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"Wir brauchen einheitliche Corona-Regeln in den Heimen"

Im Kreis Görlitz brach die Pandemie bislang ausschließlich in Einrichtungen der Diakonie aus. Was haben Sie daraus gelernt? Wir fragten Sonja Rönsch.

Abwechslung in der Corona-Krise: Die Feuerwehr Niesky fährt Blasmusiker mit der Drehleiter in die Höhe, um für Bewohner des abgeriegelten Altenpflegeheims Abendfrieden zu spielen. Werden Senioreneinrichtungen bald erneut abgeschottet?
Abwechslung in der Corona-Krise: Die Feuerwehr Niesky fährt Blasmusiker mit der Drehleiter in die Höhe, um für Bewohner des abgeriegelten Altenpflegeheims Abendfrieden zu spielen. Werden Senioreneinrichtungen bald erneut abgeschottet? © André Schulze

Schwester Sonja Rönsch ist nicht nur Oberin der Diakonissenanstalt Emmaus in Niesky. Sie ist auch Vorsitzende des Regionalen Diakonischen Werkes der schlesischen Oberlausitz. Im Interview sagt sie, wie die Mitglieder mit der Krise umgegangen sind, was besser laufen muss und wen sie zuerst gegen Covid-19 impfen würde.

Sie haben kürzlich ein Treffen der Chefs aller in Ihrem Verbund versammelten diakonischen Unternehmen einberufen. Dabei ging es ausschließlich um Corona. Worum speziell?

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Natürlich beschäftigt uns die Aufarbeitung der Coroana-Krise. Dazu gehört ein Rückblick auf das, was schwer oder auch gar nicht zu managen war und auf das, was funktionierte. Den größten Diskussionsbedarf gab es beim Thema „Maßnahmen nach der Krise“. Hierbei ging es um den Vorrat an Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln sowie die Fürsorgepflicht gegenüber unseren Klienten und um die Mitarbeiterpflege. Die Tätigkeitsbereiche unserer Mitgliedsbetriebe sind sehr vielfältig und so vielfältig sind dann auch die Maßnahmen zur Umsetzung der gebotenen Hygieneregeln. Da sich für die Altenpflegeheime diese Maßnahmen am gravierendsten auswirken, haben wir uns bei dem Treffen auf diesen Bereich konzentriert.

Ein Problem für alle war, dass Pflegeheime ab Dezember 2019 fast nicht mehr mit Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln beliefert wurden. In unserem Land galt bis zum Ausbruch der Pandemie im März 2020 die Maxime: Zuerst erhalten Krankenhäuser und Arztpraxen Schutzkleidung. Als dann die Pflegeheime im Februar und März mit dem Virus zu tun bekamen, brauchten wir viel Kreativität, um an Desinfektionsmittel und Schutzkleidung zu kommen.

Die Oberin der Nieskyer Diakonissenanstalt Emmaus, Schwester Sonja Rönsch, ist auch Vorsitzende des Regionalen Diakonischen Werkes der schlesischen Oberlausitz.
Die Oberin der Nieskyer Diakonissenanstalt Emmaus, Schwester Sonja Rönsch, ist auch Vorsitzende des Regionalen Diakonischen Werkes der schlesischen Oberlausitz. © André Schulze

Wie viele Menschen werden in den Unternehmen des Regionalen Diakonischen Werkes der schlesischen Oberlausitz betreut?

Das kann ich so punktgenau gar nicht sagen, denn das Regionale Diakonische Werk der schlesischen Oberlausitz ist ein freiwilliger Zusammenschluss evangelischer Sozialunternehmen und missionarischer Dienste innerhalb des Kirchenkreises der schlesischen Oberlausitz - also ein bunter Haufen, wenn ich das so ausdrücken darf. Wir engagieren uns in den Bereichen Altenpflege, Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe, sind aber auch für kranke und seelisch bedrängte Menschen tätig. In der Trägerschaft der Mitglieder befinden sich neun Pflegeheime, drei Einrichtungen für Betreutes Wohnen, vier Kurzzeit-/Tagespflegeeinrichtungen, vier Sozialstationen, eine Schule, drei Kindertagesstätten, fünf Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, sieben Rüstzeiten- und Tagungshäuser, ein Hospiz, sechs Jugendhilfeeinrichtungen, eine Klinik, ein Medizinisches Versorgungszentrum, eine Rehabilitations- und drei Sozialhilfeeinrichtungen. Insgesamt also eine Menge Menschen.

Die Zahlen der vergangenen Wochen und Monate haben gezeigt, dass besonders diakonische Einrichtungen sehr oft von Corona-Infektionen betroffen waren. Worauf führen Sie das zurück?

