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"Bienvenue" im Rothenburger Martinshof

Die Diakonie heißt drei junge Franzosen willkommen. Sie absolvieren hier ein soziales Jahr. Und haben schon manch Unterschied zu ihrer Heimat festgestellt.

Diakon Andreas Drese freut sich über internationales Flair im Martinshof: Maria Guibaud aus Avignon, Noémie Wozniak aus Nancy und Florian Brosset aus Versailles (von links) absolvieren hier ein soziales Jahr.
Diakon Andreas Drese freut sich über internationales Flair im Martinshof: Maria Guibaud aus Avignon, Noémie Wozniak aus Nancy und Florian Brosset aus Versailles (von links) absolvieren hier ein soziales Jahr. © André Schulze

Die Wahl hätte auch auf Italien, Ungarn oder afrikanische Länder fallen können. Aber es ist Deutschland. Und ausgerechnet Rothenburg, im südöstlichsten Zipfel. Maria Guibaud aus Avignon, Noémie Wozniak aus Nancy und Florian Brosset aus Versailles haben sich ganz bewusst für die Neißestadt entschieden. Sie wollen - neben dem Sozialdienst - das Leben in einer Kleinstadt beim Nachbarn kennenlernen. Und ihr Deutsch verbessern.

Zustandegekommen ist der Kontakt durch die französische Freiwilligenorganisation "Eurocircle". "Ich war total überrascht, als ich einen Anruf von dort erhielt", erzählt Andreas Drese. Er leitet den Bereich Bildung und Begegnung in der Diakonie St. Martin. "Ich sagte dem guten Mann: Deutschland - okay. Aber Rothenburg - Sie wissen schon, wo das liegt?" Die Verwunderung darüber ist längst gewichen. Maria, Noémie und Florian sind nach dem Auftakt im vergangenen Jahr bereits die zweite Abordnung aus dem Land der Trikolore. Einen Monat Vorbereitung gab's für ihren Auslandstrip, darunter auch 20 Stunden Deutsch. "Eigentlich sollten es doppelt so viele sein. Da hat uns Corona aber einen Streich gespielt", bedauern die drei jungen Franzosen.

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Rothenburger stolz auf internationales Flair

Trotzdem ist die Verständigung mit ihnen kein Problem. "Ich bin in einer Gegend groß geworden, in der es ein deutsch-französisches Gymnasium gibt. Dort habe ich bis zum Abi Deutsch gelernt", erzählt Florian. Anschließend wollte er unbedingt ein Freiwilliges Soziales Jahr machen. "Meine Schwester hat eine geistige Behinderung. Deshalb interessiert es mich, wie man in Deutschland damit umgeht", begründet der 22-Jährige sein Engagement.

Im Martinshof wurde er deshalb der Wohnstätte für Menschen mit Handicap zugeteilt, wohnt dazu nur ein paar Meter entfernt auf dem Gelände der Diakonie. "Es macht riesigen Spaß, mit den Menschen zusammenzusein. Vom Aufwecken über das Vorbereiten des Frühstücks bis zum gemeinsamen Spielen - ich kann mich voll mit meiner Aufgabe identifizieren." Seine Schützlinge und Kollegen haben längst wahrgenommen, dass sein Deutsch nicht oberlausitzisch oder sächsisch, sondern elegant französisch klingt. Andreas Drese lächelt: "Die Leute sind schon stolz auf das internationale Flair."

Maria hat nach dem Abi drei Jahre gekellnert, wollte nicht sofort an die Uni. Weil: "Ich wusste nicht, was ich am besten studiere." Das sieht mittlerweile anders aus. Mit Kindern arbeiten macht ihr Spaß, hat sie festgestellt. "Deshalb möchte ich Erzieherin werden." Aufnahmekriterium fürs Studium sind allerdings erste Erfahrungen in diesem Bereich. Deshalb hat sie sich für den Kindergarten des Martinshofes einteilen lassen. "Das war anfangs nicht einfach", lacht die 23-Jährige. "Die Kleinen haben mich zwar vollgeplappert, aber ich habe nichts verstanden. Das ist inzwischen viel besser geworden."

Beim Singen, Malen, Basteln ist sie längst unentbehrliche Freundin. Und hat festgestellt, dass das deutsche Betreuungssystem ganz anders als das in Frankreich ist. "Bei uns gibt es nur Krippe. Mit drei Jahren wechselt man an die Vorschule, ab sechs gibt es regulären Unterricht. Dass sich auch die Fünfjährigen noch bei Spaß und Spiel austoben können, habe ich zum ersten Mal hier im Kindergarten kennengelernt."

Die drei jungen Franzosen sind froh, hier ihr Deutsch verbessern zu können. Allerdings fehlt ihnen der Kontakt zu den Rothenburgern. Coronabedingt ist das momentan schwierig.
Die drei jungen Franzosen sind froh, hier ihr Deutsch verbessern zu können. Allerdings fehlt ihnen der Kontakt zu den Rothenburgern. Coronabedingt ist das momentan schwierig. © André Schulze

Künstlerisch und kulinarisch verbringt Noémie ihre Rothenburger Zeit. Mit ihren 24 Jahren hat sie schon die halbe Welt gesehen, war in Schweden, Amerika, Australien. "Nach dem Abitur habe ich Tourismus studiert, mittlerweile aber festgestellt, dass ich mich mit Politik befassen will." Im Martinshof lebt sie ihre kreative Seite aus, fertigt in der Keramikwerkstatt Figuren, Schalen und Kugeln an. Darüber hinaus wird jeden Mittwoch zusammen mit den Kollegen gekocht und gebacken. Französisch natürlich. Crepes zum Beispiel. "Beschwerden habe ich noch keine bekommen." Vor allem sprachlich findet sie die Monate in Rothenburg extrem wertvoll. "Französisch spricht hier keiner, englisch kaum. So muss ich deutsch reden - das hilft mir weiter."

Als Europäer wissen, was der andere macht

Bedauerlich, meinen die drei jungen Leute, sei lediglich der fehlende Kontakt zu den Rothenburgern. Pandemiebedingt sind kaum Gleichaltrige zu finden. Nur Florian hat zwei deutsche Mitbewohner. Maria und Noémie wohnen zusammen in der "Krone" am Markt. Mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sei jedoch nicht leicht. Vielleicht, vermuten sie, seien die Leute hier ein bisschen reserviert. Zumindest würden sie hellhörig, "wenn wir uns im Supermarkt in unserer Muttersprache unterhalten."

Bis Juli bleiben Maria, Noémie und Florian noch in Rothenburg. Schon jetzt ist klar: Für sie ist der Aufenthalt hier ein Gewinn. "Man lernt immer dazu", begründet Florian. Und Noémie ergänzt: "Wir sind alle Europäer. Da ist es gut zu wissen, was der andere macht."

Interessenten jeden Alters können sich für den Freiwilligendienst in der Diakonie St. Martin bei Andreas Drese, Anne-Magdalena Schubert und Daniela Teßmer unter folgenden Kontaktdaten melden: Tel. 035891 38147; E-Mail: [email protected]

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