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Werden Dürrefolgen für die Lausitz übertrieben?

Das Niederschlagsdefizit der vergangenen Jahre wirkt sich ganz unterschiedlich aus. Manche sehen perspektivisch eine Wüste. Aber wie stellt sich das in der Praxis dar?

Staubtrocken ist der Ackerboden in den vergangenen drei Jahren oft durch die Finger der Landwirte gerieselt. Weil sich das auch wieder ändern kann, sehen sie noch keinen Grund zur Panik.
Staubtrocken ist der Ackerboden in den vergangenen drei Jahren oft durch die Finger der Landwirte gerieselt. Weil sich das auch wieder ändern kann, sehen sie noch keinen Grund zur Panik. © Archiv/Jens Böhme

Zwischen 2018 und 2020 ist viel zu wenig Regen gefallen in der Lausitz. Sachsens Umweltminister Wolfram Günther nennt Zahlen: Im Freistaat habe sich das Niederschlagsdefizit im genannten Zeitraum auf rund 500 Liter je Quadratmeter summiert. Das entspreche etwa 70 Prozent eines Jahresniederschlags. Hohe Temperaturen, gestiegene Verdunstung und längere Sonnenscheindauer verstärkten die Misere, von der die Oberlausitz ganz besonders betroffen sei. Auch künftig würden die Niederschläge hier weiter zurückgehen. Doch wie sehen das die Betroffenen selbst? Die SZ gibt einen Überblick.

Landwirte schieben noch keine Panik

Matthias Rompe hofft auf ein gutes Jahr 2021. Bisher habe es ordentlich geregnet, man könne sich nicht beklagen, meint der Vorstand der Agrargenossenschaft Nieder Seifersdorf. "Auch 2020 lief für uns recht gut. Wasser war jedenfalls genug da. Der Regen kam immer dann, wenn wir ihn brauchten." In den beiden Jahren davor sei das Wetter natürlich ein ziemliches Desaster gewesen. "Die Erträge fielen geringer aus, aber zwei trockene Jahre nacheinander sprengen noch nicht den Rahmen." Im Mittel der Jahre sehe er bisher keine gravierenden Probleme. "Schauen wir doch auf die aktuelle Situation: Die Gräben sind voll, der Grundwasserspiegel hat sich erholt."

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Im Garten ein Zuhause für Wildbienen
Im Garten ein Zuhause für Wildbienen

Mauerbienen stechen nicht, leisten aber einen wichtigen Beitrag zur Bestäubung von Obstbäumen, Wildblumen und Kulturpflanzen.

Wegen der Dürre-Prognosen das derzeitige Geschäft komplett infrage zu stellen, davon hält Matthias Rompe nichts. "Natürlich haben auch wir ein paar Stellschrauben, an denen wir drehen können. Weniger pflügen, Veränderungen im Pflanzenbau, Einsatz von trockenheitstoleranteren Sorten. Zudem arbeiten wir zur besseren Humusbildung Stroh in den Boden ein und bauen Zwischenfrüchte an." Andererseits habe man rund um Nieder Seifersdorf Böden, die das Wasser von Natur aus besser halten als etwa Sand im Landkreis-Norden. "Sollte es notwendig werden, können wir kurzfristig reagieren. Unser Zeithorizont beträgt etwa fünf Jahre."

Ähnlich sieht das Andreas Graf, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft See. "2018 hatten wir sogar Probleme, genügend Futter für unsere Tiere zu produzieren. In den beiden Folgejahren sah das schon wieder besser aus." Um von Wetterunbilden nicht überrascht zu werden, setzt seine Firma auf eine breite Produktpalette. Und auf neue Ideen, die man sich nicht scheut auszuprobieren. So wurde 2020 erstmals mehrjähriger trockenheitsverträglicher Lavendel angebaut. Auch im Grünland schaut man, welche Gräser am besten passen. Bewässerung ist für die Zukunft ebenfalls ein Thema. "Dazu braucht man Kulturen wie Gemüse, Kartoffeln oder Zuckerrüben, die sich dafür eignen und wirtschaftlich genügend Ertrag versprechen. Allerdings ist es nicht leicht, die erforderlichen Wasserrechte zu bekommen." Geld spielen bei den Seern auch die Honigerzeugung, der Naturschutz und die Biodiversität ein. "Man darf sich heute nicht mehr nur auf ein Geschäftsfeld konzentrieren", begründet Graf.

