bis zu 108 Personen in Zittau. Die Arbeit mit unbegleiteten, minderjährigen Jugendlichen wurde Ende August 2018 komplett eingestellt. Ein Schwerpunkt hat sich in dieser Zeit jedoch herauskristallisiert und nach Ansicht von Andrea Werner, der Bereichsleiterin für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, nichts an Bedeutung eingebüßt. "Vor allem Eltern müssen als 'Oberhäupter' ihrer Familien die Möglichkeit bekommen, unsere Sprache zu lernen. Bei Kindern ist das in der Kita und der Schule meist völlig unkompliziert." Nur dann werde sich der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern.

Eine Idee, die 2018 umgesetzt wurde: Flüchtlinge besuchten die Nieskyer Feuerwehr. Auch das trug zur besseren Integration bei.
Eine Idee, die 2018 umgesetzt wurde: Flüchtlinge besuchten die Nieskyer Feuerwehr. Auch das trug zur besseren Integration bei. ©  Archiv/André Schulze

Auch der Kreis, der jährlich 2,3 Millionen Euro für die Asylarbeit zur Verfügung stellt, sieht die Sprachbarriere als Hauptproblem für eine noch bessere Integration der Flüchtlinge an. Überdies müssten die Menschen noch stärker mit den in Deutschland gültigen Regelungen vertraut gemacht werden, erklärt Sprecherin Franziska Glaubitz. Zudem gehe es darum, ihre Perspektiven in dem für sie neuen Land besser auszuloten.

Die Coronapandemie hätten die Geflüchteten bisher gut bewältigt, bestätigen Wohlfahrtsverbände und Kreis. In den vergangenen eineinhalb Jahren habe es in den Gemeinschaftsunterkünften nur vereinzelte Infektionsfälle gegeben, einen Großausbruch jedoch nicht, berichtet die Kreissprecherin. Die Impfbereitschaft der Menschen sei allerdings durchwachsen. "Eine Abfrage hat ergeben, dass sich etwa 80 Personen impfen lassen möchten."

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