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Nieskyer Brand wirft langen Schatten auf die Feuerwehr

Im Oktober 2020 brannte es in der Lackfabrik Höpner. Der Feuerwehreinsatz kostete den Stadtwehrleiter das Amt. Jetzt steht auch der Ortswehrleiter auf der Kippe.

Von Frank-Uwe Michel
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Hat der Brand in der Nieskyer Lackfabrik Höpner aus dem Oktober 2020 noch Spätfolgen für die Wahl des Ortsfeuerwehrleiters?
Hat der Brand in der Nieskyer Lackfabrik Höpner aus dem Oktober 2020 noch Spätfolgen für die Wahl des Ortsfeuerwehrleiters? © Archiv/André Schulze

Vergangenen Freitagabend in Niesky. Bei der Ortsfeuerwehr war die Neuwahl der Chefposten angesetzt. Fünf Jahre dauert eine Legislatur. Eigentlich war die schon im Februar vorbei. Doch Corona machte eine Wahlveranstaltung unmöglich. Der jetzige Termin versprach also nichts Aufregendes, zumal der bisherige Wehrleiter, Sebastian Schramm, auch für die nächsten fünf Jahre kandidierte. Trotzdem nahm der Abend einen unerwarteten Verlauf.

31 der 38 wahlberechtigten Kameraden gaben in geheimer Wahl ihre Stimme ab, der bisherige Ortswehrleiter konnte die absolute Mehrheit nicht erreichen. Allerdings tauchte der Name seines Stellvertreters handschriftlich auf manchen Zetteln auf. Sebastian Noll fühlte sich ein Stück weit überrumpelt - und lehnte ab. Fest steht nun, dass innerhalb eines halben Jahres erneut gewählt werden muss. Solange bleibt die bisherige Ortswehrleitung kommissarisch im Amt.

Oberbürgermeisterin bedauert Wahlergebnis

Doch wie konnte es zu dem Vertrauensverlust von Sebastian Schramm unter seinen Nieskyer Kameraden kommen? Welches Licht wirft die Wahl auf den Zustand der Wehr und gibt es Zusammenhänge mit der Wahl der Stadtwehrleitung, die erst vor Kurzem über die Bühne gegangen ist? Oberbürgermeisterin Beate Hoffmann möchte nichts hineininterpretieren. Sie könne nichts Negatives über die Arbeit der Wehrleitung sagen. "Sicherlich waren wir nicht immer einer Meinung. Aber Herr Schramm ist ein sehr engagierter Mann. Ich finde es schade, dass es zu dieser Entscheidung gekommen ist." Sie werde das Wahlergebnis natürlich respektieren. Schließlich hätten die Kameraden demokratisch entschieden.

Sebastian Schramm ist seit fünf Jahren Leiter der Nieskyer Ortsfeuerwehr. Ob es eine Fortsetzung seiner Amtszeit gibt, ist offen.
Sebastian Schramm ist seit fünf Jahren Leiter der Nieskyer Ortsfeuerwehr. Ob es eine Fortsetzung seiner Amtszeit gibt, ist offen. © Archiv/Jens Trenkler

Überrascht zeigt sich auch Simone Sturm, die in der Stadtverwaltung für Ordnung und Sicherheit zuständig ist. Sie betont ebenfalls, gut mit Sebastian Schramm zusammengearbeitet zu haben. Wahlen hätten jedoch immer mit einem gewissen Maß Unwägbarkeit zu tun. "Man kann eben nicht voraussehen, was tatsächlich geschieht."

Schramm hat keinen Vertrauensverlust gespürt

Schramm selbst gibt sich gelassen. Räumt nach ein paar Tagen Abstand aber ein: "Ich musste das Ergebnis erstmal sacken lassen." Von einem Vertrauensverlust habe er nichts gespürt. "In den Einsätzen funktioniert das Miteinander sehr gut. Deshalb war ich doch einigermaßen überrascht." Schramm arbeitet bei der Görlitzer Berufsfeuerwehr und gilt deshalb für das Ehrenamt des Ortswehrleiters in Niesky als absolut qualifiziert. Sicherlich habe es in den vergangenen fünf Jahren - seiner ersten Amtszeit - "immer mal wieder Querelen gegeben. Aber da spricht man drüber. Und dann ist das Thema auch vorbei."

