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Der ewige Friedensrichter von Niesky

Norbert Polossek kümmert sich schon seit 1994 um Streitereien in der Stadt. Sein Verhandlungsgeschick ist gefragt. Klienten kommen sogar bis aus Dresden.

Norbert Polosseks Leidenschaft ist das Recht. Deshalb versucht er, Streit zu schlichten - zuerst in der Schiedsstelle, danach als Friedensrichter von Niesky.
Norbert Polosseks Leidenschaft ist das Recht. Deshalb versucht er, Streit zu schlichten - zuerst in der Schiedsstelle, danach als Friedensrichter von Niesky. © André Schulze

Norbert Polossek bringt nur wenig aus der Ruhe. Mit seinen 59 Jahren hat er schon viel erlebt. Sei es als Stadtrat oder Diakon in der Kirche - der Nieskyer engagiert sich in verschiedenen Positionen für seine Heimatstadt. Das Amt als Friedensrichter jedoch hat ihm wohl die meisten grauen Haare eingebracht.

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Schon als junger Mensch hatte Polossek ein ausgeprägtes Rechtsempfinden. "Ich bin christlich erzogen worden, da legte man viel Wert darauf", erinnert er sich. Deshalb brauchte er nicht lange, sich 1994 zur Mitarbeit in der damaligen Schiedsstelle überzeugen zu lassen. Nach deren Auflösung einige Jahre später wurde er von den Stadträten zum Friedensrichter bestimmt. Als es jüngst darum ging, sich erneut zur Wahl zu stellen, willigte er ohne Zögern ein. "Ich bin für Ehrlichkeit und klare Ansagen. Wenn ich das mit meinem Wirken den Mitmenschen, die sich an mich wenden, vermitteln kann, habe ich schon viel erreicht."

Bei komplizierten Fällen "die Schnauze voll"

Dabei sind die Streitereien, die auf dem Tisch des Nieskyers landen, "keineswegs vergnügungssteuerpflichtig", wie er schmunzelnd sagt. Ohne Umschweife gibt er zu: "Bei komplizierten Fällen habe ich schon mal die 'Schnauze' voll. Dann frage ich mich: Warum mischst du dich hier ein? Denn manche wollen gar keine Einigung, legen es viel mehr auf eine Gerichtsverhandlung an." Seinen Blick für diese Kandidaten hat Polossek im Laufe der Jahre geschärft. "Ich lade ja Privatpersonen ein. Wenn sie dann mit dem Anwalt anrücken, ist das Kind meist schon in den Brunnen gefallen."

Außer in Fällen der Arbeits- und Familiengerichtsbarkeit und bei Sexualstraftaten ist Norbert Polosseks Streitschlichtung überall gefragt. Wie oft, ist unterschiedlich. "2020 hatte ich nur 35 Fälle. Es gab aber schon Jahre, in denen ich mir 85 Mal eine Meinung bilden musste." Vor allem geht es um Nachbarschaftsstreit. Um Auseinandersetzungen wie den berüchtigten "Moaschendroahtzaun". In jüngster Zeit sind verstärkt Tiere mit im Spiel. Wenn der Hund in der Nacht regelmäßig Spektakel macht oder immer wieder auf das Grundstück des anderen macht.

Meist geht es um Nachbarschaftsstreit

Norbert Polossek erinnert sich da an einen Fall, der noch immer läuft und der "wahrscheinlich nie zu einem befriedigenden Ende kommen wird." Darin sieht sich ein älterer Herr mit den Beschwerden seiner Nachbarn konfrontiert. Die halten dem über 80-Jährigen das Bellen seines - ebenfalls - betagten Hundes vor. "Das verstehe ich natürlich, aber die Situation ist schwierig", meint Polossek. Denn zuerst müsse der Grund für die Kläfferei gefunden werden. "Ist er krank? Will er bewegt werden? Oder ist er gar eifersüchtig, weil sein Herrchen jetzt auch eine Katze hat, die mit in die Wohnung darf, er aber draußen bleiben muss?" Der Friedensrichter ist weiter dabei, sich seine Meinung zu bilden, weiß aber auch, dass das nicht leicht werden wird. "Was passiert, wenn der Mann seinen Hund abschaffen soll. Verkraftet er das? Wir müssen versuchen, einen anderen Weg zu finden."

Einen skurrilen Fall hat der Nieskyer vor Jahren in einem Ortsteil der Stadt erlebt. "Da hatte mich eine Dame angerufen, um mich zu sich zu bitten. Schon am Telefon dachte ich: Hui - nette Stimme. Sie machte Andeutungen, mit denen ich als Mann schon, als Mann des Rechts aber nur wenig anfangen konnte." Weil ihm der Fall nicht ganz geheuer schien, bat er den damaligen Oberbürgermeister Wolfgang Rückert, ihm für den Hausbesuch eine Sekretärin mitzugeben. Die sollte das Gespräch dokumentieren. "Als wir ankamen und zu zweit ausstiegen, sah ich schon, wie der Frau das Gesicht einschlief." Mit Minirock und sonst nur leicht bekleidet, wurde sie plötzlich einsilbig. Der Besuch war kurz. Zu einem Verfahren kam es nicht.

Dem Urteil müssen beide Seiten zustimmen

In der Regel schließt Norbert Polossek in seinen Urteilen Vergleiche zwischen den streitenden Parteien, denen beide Seiten zustimmen müssen und an die sie sich zu halten haben. Unschön, meint der 59-Jährige, wird es immer dann, wenn erwachsene Kinder gegen ihre Eltern oder Geschwister vorgehen. "Beziehungsstreit, in dem Neid und Eifersucht eine Rolle spielen, ist nur schwer zu klären. Das Problem sitzt tief in den Leuten drin, die Standpunkte haben sich durch den Ärger verfestigt."

Im Laufe der Zeit hat der Nieskyer Friedensrichter eine Entwicklung ausgemacht. "Vor der Wende kannten wir Streits um Kleinigkeiten nicht. In den letzten Jahren hat das aber immer mehr zugenommen. Die Leute wollen einfach Recht haben und lassen sich nur schwer befrieden." Dass Norbert Polosseks Verhandlungsgeschick und sein Urteil trotzdem gefragt sind, beweist die Herkunft seiner Klienten: Nicht nur Streitfälle aus Niesky und den Ortsteilen landen auf seinem Tisch, es kommen auch Leute aus Rothenburg, Kodersdorf und sogar bis aus Dresden.

Einen Schlussstrich will der Nieskyer auch nach den nächsten fünf Jahren nicht ziehen. "Ich könnte ja bis 75", lacht er. Und: "Ich habe meiner Frau gesagt, wenn ich alle öffentlichen und politischen Ämter aufgebe, fange ich mit Klavierspielen an. Ich weiß nicht, ob sie das hören will."

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