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Elli hat die Stallpflicht satt

Die Schweinepest sorgt auf dem Moosmutzelhof in Kollm für Irritationen. Denn auch zwei Therapieschweine müssen eingestallt werden. Der Landkreis droht mit Bußgeld.

Für Eva-Christine Hoffmann und ihre beiden Minischweine Elli (vorn) und Jimmy bringt die Schweinepest auf dem Moosmutzelhof in Kollm Einschränkungen mit sich.
Für Eva-Christine Hoffmann und ihre beiden Minischweine Elli (vorn) und Jimmy bringt die Schweinepest auf dem Moosmutzelhof in Kollm Einschränkungen mit sich. © André Schulze

Elli ist in diesen Tagen eine besonders faule Sau. Die dreijährige Minischwein-Dame wälzt sich in ihrer Box im Stroh herum. Aufstehen? Da kann ihr Eva-Christine Hoffmann, die Betreiberin des Kollmer Moosmutzelhofes, noch so gut zureden. Aufstehen ist nur nach minutenlangem Grunzen drin, das sich anhört, wie eine Unterhaltung zwischen Tier und Mensch.

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Elli und ihrem Stallkollegen Jimmy gehe es nicht gut, klagt die Mittfünfzigerin, die sich in den vergangenen Jahren am Rande des Quitzdorfer Ortsteils einen therapeutischen Bauernhof aufgebaut hat, in dem die beiden Ringelschwänze eine wichtige Rolle spielen. Neben Pferden, Hühnern, Schafen, einer Ziege sowie Hunden und Katzen, die gerade erst durch die schwierige Coronazeit gebracht wurden. Denn mit den sonst hier üblichen Angeboten für Menschen mit Behinderung, motorischen, funktionellen oder psychischen Beeinträchtigungen sah es aufgrund der Einschränkungen monatelang mau aus. Einnahmen fielen weg, die schnatternden, gackernden, wiehernden und quiekenden Zwei- und Vierbeiner wollten trotzdem versorgt werden.

Elli und Jimmy starten Ausbruchsversuche

Nun also die nächste Baustelle, die Eva-Christine Hoffmann genauso viel Ärger beschert. Ausschlaggebend dafür sei die Nacht zum 25. August gewesen, erzählt sie. Weil der Moosmutzelhof in der sogenannten Sperrzone II liegt und damit im Rahmen der Schweinepest-Bekämpfung zum "gefährdeten Gebiet" gehört, werden die beiden Minischweine schon seit geraumer Zeit im Stall gehalten, in einer mit Gittern abgetrennten Box von vielleicht vier mal vier Metern. "Elli und Jimmy sind das nicht gewohnt", weiß die Chefin des Hofes. Deshalb komme es immer wieder zu Beißereien und Ausbruchsversuchen.

Wie in jener bewussten Nacht. Da zeigte sich Elli besonders kampfesmutig und riss ein Brett ihres Verschlages aus der Halterung. Sie zwängte sich durch die Lücke und fand den Weg in Richtung Außengelände. "Wir können es anhand der Spuren ja nur rekonstruieren, aber es muss so weitergegangen sein", erzählt Eva-Christine Hoffmann über den weiteren Ablauf. Auf der dem Feld zugewandten Hofseite habe die Sau den doppelt gezogenen Maschendraht durchgebissen und sich dann unter die angrenzenden Büsche verzogen. "Unsere Suche am Morgen hatte leider keinen Erfolg." Offenbar habe sich das Borstentier an den herumliegenden Eicheln satt gefressen und danach im Gestrüpp zur Ruhe gelegt. Entdeckt wurde Elli erst am Tag darauf, als sie sich wieder auf Futtersuche begab.

Minischweine stehen unter psychischem Stress

Allerdings blieb der Ausbruch offenbar nicht unbemerkt. Denn vom Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt (Lüva) des Landkreises erhielt der Moosmutzelhof kurz darauf Post. Die Behörde hatte ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Die Freilandhaltung von Schweinen sei in der Sperrzone II nicht möglich, durch diverse Allgemeinverfügungen des Freistaates Sachsen sogar verboten, heißt es in dem Schreiben. Das Amt habe die Betreiberin des Kollmer Hofes bereits am 28. Januar erstmals darüber informiert. Schweine im gefährdeten Gebiet müssten so abgesondert werden, dass sie nicht mit Wildschweinen oder Kadaverteilen in Berührung kommen könnten. Dies sei bei Auslauf- und Freilandhaltungen aber nicht möglich.

Eva-Christine Hoffmann will den Vorwurf so aber nicht stehen lassen. Denn: "Unsere Schweine und die auf dem Hof verkehrenden Personen haben weder Kontakt zu Wildschweinen noch zu anderen Hausschweinen", schreibt sie in ihrer Reaktion an das Lüva. Und sie setzt auf das Entgegenkommen der Behörde. Denn in ihrem jetzigen Zustand seien die beiden Ringelschwänze für die tiergestützte Therapie nicht einsetzbar. "Die Tiere stehen unter erheblichem psychischen Stress", stellt sie Betreiberin des Moosmutzelhofes klar. Hauptsächlich nutzen Kinder mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) das Angebot.

Geldbuße bis zu 30.000 Euro droht

Kann es also eine Ausnahme vom gesetzlich geregelten Einstallungsgebot für Schweine in der Sperrzone II geben? "Nein", antwortet Kreissprecherin Franziska Glaubitz auf eine SZ-Anfrage. Ausnahmen von der Stallpflicht gebe es nicht. Außer in Kollm sind dem Lüva noch einige weitere Fälle bekannt geworden, in denen sich Schweinehalter dagegen sträuben. Wo - das lässt die Sprecherin offen. Dass die Behörde hierbei nicht mit sich spaßen lässt, zeigt ein Blick auf die Höhe der Strafe, mit der diese Ordnungswidrigkeit geahndet werden kann: Wer im gefährdeten Gebiet gegen die Stallpflicht für Hausschweine verstößt, muss mit einer Geldbuße von bis zu 30.000 Euro rechnen.

Allerdings kann das Schweinepest-Virus nicht nur durch den unmittelbaren Kontakt von Hausschweinen mit Wildschweinen und deren Kadavern übertragen werden. Auch Mäuse, Ratten, Vögel, die mit dem Virus in Kontakt geraten sind, können zu Überträgern werden. Selbst aus Gras und Getreidestängeln gewonnenes Heu und Stroh, durch das infizierte Wildschweine gezogen sind oder sich dort zur Ruhe gelegt haben, kann gefährlich werden. Deshalb sei es verboten, so Franziska Glaubitz, im gefährdeten Gebiet gewonnenes Heu, Gras und Stroh in Schweinehaltungen zu verwenden. Zudem müssten die Ställe so gebaut sein, dass keine anderen Tiere in die Räumlichkeiten gelangen können.

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