Teichwirte sind ganz unterschiedlich betroffen

Rüdiger Richter und seine Firma Teichwirtschaft Kreba sind trotz geringeren Wasserdargebots bisher einigermaßen gut durch die Dürrejahre gekommen. Andere Teichwirte mussten dagegen Einbußen hinnehmen. Perspektivisch wird mit einer geringeren Fischerzeugun
Rüdiger Richter und seine Firma Teichwirtschaft Kreba sind trotz geringeren Wasserdargebots bisher einigermaßen gut durch die Dürrejahre gekommen. Andere Teichwirte mussten dagegen Einbußen hinnehmen. Perspektivisch wird mit einer geringeren Fischerzeugun © André Schulze

Im gleichen Ort den Firmensitz, aber völlig unterschiedliche Sichtweisen haben Rüdiger Richter von der gleichnamigen Teichwirtschaft in Kreba und Dietmar Mühle, Geschäftsführer der Kreba Fisch GmbH. Richter verspürte in den vergangenen Dürrejahren kaum Probleme. "Unsere Teiche liegen im Einzugsgebiet des Schwarzen Schöps, unterhalb der Talsperre Quitzdorf. Dort wurde es mit dem Wasserdargebot zwar manchmal knapp. Aber bis zum Abfischen haben wir uns immer gerettet." Auch bei den Himmelsteichen, die nur vom Niederschlag gespeist werden. "Das liegt vielleicht am guten Untergrund", vermutet Richter. Jammern helfe nichts, und ändern könne man die Dinge nur bedingt. "Da gibt es aktuell größere Probleme als den Wasserhaushalt. Graureiher und Kormoran zum Beispiel, auch die immer mehr zunehmenden Biberdämme."

Anders die Situation bei der Kreba Fisch GmbH. Deren Teiche liegen zum Großteil im Einzugsgebiet des Weißen Schöps. "Wir haben jetzt drei Jahre mit teils erheblichem Wasserdefizit hinter uns. Weniger Regen, weniger Grundwasser, die Zuleitungen zuweilen ausgetrocknet", beschreibt Dietmar Mühle die Situation. Wenn im Frühjahr die Teiche nicht richtig gefüllt seien, könne man sie auch nicht mit Fischen besetzen wie geplant. "2020 haben wir deshalb einige Teiche trocken liegen lassen. Insgesamt 16 unserer 580 Hektar Produktionsfläche. Dort wollten wir Fischbrut einsetzen und aufziehen. Die hat uns dann später gefehlt." In den verbleibenden Gewässern habe man die Fische wegen der Sauerstoffarmut im Wasser zudem nicht richtig füttern können. "Damit haben wir 70 bis 80 Tonnen weniger produziert als üblich. Unser Maß liegt eigentlich bei 300 bis 350 Tonnen."

Die Kreba Fisch GmbH zieht ihre Lehren aus der zunehmenden Austrocknung der Region. So wird der Bewirtschaftungsrhythmus umgestellt, einige Teiche werden nur noch aller zwei Jahre abgefischt. Zudem sollen nach dem herbstlichen Abfischen manche Teiche sofort wieder angestaut werden, um das in der schmuddeligen Jahreszeit bessere Wasservorkommen zu nutzen. Möglich sind auch zeitweise oder dauerhafte Flächenreduzierungen. "All das dürfte zu Lasten der Produktionsmenge gehen, verschafft uns aber trotzdem eine gewisse Sicherheit", erklärt Mühle.

Wald kann auf Wassermangel kaum reagieren

Starke Sonneneinstrahlung, Hitze und Wassermangel machen dem Wald zu schaffen. In den vergangenen Jahren sind viele Eichen und fast der gesamte Fichtenbestand im Nordkreis abgestorben.
Starke Sonneneinstrahlung, Hitze und Wassermangel machen dem Wald zu schaffen. In den vergangenen Jahren sind viele Eichen und fast der gesamte Fichtenbestand im Nordkreis abgestorben. © André Schulze

Opfer der zurückliegenden Dürrejahre ist vor allem der Wald. "Die Bäume - zum Beispiel Birken - sind regelrecht vertrocknet", sagt Kreissprecherin Julia Bjar. Vielfach wurde das Laub unnormal zeitig abgeworfen, um die Verdunstung über die Blätter zu verringern. Dem gleichen Ziel diente der Abwurf noch grüner Äste. Durch die Dürre sind die Gehölze generell enorm krankheitsanfällig geworden und bilden kaum noch Harz, um den Borkenkäfer abzuwehren. Das betrifft neben den Fichten inzwischen auch Kiefern und Lärchen. Im nördlichen und mittleren Landkreis sind die reinen Fichtenbestände in den vergangenen drei Jahren fast komplett abgestorben. Der massenhaft aufgetretene Prachtkäfer hat auch die Eichen zu Todeskandidaten gemacht. Aufforstungsflächen gingen aufgrund fehlenden Wassers sofort wieder ein, die gleiche Situation zeigte sich bei natürlichen Verjüngungsflächen. So sind die übrig gebliebenen Waldstrukturen aktuell stark windwurfgefährdet.

