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Warum Nieskyer Patienten keinen neuen Arzt finden

Vier Hausärzte praktizieren in diesem Jahr nicht mehr. Ein Fünfter hat wegen Krankheit geschlossen. Das stellt nicht nur Patienten vor große Probleme.

Dr. Volker Höynck ist Allgemeinarzt mit eigener Praxis in Niesky. Am Donnerstag schließt er seine Praxis. Einen Nachfolger hat der Nieskyer nicht.
Dr. Volker Höynck ist Allgemeinarzt mit eigener Praxis in Niesky. Am Donnerstag schließt er seine Praxis. Einen Nachfolger hat der Nieskyer nicht. © André Schulze

Simone Reinhard ist ratlos. Ihr Hausarzt Dr. Höynck schließt diesen Monat seine Praxis und die Nieskyerin muss sich um einen neuen Arzt kümmern. Aber das gestaltet sich noch schwieriger als ohnehin schon gedacht.

"Ich habe zwar eine Liste mit Ärzten mitbekommen, die sich bereit erklärt haben, Patienten aus der Praxis Höynck aufzunehmen", erzählt Frau Reinhard. Seit 17 Jahren ist sie Patientin bei Dr. Höynck. Aber bisher hat sie nur Absagen bekommen - und das beunruhigt die 52-Jährige. "Ich bin chronisch krank, brauche einen beständigen Arzt. Zudem steht bei mir am 11. Oktober eine Operation an. Welcher Arzt versorgt mich danach?"

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Mit ihren Nöten hat sie sich auch an ihre Krankenkasse, die AOK, gewandt. Dort gab man ihr den Tipp, es bei der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) zu versuchen. "Aber die vermitteln nur einen Termin bei einem Arzt, der mich wahrscheinlich nicht kennt. Was nützt mir das? Das nächste Mal untersucht mich dann wieder ein anderer Arzt", fürchtet Frau Reinhard.

Behandlung in der Notfallaufnahme

Nun hat sie neue Hoffnung, eine Praxis gefunden zu haben. Aber dort wolle man sich erst im November entscheiden, ob Frau Reinhard in die Patientenkartei aufgenommen wird. Und sie steht nicht allein ohne Hausarzt da. Auch ihre Tochter Frances war bei Dr. Höynck in Behandlung. Die 24-Jährige sucht nun ebenfalls für sich einen neuen Hausarzt und ist noch nicht untergekommen. "Uns bleibt nur die Notfallaufnahme, um bei Beschwerden behandelt zu werden", resümieren Mutter und Tochter. Sie sehen für sich keine andere Lösung.

Volker Höynck hört wie geplant Ende September auf, sagt er. Die Schließung der Praxis hatte er schon lange angekündigt. Der Allgemeinmediziner hätte gern einen Nachfolger präsentiert, aber daraus wurde nichts.

Ohne Nachfolger musste auch Dr. Knut Noack seine Praxis in Uhsmannsdorf schließen. Dazu kommen zwei unerwartete Todesfälle: In Klitten verstarb Dr. Peter Raff, in Niesky Dr. Klaus Hurtig. Als ob das nicht alles schon dramatisch genug wäre, fiel nun noch Dr. Lutz Diedtemann wegen Krankheit aus. Alles Allgemeinmediziner.

Dr. Diedtemann will zwar kommende Woche seine Arbeit wieder aufnehmen, aber ob er auch neue Patienten annimmt, ist noch unklar. Zwar wächst in einigen Praxen ärztlicher Nachwuchs heran, aber dieser steht noch nicht auf eigenen Füßen. Dr. Sandra Beinlich ist in der Weiterbildung und wird die Praxis von Dr. Monika Melchior erst im Frühjahr übernehmen. Dr. Hurtig hatte auch eine junge polnische Kollegin in der Weiterbildung. Nach seinem Tod steht da jetzt trotzdem ein großes Fragezeichen vor der geplanten Nachfolgerin.