Für ihn sei es zweitrangig, wer den Spitzenposten bei der Nieskyer Wehr innehabe. Und er lässt offen, ob sein Name beim zweiten Wahlgang wieder auf dem Zettel steht. Denn bis dahin werde es "mit manchen Kameraden sicherlich noch Gespräche geben. Sind die gelaufen, werde ich klarer sehen." Auch Sebastian Noll, der am Freitagabend unvermittelt zum Konkurrenten seines bisherigen Chefs aufgestiegen war, will sich nicht auf seine künftige Entscheidung festlegen lassen. Völlig abwegig scheint die Leitung der Nieskyer Ortswehr für ihn aber nicht. Allerdings sei die Funktion "nicht ausschließlich im Ehrenamt auszufüllen." Zudem müsse der Zeitaufwand auch mit Familie und den anderen Hobbys vereinbar sein. Er will deshalb zuerst das Gespräch mit der Oberbürgermeisterin suchen, die ihn als Mitarbeiter der Stadtverwaltung zugunsten der Wehrleitung von manchen Aufgaben entbinden könnte.

Gehen Gründe auf Einsatz in Lackfabrik zurück?

Über die Gründe seines Scheiterns lässt sich weder Sebastian Schramm aus noch sind Beate Hoffmann oder Sebastian Noll dazu bereit, sich öffentlich auf Spurensuche zu begeben. Beim Blick auf die vor ein paar Wochen durchgeführte Wahl des Stadtwehrleiters fallen jedoch einige Querverbindungen auf. Die Spur führt zurück zum Oktober 2020. Damals wurde in der Lackfabrik Höpner ein Brand gelöscht. Sebastian Schramm war Einsatzleiter an diesem Tag. Weil an dem Standort gefährliche Stoffe lagerten, stufte er das Ereignis zum Großbrand hoch und forderte ein Großaufgebot von Kräften an.

Der stellvertretende Ortswehrleiter Sebastian Noll könnte sich eine Kandidatur für den Chefposten unter Umständen vorstellen. Die Entscheidung darüber ist aber noch nicht gefallen.
Der stellvertretende Ortswehrleiter Sebastian Noll könnte sich eine Kandidatur für den Chefposten unter Umständen vorstellen. Die Entscheidung darüber ist aber noch nicht gefallen. © Archiv/Jens Trenkler

Der damalige Stadtwehrleiter Steffen Block bezeichnete den Einsatz von insgesamt 131 Feuerwehrleuten, Sanitätern und weiteren Fachkräften in einer SZ-Veröffentlichung als unverhältnismäßig. Hätte er das Kommando gehabt, meinte er, wären nur die Nieskyer Wehren und die aus Horka alarmiert worden. Das hätte gereicht, um den Brand unter Kontrolle zu bringen. Sebastian Schramm verteidigte in der SZ seine Strategie und begründete sie mit dem anfänglichen Fehlen von ausreichend Atemschutzgeräteträgern.

Corona-Einschränkungen könnten weitere Gründe sein

Nach dem Ereignis und diversen Meinungsverschiedenheiten war für Steffen Block klar, dass er sein Amt als Stadtwehrleiter abgeben würde. Dies teilte er der Oberbürgermeisterin in einem Schreiben mit. Die gab seinem Ersuchen statt. Bei der Neuwahl war er jedoch wieder unter den Kandidaten. Die anderen beiden: Rico Jurke - der im zweiten Wahlgang die erforderliche Mehrheit bekam - und Sebastian Schramm. Das Ergebnis am 12. August war absolut knapp: Jurk hatte 31, Block 30 Stimmen, Schramm landete mit 14 Stimmen abgeschlagen dahinter. Allerdings könnte sein Antreten dem bisherigen Amtsinhaber die nötige Zustimmung gekostet haben.

Ein Umstand, der ihm bei der Wahl des Ortswehrleiters nun möglicherweise zum Verhängnis geworden ist. Ob ihm Block-Unterstützer das Vertrauen entzogen haben, ist zwar Spekulation. Völlig abwegig ist es aber nicht. Jens Trenkler, der den Nieskyer Feuerwehrverein leitet, sieht noch andere eventuelle Gründe. "Die coronabedingten Einschränkungen in den vergangenen beiden Jahren haben sicher nicht jedem gefallen. Mund-Nasen-Schutz tragen, hat aber nicht die Wehrleitung angeordnet. Das waren Verfügungen von 'oben'." Und dass der Tag der offenen Tür abgeblasen wurde - "300 Besucher zu empfangen, das ging einfach nicht". Man habe verantwortungsvoll handeln müssen. So wird es spannend zu beobachten sein, wer mit wem in den nächsten Tagen spricht in der Nieskyer Ortsfeuerwehr und welche Auswirkung diese Kommunikation auf den zweiten Wahlgang hat.