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Diese Frau hilft auch Feuerwehrleuten

Warum eine Horkaerin mit gerade mal 25 Jahren schon viel Leid gesehen hat und wie sie trotzdem sogar ihre Kollegen nach dramatischen Einsätzen wieder aufbaut.

Julia Hein ist seit 2017 aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Horka.
Julia Hein ist seit 2017 aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Horka. ©  André Schulze

Horka. Katastrophen passieren. Leider. Immer wieder. Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang, Suizide, Brände mit schwer Verletzten. Eine harte Schale nützt den Einsatzkräften oft nichts, wenn der Kern weich ist - zu schwer sind die Erlebnisse zu verkraften. Genau hier setzt Julia Hein an. Die junge Frau hat sich auf eigenen Wunsch vom Landesfeuerwehrverband für die Einsatznachsorge ausbilden lassen.

Die gebürtige Dresdnerin ist erst 25 Jahre alt und hat trotzdem schon eine Menge Leid gesehen. Seit Eröffnung des Nieskyer Hospiz kümmert sich die gelernte Altenpflegerin mit der Fachrichtung Palliativbetreuung dort um unheilbar kranke Menschen, ist für sie Betreuerin, Zuhörerin, auch ein Stück Freundin. Wobei der Tod ständiger Begleiter ihrer Arbeit ist. "Die Leute fragen mich oft: Wie schaffst du das nur? Ohne Humor geht das alles nicht. Die Späße dabei dürfen durchaus auch mal schwarz und derb sein." Denn eigentlich ist Julia Hein eine Frohnatur - mit freundlichem Blick, gewinnendem Lächeln und einer Sprache, die manchmal schneller ist, als man ihr folgen kann.

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Ernsthaft psychisch krank werden muss nicht sein

Gerade weil sie in ihrem jungen Leben bereits viel Trauriges gesehen hat, will sie ihre Kameraden davor bewahren. Seit 2017 ist sie Mitglied der Horkaer Feuerwehr und hat seitdem schon viele Einsätze mitgemacht. Etwas direkt Tragisches war bisher noch nicht dabei. Und trotzdem: "Ich weiß, dass es solche Erlebnisse gibt und dass man sie für sich selbst dann verarbeiten muss. Die Flucht in den Alkohol ist eine Variante - aber die falsche. Und auch ernsthaft psychisch zu erkranken, muss nicht sein."

Beim Landesfeuerwehrverband hat sie deshalb jetzt eine Zusatzausbildung absolviert. Mit den Erkenntnissen daraus darf sie sogenannte Einsatznachsorgegespräche führen. "Wenn's elend wird, trifft man dann eben mich", lacht sie. "Nein, im Ernst: Auch Einsatzkräfte dürfen natürlich traurig sein, aber nicht seelisch mitsterben. Dazu gibt es ganz spezielle Bewältigungsstrategien." Allerdings hat sie die Erfahrung gemacht, dass keiner so richtig zugeben will, dass er Hilfe braucht. Dies sei kein Zeichen von Schwäche, meint die junge Frau. Denn: "Wenn ein Mensch vom Zug erfasst wird ist das ein Bild, dass man nicht ohne Weiteres vergisst. Damit hat die Psyche noch tagelang zu tun."

Wenn Kameraden das bei Einsätzen Erlebte nicht allein verarbeiten können, hilft ihnen Julia Hein mit ihrem Fachwissen, über die schwere Zeit hinwegzukommen.
Wenn Kameraden das bei Einsätzen Erlebte nicht allein verarbeiten können, hilft ihnen Julia Hein mit ihrem Fachwissen, über die schwere Zeit hinwegzukommen. © André Schulze

Einmal drüber schlafen ist die Regel bei den Einsatzkräften. Doch dann ist die Zeit zur Nachsorge da. "Niemand kann dazu gezwungen werden. Aber wir haben unter unseren Freiwilligen Feuerwehrleuten Bäcker, Tischler, Bankangestellte. Für die ist so etwas ein echter Schock. Den steckt man nicht einfach mal eben so weg." Gespräche zur erlebten Situation, zur persönlichen Bewältigung helfen da oft weiter. Die finden auch im Vorfeld eventueller Katastrophen statt, denn in der Prävention sieht die Horkaerin einen wichtigen Teil ihrer ehrenamtlichen Arbeit. "Die Kameraden sollen lernen, wie sie nach solchen Stressmomenten entspannen können. Meist wissen sie es, aber ich möchte ihnen das immer wieder ins Gedächtnis rufen."

Nachsorgekräfte sind häufig im Einsatz

Eingesetzt wird Julia Hein künftig von der zentralen Rettungsleitstelle, die den Auftrag dazu von den im Einsatz befindlichen Rettungsdiensten und Feuerwehren bekommt. Der Kreis verfügt über ein Kriseninterventionsteam mit sechs Leuten. Die meisten davon haben einen Sozial- oder Gesundheitsberuf als Hintergrund, auch ein Pfarrer ist dabei. "Unsere Kräfte werden in jüngster Zeit viel häufiger angefordert als noch vor ein paar Jahren", erklärt Kreisbrandmeister Björn Mierisch.

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Dies hat nach seiner Auffassung nichts damit zu tun, dass es aktuell mehr gravierende Einsätze gibt. "Es ist einfach mehr bekannt als früher, dass wir Spezialisten haben, die sich um die psychische Wiederherstellung der Feuerwehrleute und Sanitäter kümmern." Oft werden Mitglieder des Kriseninterventionsteams bei schweren Einsätzen gleich mit alarmiert, um sich sofort um die Betroffenen und später um die Rettungskräfte zu kümmern. "Für die Arbeit im Bereich Katastrophenschutz ist das eine enorme Bereicherung. Aus vielen Situationen in der Vergangenheit wissen wir: Unsere Nachsorgespezialisten sind richtig gut." Künftig ist auch Julia Hein ein Teil von ihnen.

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