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Wird der Biber zum Problemtier im Neißeland?

Die geschützten Nager haben sich erfolgreich vermehrt. Und graben den Teichwirten um Niesky nun das Wasser ab. Aber das sind nicht die einzigen Konflikte.

Biber - wie hier am Zulauf des Schwarzen Schöps zum Stausee Quitzdorf - haben sich im Landkreis Görlitz nahezu flächendeckend ausgebreitet.
Biber - wie hier am Zulauf des Schwarzen Schöps zum Stausee Quitzdorf - haben sich im Landkreis Görlitz nahezu flächendeckend ausgebreitet. © André Schulze

Selbst am Berzdorfer See, einem der jüngsten Gewässer der Region, wurde er bereits gesichtet. 2018 hat die Untere Naturschutzbehörde hier den Biber nachgewiesen. Allerdings scheint es nur ein Intermezzo gewesen zu sein. Denn: Ein dauerhaftes Revier habe sich daraus nicht ergeben, weiß Kreissprecherin Julia Bjar.

Wesentlich sesshafter zeigt sich der Nager ein paar Kilometer weiter. Im Schöpstal wurde er im selben Jahr erstmals ertappt. Aufnahmen einer Wildkamera brachten den Beweis. Die rundlichen Kuppen abgefressener Bäume zählen seither am Weißen Schöps in Kunnersdorf zum gewohnten Bild. Nachdem der gefräßige Vegetarier vor rund 200 Jahren verschwunden war, ist er nun zurückgekehrt. Bei Leschwitz, dem heutigen Görlitz-Weinhübel, hatte man damals das letzte Exemplar entdeckt. Seitdem die Wiederbesiedlung etwa 1999 begann, ist er Dank strengen Schutzes zum festen Bestandteil der hiesigen Tierwelt geworden. Allerdings macht er seinem Mitbewohner, dem Menschen, zunehmend zu schaffen. Vor allem die Teichwirte können ein Lied davon singen.

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Teichwirt Rüdiger Richter hat immer wieder mit Biber-Schäden in seinen Fischteichen zu tun.
Teichwirt Rüdiger Richter hat immer wieder mit Biber-Schäden in seinen Fischteichen zu tun. © André Schulze

Wenn Rüdiger Richter, Chef der gleichnamigen Teichwirtschaft, am Königsteich in Kreba steht, braucht er nicht lange zu suchen. Jetzt, wo das Wasser abgelassen ist, sind die Arbeitsnachweise des Bibers gut zu sehen. Große Röhren durchziehen den Boden in Ufernähe. Das Erdreich unter den Wegen, die zwischen den Teichen verlaufen, ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. "Die Eingänge zu Biberbauten liegen immer unter dem Wasserspiegel. Die Röhren verlaufen schräg nach oben, bis sie in einer zwei bis drei Meter langen Höhle enden, in der sich die Tiere ihr Nest einrichten", erzählt Richter. So entstehen Löcher in den Dämmern, das Wasser läuft aus. Erst kürzlich gab es einen Zwischenfall in Südbrandenburg, der den Petershainer Armin Kittner betraf. Der bewirtschaftet rund um Groß Schacksdorf im benachbarten Landkreis Spree-Neiße 16 Teiche. Bei einem davon brach der Damm, das Wasser ergoss sich in Richtung Dorf, Kittner verlor den Großteil seiner hier gezüchteten Satzfische.

Mit den instabil gewordenen Dämmen sind zudem weitere Gefahren verbunden. "Darüber führen oft öffentliche Wege, die von Radfahrern, aber auch von unseren Fischereifahrzeugen genutzt werden. Wenn sich unter der Oberfläche eine Biberröhre befindet, stürzt das Ganze irgendwann ein", erklärt Richter. Er selbst hat das bereits fünf-, sechsmal erlebt, erst jüngst an besagtem Königsteich. Dort ist ein mehr als eimergroßes Loch entstanden. Wer nicht aufpasst, steigt hier im ungünstigsten Fall über den Lenker seines Fahrrades ab. "Wir Teichwirte sind in der Verkehrssicherungspflicht, müssen den Damm sperren - was einige Leute überhaupt nicht verstehen."

Solche Fraßspuren kann man vielfach in der Region entdecken. Hier haben Biber Bäume am derzeit abgelassenen Königsteich in Kreba gefällt.
Solche Fraßspuren kann man vielfach in der Region entdecken. Hier haben Biber Bäume am derzeit abgelassenen Königsteich in Kreba gefällt. © André Schulze

In manchen Fällen sind die Schäden so gravierend, dass ganze Dämme saniert werden müssen. Weil für Grundinstandsetzungen der Freistaat als Teich-Eigentümer zuständig ist, kommt das Problem dann auf den Tisch des Staatsbetriebs Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB). Aus der Erfahrung weiß Richter, was dann passiert: "In die Dämme werden Gittermatten eingelegt und dann mit Erde abgedeckt. Damit will man das Durchbuddeln der Biber verhindern."