Ärzte in den Startlöchern

Mit Dr. Ute Lange ist eine Ärztin aus Hamburg wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, sie arbeitet jetzt im Facharztzentrum Niesky neben Dr. Diedtemann. Mit Falko Hoppenz sichert sich Dr. Dietrich Hartmann seinen Nachfolger. Aber Hoppenz ist noch zwei Jahre in der Facharztweiterbildung. Neu im MVZ Martinshof Rothenburg ist seit April 2020 Magdalena Prasslsberger. Die gebürtige Polin ist aus dem bayrischen Zwiesel nach Rothenburg gekommen, um ihrer Heimat näher zu sein. Die Allgemeinmedizinerin ersetzt Esther Klasen. Diese hatte ihre Praxis am Markt aus Altersgründen geschlossen.

Rechnet man alles zusammen, sind in Niesky und Umgebung noch zehn Hausärzte tätig. Das klingt viel, ist es aber nicht, wie Monika Melchior bestätigt. Die langjährige Nieskyer Hausärztin wollte einen Gang zurückschalten und wird im Frühjahr ihre Praxis an Sabine Beinlich übergeben. Aber der Tod von Dr. Hurtig und das Praxisende von Dr. Höynck haben beide Medizinerinnen vor neue Herausforderungen gestellt. "Wir haben rund 400 Patienten, die ohne Hausarzt dastanden, aufgenommen. Das ist die Hälfte von der Anzahl der Stammpatienten unserer Praxis", erklärt Monika Melchior. Mehr geht nicht. Deshalb hängt ein Schild in der Tür, dass keine neuen Patienten aufgenommen werden. Auch vor dem Hintergrund, dass Frau Beinlich ab nächstes Jahr allein die Praxis führt.

Nicht viel besser ist die Situation in den Praxen von Dr. Eva-Maria Kantz und HNO-Facharzt Berndt Wehnert. "Wir haben unsere Kapazitätsgrenzen erreicht", sagt Diplom-Mediziner Wehnert. Denn es ist nicht nur der Praxisbetrieb, dazu kommen Hausbesuche und der nicht zu unterschätzende Bürokratismus für beide Ärzte. Mit 68 Jahren hat Berndt Wehnert das Rentenalter bereits erreicht. Eine Nachfolgerin für Hals, Nasen und Ohren arbeitet er ein. "Es geht bei uns weiter", macht er seinen Patienten Hoffnung.

Keine neuen Arztstellen

Schaut man genauer auf die neuen Ärzte und ihre Stellen, so ersetzen diese nur bereits vorhandene Stellen in den Praxen. Das ist auch bei Eva-Maria Kantz so. Sie ist die Nachfolgerin für Berndt Wehnerts Frau Sonnhild. Als Allgemeinmedizinerin führte sie mit ihrem Mann eine Gemeinschaftspraxis.

Was die Nieskyer Ärzte mehr oder weniger einstimmig betonen ist, dass sie sich mit der Situation alleine und überfordert fühlen. Die KSV scheint das Problem des Ärztemangels aussitzen zu wollen, obwohl Niesky schon seit einigen Jahren ein "Gebiet mit drohender Unterversorgung" ist und jetzt sicherlich unterversorgt ist. Die KSV spricht von 14 Hausärzten, die zum Oktober im Planungsbereich Niesky tätig sind. Wobei vier von ihnen bereits über 60 sind.

Vor allem das medizinische Personal muss den Frust der Patienten abfangen, die auch beim x-ten Arzt keine Aufnahme finden. Reinhards sind nicht die einzigen Ratlosen. Auch eine Familie in See (Name der Redaktion bekannt) ist von der Oma bis zu den zwei Enkeln betroffen. Die ganze Familie war auf drei Hausärzte aufgeteilt, die jetzt alle nicht mehr praktizieren. Der Familienvater ist bei einem Arzt in Ebersbach im Schöpstal untergekommen. "Aber, kann ich diesen weiten Weg meiner Mutter mit ihren 86 Jahren noch zumuten?"

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