merken
PLUS Niesky

Bootsfehde: Wie eine Recherche alles verändert

Die Schlauchboot-Vermieter Stefan Menzel und Tino Kittner reden kaum miteinander. Das ändert sich am Dienstag schlagartig. "Schuld" trägt die SZ.

Mit 40 Booten ist Stefan Menzels Firma Boats & Friends auf der Neiße unterwegs.
Mit 40 Booten ist Stefan Menzels Firma Boats & Friends auf der Neiße unterwegs. © BDXMEDIA.DE

Eigentlich sollte der Bericht über die Bootsfehde auf der Neiße am Mittwoch in der Sächsischen Zeitung stehen. Der Text über das Zerwürfnis zwischen Stefan Menzel und Tino Kittner, den Chefs von Boats & Friends aus Görlitz und Neiße-Tours aus Rothenburg, war geschrieben. Und auch die möglichen Auswirkungen auf den Bootstourismus bedacht. Doch kurz vor Redaktionsschluss überschlugen sich die Ereignisse. Hier die Chronik einer nicht alltäglichen Recherche.

Dienstag, 13. Juli

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Auf der ersten Lokalseite berichtet die SZ an diesem Tag über die möglichen Umstände, durch die ein Kajakfahrer am Neiße-Wehr bei Deutsch Ossig am Wochenende zuvor verunglückt ist. Dazu werden auch die Inhaber der beiden großen Schlauchbootverleiher aus Görlitz und Rothenburg befragt. Stefan Menzel drückt sein Bedauern aus und beschreibt, wie die Besatzung eines seiner vermieteten Boote die im Kajak mitfahrende Frau aus den Fluten rettete. Und er stellt klar, dass die Passage des Wehrs mit professionellen Booten - wie von ihm verliehen - kein Problem sei. Das sieht Tino Kittner anders. "Wir haben es uns vor Jahren angeschaut - und als zu gefährlich eingestuft", wird er in dem Artikel zitiert. Das Wehr sei ein Grund dafür gewesen, warum Neiße-Tours nicht auch weiter südlich auf dem Grenzfluss unterwegs sei.

Unter anderem diese Äußerung seines Konkurrenten ist es, die bei Stefan Menzel wohl das Fass zum Überlaufen bringt. Schon seit Jahren gibt es kaum Kontakt zwischen den beiden Firmenchefs - das letzte Mal Anfang 2020. Menzel jedenfalls schickt noch am selben Tag um 16.14 Uhr eine Mail an die SZ. Darin ist der Wortlaut eines Chats nachzulesen, den er im April 2019 mit Tino Kittner auf Facebook geführt hat. Darin gibt der Görlitzer dem Rothenburger Bescheid, dass er "im Mai/Juni mit einem Bootsprojekt auf der Neiße im Bereich der Altstadt" starten werde.

Worauf Kittner erwidert, das schon einmal 2005/06 ausprobiert zu haben. "Leider ist aber in Görlitz im Sommer der Wasserstand zu gering." Deshalb habe er es nach dem Verlust mehrerer Boote schnell aufgegeben. Im Juli dann die Kehrtwende. Kittner: "Wollte dir Bescheid sagen, dass wir ab 25. Juli auch Bootstouren von Weinhübel bis zur Obermühle anbieten." Für Menzel ist das ein Beispiel von Scheinheiligkeit. Genauso wie Kittners Äußerung zur Gefährlichkeit des Deutsch Ossiger Wehrs. Im Umkehrschluss sei das indirekte Werbung für Kittners Revier. "Damit kann ich nicht einverstanden sein", poltert der Geschäftsführer von Boats & Friends bei einer späteren Nachfrage der Redaktion.

Tino Kittner schickt mit seiner Firma Neiße-Tours 70 Boote auf den Grenzfluss.
Tino Kittner schickt mit seiner Firma Neiße-Tours 70 Boote auf den Grenzfluss. © André Schulze

Mittwoch, 14. Juli

Tino Kittners Äußerungen in dem SZ-Artikel lassen Menzel offenbar keine Ruhe. Und so schickt er um 11.02 Uhr die nächste Mail. Inhalt: Ein Online-Artikel der Lausitzer Rundschau vom 30. August 2010. Darin wird beschrieben, wie ein von Neiße-Tours vermietetes Schlauchboot mit fünf Personen - denen nichts Schlimmes passierte - bei Sagar kentert. Dazu befragt, äußert sich Kittner so: "Dass mal ein Boot umkippt, ist normal." Dies wiederum ist für Menzel erneuter Beleg für Scheinheiligkeit, denn im SZ-Artikel über das Kajak-Unglück wird der Neiße-Tours-Chef mit dieser Aussage zu seinen Booten zitiert: "Die sind mindestens 1,60 Meter breit, die kippen nicht um."

