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Warum es im Nieskyer Zentrum stinkt

Mal riecht's nach vergorener Milch, mal nach toter Katze. Molkerei und Stadtwerke sind den Ursachen auf der Spur.

Autohaus-Inhaber Armin Menzel führt eine Liste, wann und wie stark die Molkereiabflüsse entlang der Strecke Richtung Klärwerk gestunken haben.
Autohaus-Inhaber Armin Menzel führt eine Liste, wann und wie stark die Molkereiabflüsse entlang der Strecke Richtung Klärwerk gestunken haben. © André Schulze

Das Problem ist schon länger bekannt, seit Herbst aber besonders schlimm. Mal tritt es ganz gewaltig auf, mal gar nicht. Gemeint sind die "Düfte", die den Gullis auf der Strecke zwischen Molkerei und Klärwerk entweichen. Besonders entlang der Richard-Neumann-Straße, der Reichendorfer, Neusärichener Straße und der Ludwig-Ey-Straße.

Erst jüngst hat Armin Menzel auf den Gestank aufmerksam gemacht. Der Autohaus-Besitzer, der für die CDU im Stadtrat sitzt, wollte in dem Gremium darauf dringen, dass endlich eine Lösung gefunden wird. Begonnen habe es mit den üblen Gerüchen, seitdem die Molkerei ihre Produktion hochgefahren hat. "Vermutlich fällt dadurch so viel mehr Abwasser an, dass man das nicht mehr beherrscht." Wer das Pech habe, auf der Strecke zwischen Molkerei und Klärwerk zu wohnen oder hier ein Gewerbe betreibt, bekomme den Süd-West-Wind zu spüren. Der Gestank wird dann in diese Richtung gepustet.

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Welche Duftnote den Menschen genau in die Nase steigt, darüber sind die Meinungen geteilt. "Manchmal riecht es nach Molkereiabfall, ein anderes Mal nach toter Katze", meint Menzel. Enrico Bachmann, der im Rathaus für den Tiefbau in Niesky zuständig ist, wohnt ebenfalls in dem Gebiet und beschreibt den Geruch mit "vergorener alter Milch". Die Stadt selbst kümmere sich jedoch nicht um die Lösung des Problems, das sei Sache von Verursacher und Stadtwerken. Würden sich empörte Bürger in der Verwaltung melden, gebe man das natürlich weiter.

Telefonkonferenz und Messprogramme

Holger Ludwig hat schon manche Stunde darüber gegrübelt, wie dem Gestank am besten beizukommen ist. "Wir sind mit der Molkerei im ständigen Austausch und haben wirklich schon einiges versucht", berichtet der Geschäftsführer der Stadtwerke. Eigentlich möchte er gar nicht darüber sprechen. Viel lieber wäre ihm, er könnte endlich den Durchbruch verkünden. Doch der ist nach wie vor nicht in Sicht. Man schreite voran in kleinen Schritten, meint er, und lasse dabei nichts unversucht.

Wöchentlich gibt es zwischen den Experten der Stadtwerke und den Vertretern der Molkerei eine Telefonkonferenz. Zudem laufen mehrere Messprogramme. "Knackpunkt ist der Ausgleichsbehälter. Keiner weiß bisher, wie der Gestank dort entsteht", benennt Ludwig die Schwierigkeit. Verschärfend komme noch hinzu, "dass der Betrieb mitten in einer Wohngegend liegt. Wäre es am Stadtrand - Rehe und Wildschweine würden sicher keine Protestbriefe schreiben."

Das von den Anwohnern in der Vergangenheit schon einmal geforderte Verschließen der Gullis entlang der Abflussstrecke ist laut Holger Ludwig kontraproduktiv, könnte die Situation sogar verschlimmern. "Im Kanalnetz gibt's dann chemische Reaktionen. Die würden die Netze zerstören. Und in ein paar Jahren bliebe uns nichts anderes übrig, als die Leitungen zu erneuern." Unklar bleibt allerdings, warum trotzdem mehrere Gullis - zum Beispiel in der Hausmannstraße - offenbar mit Folien abgedichtet wurden.

Obwohl das Verschließen von Gullydeckeln zu unkontrollierten Reaktionen im Kanalnetz führen kann, sind mehrere davon - unter anderem in der Hausmannstraße - trotzdem mit Folie abgedichtet.
Obwohl das Verschließen von Gullydeckeln zu unkontrollierten Reaktionen im Kanalnetz führen kann, sind mehrere davon - unter anderem in der Hausmannstraße - trotzdem mit Folie abgedichtet. © André Schulze

An den Symptomen zu doktern bringe nichts, stellt Ludwig klar. "Wir müssen die Ursache finden", sagt der Stadtwerke-Chef und bittet die Anwohner noch um etwas Geduld. Damit die Expertencrew von städtischem Versorger und Molkerei genau weiß, wann die Abwässer besonders lästig sind, führen Bürger Listen. Auch Armin Menzel. "Wir machen vor Ort die Bestandsaufnahme: An welchen Tagen hat es besonders stark gerochen, wann war es auszuhalten." Dabei kristallisiert sich seiner Meinung nach ein spezieller Rhythmus heraus: "Irgendwann fängt es an, wird dann immer schlimmer und hört schließlich auf. Nach einer gewissen Zeit fängt alles wieder von vorne an."

Herausbekommen, wie die Gerüche entstehen

Diese Daten mit den Produktionsprozessen in der Molkerei abzugleichen, könne der Weg hin zur Lösung sein, hofft Holger Ludwig. "Wir müssen herausbekommen, wie in der Milch enthaltene Fette und Eiweiße unter bestimmten Belüftungsbedingungen und pH-Werten reagieren. Es muss klar werden, unter welchen Betriebszuständen Gerüche entstehen, und wann eben nicht." Weil das kompliziert sei, habe man längst Fachleute hinzugezogen. "Anlagenhersteller, Ingenieurbüros, Chemikalienproduzenten - sie alle sitzen mit im Boot."

Mit einer Vermutung räumt der Geschäftsführer der Stadtwerke jedoch auf: "Mit der Produktionssteigerung der Molkerei in den vergangenen Monaten hat das Ganze nichts zu tun." Bei dem Milchverarbeiter selbst wollte sich auf SZ-Nachfrage niemand konkret äußern. Die Molkerei Niesky GmbH gehört seit einiger Zeit zur Fude + Serrahn Milchprodukte GmbH & Co. KG, die ihren Hauptsitz in Hamburg hat und weltweit als Produktions- und Handelsunternehmen für Milchprodukte agiert. Geschäftsführer Mark Fude, zusammen mit Andreas Serrahn auch Chef der Nieskyer Molkerei, lehnte eine Stellungnahme ab. Man wolle das Problem "nicht mit einer dritten Partei besprechen."

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