Ein Wesensmerkmal diakonischer Unternehmen ist die Fürsorge für alte und hilfsbedürftige Menschen. In Sachsen befinden sich die meisten stationären Pflegeeinrichtungen in diakonischer Trägerschaft. In sechs von 214 diakonischen Pflegerichtungen kam es zu einer Covid-Infektion. Ob nun diakonische Häuser prozentual mehr betroffen sind, als Häuser in anderer Trägerschaft kann ich nicht sagen, es erscheint mir aber unwahrscheinlich.

Welche Lehren haben die diakonischen Einrichtungen aus dem Umgang mit dem Virus bisher gezogen? Was wurde verändert? Was soll, was muss noch angepackt werden?

Wir haben verabredet, dass wir uns gegenseitig die Notfallpläne, Besuchsregeln und andere wichtige Dinge zur Kenntnis geben. Ein gutes Miteinander-Vernetzt-Sein kann ein wichtiger Baustein beim Bewältigen einer nächsten Krise sein. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit den Behörden, den Gesundheitsämtern, der Heimaufsicht und den Krankenkassen. Während der Quarantänezeit übernimmt ja das jeweilige Gesundheitsamt wesentliche Managementaufgaben im Pflegeheim. Da es eine vergleichbare Situation in unserem Land noch nicht gab, gestalteten sich die Absprachen miteinander gelegentlich schwierig. Die Erfüllung der behördlichen Auflagen kostete zusätzliche Kräfte und führte gelegentlich zu Miss-Stimmungen auf beiden Seiten. Dieses Erleben zeigt, dass wir besser voneinander wissen müssen, was unsere jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen sind. Hierzu werden wir gemeinsam mit den Behörden ins Gespräch kommen. In Krisen müssen wir uns aufeinander verlassen können und uns nicht das Leben noch schwerer machen, als es gerade ist.

Experten befürchten, dass in den nächsten Wochen mit Beginn der kälteren Jahreszeit eine zweite Infektionswelle auf uns zurollen könnte. Wie wollen Sie dieser Gefahr begegnen? Werden Senioren- und Behinderteneinrichtungen erneut abgeschottet?

Wir hoffen inständig, dass wir nicht noch einmal in die Situation kommen, unseren Dienst unter Quarantänebedingungen tun zu müssen. Diese Zeit, in der die Bewohner in ihren Zimmern bleiben mussten und keine Gemeinschaftsangebote gemacht werden durften, hat die Pflegebedürftigen und auch die Mitarbeiter sehr belastet. Die verordnete Isolierung hat vielen alten Menschen schwer zu schaffen gemacht.

Wir tun in unseren Pflegeeinrichtungen alles uns Mögliche, um erneute Covid-Infektionen zu verhindern. Dazu gehört, dass wir bis zu einer Entwarnung die Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes beherzigen, auch wenn das den Angehörigen viel Verständnis abverlangt. Hier nun spielt auch die Fürsorge für die Mitarbeiterschaft eine zentrale Rolle. Die Beschäftigten gehen unterschiedlich mit den Gefahren, die von Covid-19 ausgehen, um. Wir brauchen aber gesundes und motiviertes Personal. Auch um deren willen achten wir bestmöglich auf die Hygienevorschriften.

Entlastend wirkt sich jedoch aus, dass - anders als bei der ersten Welle - jetzt Schutzkleidung zur Verfügung steht, sodass Ärzte, Seelsorger und Lieferanten jederzeit ins Haus kommen können.

Gehen die Initiativen der sächsischen und der Bundespolitik Ihrer Ansicht nach in die richtige Richtung? Woran müsste noch mehr gearbeitet werden?

Es muss wo immer möglich, zumindest innerhalb eines Bundeslandes, einheitliche Regelungen geben. Derzeit ist jeder Träger selbst dafür verantwortlich, eigene Hygienekonzepte und Besuchsregeln zu definieren. Die Umsetzung dieser Regeln führt bei Besuchern und Mitarbeitern gleichermaßen zur Verunsicherung und Ärger. Unverzichtbar ist zudem ein Direktionsrecht zum Beispiel des Landrats gegenüber Sozialeinrichtungen, wenn Pflegeheime durch Quarantänemaßnahmen die Versorgung der Bewohner nicht mehr sicherstellen können.

Ein Impfstoff steht wahrscheinlich frühestens  Anfang 2021 zur Verfügung. Sollten Bewohner und Mitarbeiter von Senioren- und Behindertenheimen mit zu den ersten gehören, die den Corona-Schutz bekommen?

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