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Wie ein Tierarzt zum Geschenkehändler wird

Bernd Barthel hat seit 75 Jahren ein bewegtes Leben. Zur Ruhe setzen will und kann das Nieskyer Unikum sich nicht. Auch an seinem Geburtstag nicht.

Bernd Barthel wird am Freitag 75 Jahre alt. Gefeiert wird an diesem Tag nur in Familie. Die große Fete soll im September steigen.
Bernd Barthel wird am Freitag 75 Jahre alt. Gefeiert wird an diesem Tag nur in Familie. Die große Fete soll im September steigen. © André Schulze

Sein 75. fällt auf einen Freitag. Aber an diesem Wochentag ist kein Markt in Niesky. Sonst könnte Bernd Barthel gewiss sein, dass er mit Glückwünschen überhäuft wird. Seit zwölf Jahren ist er der von der Stadt Niesky beauftragte Marktleiter - und mit den Händlern auf Du und Du. Den Glückwünschen wird der Jubilar nicht entgehen, denn Dienstag ist wieder Markttag - und Zeit für ein Schwätzchen.

Kontakte knüpfen und Beziehungen pflegen, das ist dem 75-Jährigen wichtig. Gerade in Zeiten mit Corona, in der die menschliche Distanz nicht nur etwas mit Abstand zu tun hat, ist es Bernd Barthel wichtig, in Kontakt zu bleiben. Seine "Schaltzentrale" ist dabei sein kleines Geschäft an der Ödernitzer Straße. "Das ist nicht nur ein Laden für mich, sondern mein Kommunikationspunkt mit den Leuten und von hier aus erledige ich meine ganzen Korrespondenzen", zählt der Geschäftsinhaber auf.

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Kaufmann in vierter Generation

Einen Laden zu haben, das bestimmt Bernd Barthels halbes Leben. Als 40-Jähriger übernahm er vom Vater das "Haus der Geschenke" in der Wachsmannstraße und war damit schon zu DDR-Zeiten ein selbstständiger Einzelhändler. Das setzt sich bis heute fort - denn an das Aufhören denkt der Rentner noch lange nicht.

Bernd Barthel mit seiner Tante Elfriede Barthel 1990 im Haus der Geschenke auf der Wachsmannstraße. Das Geschäft hatte er vier Jahre zuvor von seinem Vater übernommen.
Bernd Barthel mit seiner Tante Elfriede Barthel 1990 im Haus der Geschenke auf der Wachsmannstraße. Das Geschäft hatte er vier Jahre zuvor von seinem Vater übernommen. © SZ-Archiv/Günter Mauer
Zur ersten Nieskyer Einkaufsnacht im Juni 2003 teilte Bernd Barthel zusammen mit Molkereibesitzer Klaus Mayr Käsesuppe auf dem Zinzendorfplatz aus.
Zur ersten Nieskyer Einkaufsnacht im Juni 2003 teilte Bernd Barthel zusammen mit Molkereibesitzer Klaus Mayr Käsesuppe auf dem Zinzendorfplatz aus. © Rolf Ullmann
Bernd Barthel vor seinem Haus der Geschenke am Zinzendorfplatz. Darin führte er seit 2001 den Servicepunkt der Sächsischen Zeitung. Ende 2010 schloss Barthel sein kleines Warenhaus und zog in das kleinere Geschäft in der Ödernitzer Straße.
Bernd Barthel vor seinem Haus der Geschenke am Zinzendorfplatz. Darin führte er seit 2001 den Servicepunkt der Sächsischen Zeitung. Ende 2010 schloss Barthel sein kleines Warenhaus und zog in das kleinere Geschäft in der Ödernitzer Straße. © Rolf Ullmann
Bernd Barthel und seine Bienen. Das gehört seit seiner Zeit als Student zusammen. Inzwischen ist der Nieskyer ein gefragter Bienen-Fachmann und er ist im Vorstand des Landesverbandes Sächsischer Imker vertreten.
Bernd Barthel und seine Bienen. Das gehört seit seiner Zeit als Student zusammen. Inzwischen ist der Nieskyer ein gefragter Bienen-Fachmann und er ist im Vorstand des Landesverbandes Sächsischer Imker vertreten. © Bernhard Donke

Barthels sind eine über Generationen hinweg in Niesky ansässige Händlerfamilie. Sein Urgroßvater Johann Karl August Barthel, von Beruf Ofensetzermeister, baute das Geschäftshaus an der heutigen Konrad-Wachsmann-Straße und eröffnete 1878 darin ein Tonwarengeschäft, erzählt Bernd Barthel. Neben Keramik und Porzellan kommen später Hausrat und Geschenke dazu. In vierter Generation übernahm Bernd Barthel das Geschäft 1986, zog damit dreimal in Niesky um und kennt wie kaum ein anderer den Nieskyer Einzelhandel.