Das Schlimme an der augenblicklichen Lage: Kurzfristig können die Forstfachleute kaum darauf reagieren, Schadensbegrenzung bringt nur geringe Effekte. Um dem Wassermangel erfolgreich zu begegnen, sind mehrere Jahrzehnte nötig. Erfolgsformel soll der Umbau hin zu widerstandsfähigen Mischwäldern sein. Dies erfordert einen riesigen Arbeitsaufwand und hohen Finanzbedarf. "Die Baumarten werden dem Klima der Zukunft angepasst und sind abhängig vom jeweiligen Standort", erläutert Julia Bjar. Dabei dürfe man nicht nur die Waldbewirtschaftung und damit den wirtschaftlichen Ertrag im Auge haben. Großflächig auf Nadelholz zu setzen sei nicht die Lösung.

Versorger sehen sich gut aufgestellt

Vor drei Jahren haben die Stadtwerke Görlitz in ihrem Wasserwerk einen Horizontalfilterbrunnen in Betrieb genommen. Der Standort in der Neißestadt gilt zusammen mit den Wasserfassungen in Sdier und am Bärwalder See als das Rückgrat der Trinkwasserversorgu
Vor drei Jahren haben die Stadtwerke Görlitz in ihrem Wasserwerk einen Horizontalfilterbrunnen in Betrieb genommen. Der Standort in der Neißestadt gilt zusammen mit den Wasserfassungen in Sdier und am Bärwalder See als das Rückgrat der Trinkwasserversorgu © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Stadtwerke und Trinkwasserzweckverbände zwischen Görlitz, Niesky und Rothenburg sind in der glücklichen Lage, das benötigte Rohwasser aus den Tiefen der Erde zu beziehen. Unisono ist die Aussage, dass es derzeit keine Probleme mit der Versorgung gibt. Und auch in Zukunft nicht geben wird. Das sieht Ulrich Engelmann von den Stadtwerken Rothenburg so und auch sein Nieskyer Kollege Holger Ludwig. Maik Gerber leitet den Trinkwasserverband Neiße-Schöps und kann über derartige Befürchtungen nur schmunzeln. Entscheidend sei der richtige Grundwasserleiter, sagt er. Und da sei man in der Region gut aufgestellt. Hier gebe es Wasservorkommen mit ausreichender Menge und niedrigem Aufbereitungsaufwand. Nicht ganz so gut sehe das in anderen sächsischen Regionen aus - zum Beispiel in Dresden, wo das Trinkwasser zu 60 Prozent aus der Talsperre Klingenberg und zu 40 Prozent aus dem Uferfiltrat der Elbe gewonnen wird.

Auch bei den Stadtwerken Görlitz ist man ganz entspannt. Der Pegel des Grundwasserleiters am Wasserwerk in Weinhübel weise keinerlei Auffälligkeiten auf und befinde sich - mit saisonalen Schwankungen - auf Normalniveau, erklärt Sprecherin Belinda Brüchner. Sollte es doch zu Mangelerscheinungen kommen, könnten die Stadtwerke Oberflächenwasser über Sickerbecken in den Untergrund infiltrieren. Damit würden Differenzen ausgeglichen. "Es lohnt nicht, in einem wasserreichen Land wie Deutschland Wassser über die Maßen zu sparen", stellt Belinda Brüchner klar. Auch hier gelte: Je frischer, desto besser.

Maik Gerber findet trotzdem, dass auch Wasserversorger den Strukturwandel nutzen sollten. "Wir müssen jetzt die notwendigen Voraussetzungen schaffen und nicht erst reagieren, wenn neue Industriebetriebe vor der Tür stehen." So verbrauche das Gewerbegebiet Kodersdorf schon jetzt immer mehr Wasser. Als große Eckpfeiler der Versorgung in Ostsachsen nennt Gerber die Wasserfassungen in Sdier, Görlitz und am Bärwalder See. Die seien extrem ergiebig. Und man könne sich untereinander helfen. "Die Region wird vielleicht trockener, aber an Trinkwasserknappheit werden wir nicht leiden", ist er überzeugt.

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