Montag, 19. Juli

Nachfragen der Redaktion bei Stefan Menzel ergeben am Nachmittag ein tief zerstrittenes Bild zwischen den beiden Bootstouranbietern. Schon seit längerer Zeit ist das Verhältnis offenbar angespannt. Neiße-Tours ist bereits seit 19 Jahren auf dem Markt, Boats & Friends seit Mai 2019. Auf die Idee, sich selbstständig zu machen, habe ihn erst eine bei Tino Kittner gebuchte Neiße-Fahrt gebracht, erzählt Menzel. "Das war 2018. Wir waren mit zwei Autos und zehn Personen unterwegs. Die acht Mitfahrer sollten wir an einem Feld bei Deschka absetzen. Wir Fahrer schafften unsere Autos nach Rothenburg und wurden dann mit einem Shuttle zurück nach Deschka transportiert. Bis dahin mussten unsere Leute eine Dreiviertelstunde warten." Service, Organisation und Abwicklung des Ausflugs hätten ihm nicht zugesagt. "Deshalb nahm ich mir vor, es mit einem eigenen Unternehmen anders zu machen", erklärt Menzel. Mit Boats & Friends transportiere er nun alle Kunden selbst. "Wir haben unsere Boote extra mit GPS-Sendern ausgestattet und holen die Leute dort ab, von wo wir das Signal bekommen."

Eine Kooperation beider Unternehmen kommt für Stefan Menzel derzeit eher nicht infrage. "Die Basis fehlt, um mit Neiße-Tours zu kooperieren", findet der Görlitzer, wobei er prinzipiell offen dafür sei. "Man könnte sich gegenseitig Angebote vermitteln, eine bessere Präsenz erzielen, Markt und Nachfrage steuern", nennt er einige Details. Das Interesse der Kundschaft sei auf jeden Fall da.

Dienstag, 20. Juli

Kurz nach 13 Uhr bezieht Tino Kittner Stellung zu den Vorwürfen seines Konkurrenten. Streit in der Öffentlichkeit möchte er am liebsten vermeiden. Deshalb beantwortet er Vorwürfe wie: Seine Boote seien schon in Unfälle verwickelt gewesen und ihr Boden gleiche teils einem Flickenteppich, eher zurückhaltend. "Ich möchte mich nicht auf dieses Niveau einlassen. Einen Krieg vom Zaun brechen, bringt keine Gewinner." Sein kurzes Intermezzo in Görlitz 2019 erklärt er so: "Wir wollten ursprünglich nichts dort machen, hatten dann aber das Gefühl, dass uns vielleicht Kunden verloren gehen könnten." Als das bei Boats & Friends für Irritationen sorgte, "haben wir uns an einen Tisch gesetzt und darauf geeinigt: Jeder konzentriert sich auf sein Gebiet." Dies wiederum mag für Stefan Menzel zum damaligen Zeitpunkt gegolten haben, aktuell vermittelt er beim Telefonat mit der SZ am Vortag eine andere Meinung: "Kartellrechtlich funktionieren solche Absprachen nicht, die Neiße ist ein freier Fluss."

Bei einem weiteren Gespräch am späteren Nachmittag erklärt Tino Kittner, warum er gegen das Austragen der Fehde in der Öffentlichkeit ist: Im Tourismus arbeite man nicht gegeneinander, sondern zusammen. "Wir sind alle da, um die Region zu repräsentieren. Streitereien helfen da nicht weiter." Zu den Kollegen am Unterlauf der Neiße Richtung Weißwasser habe er sehr guten Kontakt. "Wir tauschen bei Bedarf auch Boote aus." Mit Stefan Menzel funktioniere dies leider nicht. Allerdings: "Wenn sich Kunden bei uns nach Görlitz erkundigen, verweisen wir sie natürlich an Boats & Friends." Auch das empfindet er als - wenn auch kleines - Stück Kooperation.

Kurz vor 18 Uhr dann die plötzliche Wende in dem Zwist. Anruf Tino Kittner: Er habe 20 Minuten lang mit seinem Görlitzer Kollegen telefoniert und alle Irritationen aus dem Weg geräumt. So habe er - nach dem Unfall des Kajakfahrers zum Deutsch Ossiger Wehr befragt - nicht geäußert, dass das Wehr generell zu gefährlich, sondern dies nur an diesem Tage so gewesen sei. Im Übrigen hätten sich die beiden auch zu allen anderen Streitigkeiten ausgetauscht. Man sei sich einig, es gebe nichts zu berichten, der Artikel müsse raus.

Auch Stefan Menzel klingelt noch einmal in der SZ-Redaktion an. Er bestätigt das wiedergewonnene kollegiale Verhältnis der beiden Schlauchbootvermieter. Zugleich stellt er klar, dass er zu seinen Aussagen stehe. Das heißt also auch: Nach wie vor wirft er Tino Kittner Scheinheiligkeit vor - wenn nicht im Zusammenhang mit der Gefährlichkeit des Wehrs, so doch zumindest mit dem Hin und Her zu dessen Görlitz-Engagement und der Behauptung, dass die Rothenburger Boote nicht umkippen könnten.

Der Tourismus auf dem Fluss nimmt wegen der Bootsfehde offenbar keinen Schaden. Nach einem Rekordjahr 2020 - trotz Corona - liegen die Buchungen in diesem Jahr bei beiden Anbietern erneut auf sehr hohem Niveau. 2021 könnten die Bestmarken also schon wieder purzeln. Das große Interesse in der Bevölkerung sieht auch Tino Kittner so. "Bootstouren sind nach wie vor gefragt. Die Neiße ist lang genug, dass es bei jedem klappt." Und wenn dazu auch eine Recherche der SZ beiträgt - umso besser.

Mehr zum Thema Niesky