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Ein Schweizer auf den Spuren von Konrad Wachsmann

Nils Estrich ist Architekt und interessiert sich für den Nieskyer Holzhausbau. Das hat einen familiären Grund.

Kameramann Roberto Santana bereitet die nächste Einstellung für das Interview mit Claudia Wieltsch am Konrad-Wachsmann-Haus in Niesky vor.
Kameramann Roberto Santana bereitet die nächste Einstellung für das Interview mit Claudia Wieltsch am Konrad-Wachsmann-Haus in Niesky vor. © Nils Estrich

Nils Estrich ist am Ziel angekommen: der Wirkungsstätte von Konrad Wachsmann in Niesky. Zusammen mit seinem Kameramann Roberto Santana durchstreift der Architekt das Wachsmannhaus an der Bautzener Straße. Während sein spanischer Freund nach den besten Motiven für seine Kamera schaut, spricht Nils Estrich mit Claudia Wieltsch. Von der Museumsmitarbeiterin erfährt der in der Schweiz lebende Deutsche an einem Sonnabendnachmittag im September sehr viel über das Wirken und Schaffen des berühmten Architekten.

Darunter ist auch die Information, dass Wachsmann sein erstes Haus als freiberuflich arbeitender Architekt für einen Dr. Estrich in Jüterbog entworfen hat. Dieser Doktor ist Nils Estrich sein Großvater gewesen. 1929 war das, als seine Großeltern ein Wachsmannhaus bezogen haben. Im Gegensatz zu den nachfolgenden Häusern war das Estrich-Haus noch ein massives, aus Steinen errichtetes Haus. "Es steht noch heute in Jüterbog und ist bewohnt", sagt der Architekt, der das Gebäude für seinen Dokumentarfilm dieses Jahr aufgesucht hat.

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Großeltern hatten zwei Wachsmann-Häuser

Doch nicht nur das Wohnhaus in Jüterbog gehörte seinen Großeltern, auch ein Ferienhaus am Tegeler See bei Berlin. Das war ein typisches Nieskyer Holzhaus von der Firma Christoph & Unmack. 1932 wurde es am See aufgebaut. Leider ist dieses Holzhaus in den 1980er Jahren abgerissen worden, sodass heute nur noch seine Grundmauern zu finden sind. Auf diesen steht jetzt ein Bienenhaus, ebenfalls aus Holz. In der Dauerausstellung zum Holzhausbau in Niesky im Wachsmannhaus hat Nils Estrich das Sommerhaus seiner Großeltern wiederentdeckt. Es ist dort als Haus Brenning auf Fotos und Bauplänen zu sehen.

Der Schweizer Architekt Nils Estrich. Seine Großeltern ließen sich 1929 in Jüterbog ein Wohnhaus des Architekten Konrad Wachsmann bauen.
Der Schweizer Architekt Nils Estrich. Seine Großeltern ließen sich 1929 in Jüterbog ein Wohnhaus des Architekten Konrad Wachsmann bauen. © privat

Während Roberto Santana den Fokus seiner Kamera auf die Hausfotos richtet, schaut sich sein Regisseur weiter im Wachsmannhaus um. "Ich bin erstaunt, wie viel Material aus den Anfängen des industriellen Holzbaus hier noch vorhanden ist und wie fachkompetent mir Frau Wieltsch aus der Geschichte erzählt", sagt Estrich lobend. Claudia Wieltsch wird schließlich von ihm zum Interview vor die Kamera gebeten.

Seit zwei Jahren am Filmprojekt

Seit zwei Jahren ist Nils Estrich zusammen mit Roberto Santana davon besessen, eine Dokumentation über den berühmten Nieskyer Architekten auf Video zu drehen. Dazu bereisten die beiden Herren schon einige Wirkungsstätten Wachsmanns beziehungsweise seine heute noch stehenden Häuser. Jetzt machen sie Station in Niesky. "Zwei Jahre wird es noch dauern, bis der Film fertig ist", schätzt der Autor ein. In der Endfassung soll er 90 Minuten lang sein. Aber es wird auch kurze Versionen von einer halben und einer Stunde geben, die Estrich dem Fernsehen anbieten möchte. Zudem soll sein Wachsmannfilm auf internationalen Filmfestivals, die sich mit Architektur beschäftigen, gezeigt werden.