Den Einzelhändlern eine Gemeinschaft gegeben

"Ein schwieriges Pflaster", sagt Barthel, und meint vor allem die Zeit in der mit "Westgeld" bezahlt wird. "Als Einzelhändler sind wir nur in der Gemeinschaft stark." Davon ist Barthel immer noch überzeugt. Das ist sein Beweggrund gewesen, 1996 den Kultur- und Werbeverein Niesky zu gründen. Als Vorsitzender und Vorstandmitglied hatte er nicht nur die Interessen seiner Mitglieder und Nieskyer Händler im Blick, sondern der Verein hat auch viel bewegt in der Stadt. "So gehen elf Frühlings- und Sommerfeste im Gewerbegebiet Süd auf das Konto unseres Vereins", nennt Barthel nur ein Beispiel. Dazu kommt das Engagement zum jährlichen Nieskyer Herbstfest und zu weiteren Veranstaltungen in der Stadt.

Dass es mit der Einigkeit und dem Interesse unter den Nieskyer Gewerbetreibenden doch nicht zum Guten bestellt ist, merkte Barthel und seine engsten Mitstreiter auch im Verein. Nach elf Jahren, 2017, löste sich der Kultur- und Werbeverein auf. Seitdem ist die Stadt bemüht, einen neuen Gewerbeverein zu etablieren. Eine Interessengemeinschaft Nieskyer Händler existiert seit einigen Jahren in der Stadt. Das könnte ein Neuanfang sein, wenngleich Bernd Barthel dort nicht unbedingt beitreten wolle. "Ich stehe bereits mit beiden Füßen im Stadtgeschehen", sagt er.

Herausforderung Festumzug

Das zeigt er nicht nur als "Chef" vom Nieskyer Wochenmarkt, den er seit 2009 betreut. Vor acht Jahren organisierte Bernd Barthel seinen ersten Festumzug zum Niesyker Herbstfest am ersten Septemberwochenende. "Eine Mammutaufgabe", wie er heute einschätzt. Aber auch eine Aufgabe, die ihm Freude und Spaß bereitet. Über die Jahre sind es immer mehr Schaubilder geworden. Zum Festumzug 2019 beteiligten sich 39 Vereine, Gewerbetreibende, Betriebe und Einrichtungen aus der Stadt daran. Coronabedingt musste Bernd Barthel vergangenes Jahr mit dem Umzug pausieren und auch für kommenden September ist das Herbstfest von der Stadt erneut abgesagt worden.

Zeit hat Bernd Barthel dadurch nicht mehr, denn seine große Leidenschaft ist die Bienenzucht. Zwar habe er erst einmal seinen Facharbeiter für Rinderzucht gemacht, daran hängte er ein Studium der Veterinärmedizin mit zwölf Semestern in Berlin dran. Im Studium konzentrierte er sich auf die Bienen, die sechsbeinigen, und war schon bald ein gefragter Bienenseuchensachverständiger, wie das damals hieß.

Für den Schutz der Bienen zuständig

Im Bezirksinstitut für Veterinärwesen arbeitete Barthel als Obertierarzt und war zuständig für die Bienenschutzstelle der DDR in Hohen Neuendorf bei Oranienburg. Als Nichtgenosse und mit seiner eigenen Meinung eckte Barthel mehrmals in Brandenburg an. Dass sein Vater in Niesky gern den Sohn als Nachfolger im Geschenkehaus haben wollte, kam Bernd Barthel zu dieser Zeit sehr gelegen. "Also packte ich meine Sachen und zog zurück nach Niesky in meine Heimatstadt."

Für ihn wurde das ein Neuanfang, auch familiär. Bernd Barthel heiratete 1987 seine zweite Frau Christiane, eine Görlitzerin. Er brachte seine beiden Söhne in die Ehe, seine Frau eine Tochter. Heute haben beide zwei Enkel dazu. Bernd Barthel übernahm 1986 nicht nur Vaters Geschäft, sondern zwanzig Jahre später den Vorsitz im Nieskyer Imkerverein, dem er bereits seit 1963 angehörte und den sein Urgroßvater 1898 für Niesky und Umgebung gegründet hatte. Somit sind Barthels für Niesky nicht nur eine kleine Händlerdynastie, sondern auch alteingesessene Imker, die diese Leidenschaft in vierter Generation pflegen.

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