Auch Gunther Ermisch ist nicht gerade amüsiert, spricht man ihn auf den Biber an. "Der ist schon und wird noch ein viel größeres Problem, wenn wir nicht endlich gegensteuern", sagt der Fischereipächter des Stausees Quitzdorf. Die Lausitz liege quasi in der Mitte der Herkunftsgebiete des stattlichen Nagers, der aus Richtung Elbe, Oder und Neiße eingewandert ist. "Mit ihm klarzukommen, wird eine wichtige Aufgabe in den nächsten Jahren."

Teichwirt Rüdiger Richter zeigt den Vergleich: Mehr als eimergroß ist das Loch, das der Biber mit seinen durch den Damm des Krebaer Königsteiches gegrabenen Röhren verursacht hat.
Teichwirt Rüdiger Richter zeigt den Vergleich: Mehr als eimergroß ist das Loch, das der Biber mit seinen durch den Damm des Krebaer Königsteiches gegrabenen Röhren verursacht hat. © André Schulze

Doch wie steht es tatsächlich mit der Ausbreitung des Bibers, ist er durch seinen Schutzstatus inzwischen zum lästigen Schädling geworden? Im Umweltamt des Landkreises hat man den besten Überblick. Im Januar 2021 gab es im Kreisgebiet rund 90 Biberreviere. Der Trend sei positiv, so Julia Bjar. Allerdings könne die Anzahl der Biber je Standort nicht exponentiell steigen. "Werden Jungbiber geschlechtsreif, müssen sie das Revier der Eltern verlassen. Treffen sie auf der Suche nach geeignetem Lebensraum auf die Biber eines bereits besetzten Reviers, enden die Kämpfe für den Eindringling oft tödlich." Seien alle geeigneten Lebensräume besetzt, könnten sich keine weiteren Biber ansiedeln. Im Landkreis gebe es aber durchaus noch freie Gebiete. Die würden derzeit von einer Studentin der Hochschule Zittau/Görlitz im Rahmen ihrer Abschlussarbeit kartiert.

Teiche werden vom Biber deshalb besonders gern genutzt, "weil er selbst keinen Stau errichten muss, genügend Wassertiefe vorfindet und reichlich Nahrung in Schilfgürteln und Ufergehölzen nutzen kann", erklärt die Kreissprecherin. Dennoch seien aktuell nur 18 der bekannten 90 Biberreviere in Fischteichen nachgewiesen. Von denen wiederum werden nur drei als Reviere mit hohem Konfliktpotenzial eingeschätzt, die regelmäßige Kontrollen und Absprachen erfordern.

Auch das hat der Biber mit seinen Bauwerken zu verantworten: Kurz hinter Steinbach, Höhe Reitergrund, ist der Neißeradweg völlig überflutet.
Auch das hat der Biber mit seinen Bauwerken zu verantworten: Kurz hinter Steinbach, Höhe Reitergrund, ist der Neißeradweg völlig überflutet. © Stadtverwaltung Rothenburg

Generell gibt es jedoch kaum Möglichkeiten, den Biber von einem besetzten Revier zu vertreiben. Entsprechend seines Schutzstatus' darf er nicht gefangen oder getötet werden. Zudem ist es verboten, Baue und Burgen zu beschädigen oder ihn in der Fortpflanzungsperiode zu stören. Um die Besiedlung von Teichen zu verhindern, müssten sämtliche Ufer mit einem sogenannten Untergrabschutz ausgestattet werden - was praktisch jedoch unmöglich ist und nur bei neu angelegten Teichen überhaupt infrage kommt. Werden Zu- oder Abflüsse durch den Biber verbaut, können diese Hindernisse nach Genehmigung durch die Naturschutzbehörde beseitigt werden. In besonders schweren Fällen ist sogar eine Vergrämung erlaubt, allerdings ebenso erst nach dem Okay der Behörde.

Umgesiedelt wurden Problem-Biber im Landkreis Görlitz bisher nicht. Laut Julia Bjar gab es in zwei Fällen zwar Genehmigungen. Die betreffenden Tiere ließen sich jedoch nicht fangen. Generell gestaltet sich ein solches Vorhaben schwierig. Erfolgreich ist es nur, wenn sämtliche Familienmitglieder umgesetzt werden. Zudem muss an Ort und Stelle gleich mit Präventionsmaßnahmen begonnen werden, um die Wiederbesiedlung des Standortes zu verhindern. Allerdings dürfen Teichwirte im Schadensfall auf finanzielle Hilfen hoffen. Im Rahmen eines Härtefallausgleichs können bis zu 80 Prozent der Ertragsausfälle ersetzt werden. Darunter fallen auch Kosten für die Teichreparatur.

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