Mit Roberto Santana hat sich Estrich einen versierten Fachmann an seine Seite geholt. Seit zehn Jahren ist der auf Kuba aufgewachsene Santana im Filmgeschäft. Als Student für Atomphysik kam er in den 1980er Jahren in die DDR zum Studium und lebt seitdem in Erfurt. Nach der Wende arbeitete er im IT-Bereich der Deutschen Bahn, bevor er seine filmische Leidenschaft zum Beruf machte. "Wir drehen keinen fachlichen Film über Architektur, sondern wollen den Menschen Konrad Wachsmann und seine Arbeit den Zuschauern nahe bringen", sagt der 64-jährige Santana zu dem Filmprojekt.

Zusammen mit dem Einstein-Haus gebaut

Nils Estrich ist jetzt 59 Jahre und erfüllt sich mit dem Film einen großen Wunsch. Schließlich spiegelt sich darin die eigene Familiengeschichte wider. Eine kleine Episode ist, dass Wachsmann das Haus seiner Großeltern in Jüterbog annähernd zeitgleich mit seinem berühmtesten Holzhaus bauen ließ: das Sommerhaus für den Physiker Albert Einstein in Caputh.

Das ehemalige Wohnhaus von Nils Estrich seinen Großeltern in Jüterbog ist wieder ein Schmuckstück und wird bewohnt. Es ist noch in Stein errichtet worden.
Das ehemalige Wohnhaus von Nils Estrich seinen Großeltern in Jüterbog ist wieder ein Schmuckstück und wird bewohnt. Es ist noch in Stein errichtet worden. © Wikipedia

Seit 20 Jahren kümmert sich Nils Estrich um das ehemalige Haus seiner Großeltern. Er selbst konnte als Kind das Haus nie besuchen. Seine Großeltern und Eltern zogen vor dem Mauerbau in den Westen. Er wurde in Hannover geboren und wuchs in Hamburg auf. Estrich studierte Architektur und nahm vor 30 Jahren ein Jobangebot in der Schweiz an. Seitdem lebt er mit seiner Familie in Liechtenstein an der Grenze zu Österreich. Seine inzwischen erwachsenen Söhne studieren. Der eine wie sein Vater Architektur, der andere Wirtschaft und Politik. Seine Ehefrau arbeitet im Sozialbereich.

Das Haus in Jüterbog gehörte der Erbengemeinschaft Estrich, die über die Welt verteilt ist und so standen bald über 20 Erben hinter dem Haus. "Zusammen mit meinem Vater Jürgen Estrich, der in dem Haus aufwuchs, haben wir Anfang der 2000er Jahre das Haus auf mich als Alleineigentümer zu konzentrieren versucht, was auch gelang", erzählt der Enkel. In den Obergeschossen stellt Estrich die Räume für Künstler, Schriftsteller und Filmproduzenten zur Verfügung. Einige Filme wurde bereits dort gedreht. Im Erdgeschoss wohnt eine junge Familie.

Rückblickend auf seine Stippvisite in Niesky sagt Nils Estrich: "Ich bin fasziniert von der Dichte an Architektur in der Stadt. Vor allem die sehr gut erhaltene Holzhaussiedlung ist ein Juwel für die Stadt und die Region." Sie spiegelt das wider, was Konrad Wachsmann und die Firma Christoph & Unmack mit ihrem industriellen Holzhausbau ab Ende der 1920er Jahre hinaus in die Welt getragen haben. "Darauf können die Nieskyer stolz sein", betont der Architekt.

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