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Dekorateur fährt 80 Kilometer zur Arbeit

Friedhelm Paulick pendelte auch mit 72 Jahren bis nach Ostritz. Jetzt ging er in den Ruhestand, kann aber nicht ganz das Arbeiten lassen.

18 Jahre lang pendelte Friedhelm Paulick zwischen Bad Muskau, später Döbeln und Ostritz. Diesen Monat ist der 72-Jährige in Rente gegangen.
18 Jahre lang pendelte Friedhelm Paulick zwischen Bad Muskau, später Döbeln und Ostritz. Diesen Monat ist der 72-Jährige in Rente gegangen. © André Schulze

Einmal muss Schluss sein, sagt Friedhelm Paulick. Seit 1. Juni ist er Rentner und muss dabei lächeln: Er ist bereits 72 Jahre alt. "Ich konnte nicht loslassen, die Arbeit macht mir auch heute noch großen Spaß", sagt der gelernte Dekorateur. Sein Arbeitsplatz ist in den 2000er Jahren in Ostritz gewesen und dafür musste Friedhelm Paulick vom Norden her längs durch den Landkreis fahren.

Zuerst von Bad Muskau aus, später sogar aus Döbern, weil dort Friedhelm Paulick eine schöne kleine Wohnung angeboten bekam. Auf eine Länge gesehen macht das einen Arbeitsweg von 70 beziehungsweise 82 Kilometern. Dass er einmal in Ostritz bei einer Werbefirma angestellt sein würde, daran war vor der Jahrtausendwende nicht zu denken. Der in Gablenz aufgewachsene Friedhelm Paulick erlernte Mitte der 1960er Jahre bei der Handelsorganisation (HO) in Weißwasser den Facharbeiter als Schauwerbegestalter.

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Warnungen und Parolen gemalt

Als mit Beginn der 1970er Jahre das Kraftwerk Boxberg gebaut wurde, brauchte es nicht nur Bauarbeiter, Techniker und Ingenieure, sondern auch jemanden, der Warn- und Hinweisschilder malt und die technischen Anlagen beschriftet. Nach zwei Jahren Tätigkeit beim VEB Industrieanstriche Cottbus, wechselte der damals 23-Jährige auf die Großbaustelle nach Boxberg.

Eine für ihn aufregende Zeit - und mit heute nicht mehr zu vergleichen, sagt Paulick. "Jetzt werden die Buchstaben beziehungsweise ganze Sätze fertig als Folie aufgeklebt. Zu meiner Zeit musste alles mit der Hand geschrieben und ausgemalt werden. Ganz gleich, ob auf eine Holztafel oder einen Blechschrank." Doch nicht nur Industrieanlagen haben in Boxberg Friedhelm Paulicks Schrift aufgetragen bekommen, sondern auch Tafeln und Transparente mit rotem Hintergrund.

"Vor allem vor dem 1. Mai und vor dem Tag der Republik, am 7. Oktober, musste ich oft Überstunden machen, um Losungen und Parolen zu malen", erinnert sich Paulick. Auch als er 1976 in den Tagebau Nochten wechselte, blieb das eine seiner Aufgaben. Heute nicht mehr vorstellbar, dass ein Betrieb einen Schriftenmaler anstellt, der nur damit seine Beschäftigung hatte.

Als Hauer nach unter Tage geschickt

Mitte der 1980er Jahre ist es für Friedhelm Paulick mit Schriften malen plötzlich vorbei gewesen. Aus politischen Gründen hieß es für ihn ab in die Produktion - als Hauer im Tagebau Nochten sorgte er mit für die unterirdische Wasserführung.

Fünf Jahre trieb Paulick Entwässerungsstrecken voran. Dann kam die Wende und er wurde nicht mehr gebraucht. Was nun? Zurück in den alten Beruf? Sich selbstständig machen? Fragen, auf die Antworten von ihm und seiner Familie zu finden waren. Friedhelm Paulick entschied sich für die Selbstständigkeit und machte seinen Gewerbeschein als Schilder- und Lichtreklamehersteller. Seinen Ein-Mann-Betrieb gründete er in Gablenz. Wollte er ihn zum Laufen bringen, brauchte er dazu einen Meisterabschluss, so die damalige Forderung des Gewerbeamtes. Also machte Paulick seinen Meister in Berlin. Die Meisterschule sollte sich in späteren Jahren für ihn noch ein zweites Mal als nützlich erweisen.

Neue Anstellung in Ostritz

Die 13 Jahre Selbstständigkeit blieben nicht ohne Folgen für sein Familienleben. Friedhelm Paulick hat zwei Töchter, eine ist ebenfalls in der Werbebranche tätig. Die Ehe zerbrach und Friedhelm Paulick zog von Gablenz nach Bad Muskau. Auch mit der Firma lief es nicht mehr so wie in den ersten Jahren der Wiedervereinigung, sagt er rückblickend. Nicht mehr Chef sein wollen, sondern Angestellter, kam ihm in den Sinn - und damit seine frühere Meisterschule. Dort saß er mit Holger Schulze in einer Klasse. Dieser führte inzwischen eine Werbefirma in Ostritz. Friedhelm Paulick heuerte bei ihm 2003 an.

Von nun an reichte es nicht mehr, von Bad Muskau nur bis Gablenz zu fahren. Der Arbeitsweg führte ihn bis nach Ostritz. Zunächst drei Jahre lang, bis er 2007 in eine neu gegründete Werbefirma nach Hagenwerder wechselte. Als rechte Hand von Geschäftsführerin Susan Sauppe. Noch bevor der Bruch des Witka-Stausees die Firma im Gelände der Go-Kart-Bahn ruinieren konnte, zog "CAR+Shirt design" nach Ostritz um. Dort arbeitete Friedhelm Paulick bis Ende Mai. Seine Arbeit setzt nun ein junger Mann als Mediendesigner fort.

Hatte der heute in Döbern lebende Friedhelm Paulick am Anfang seines Berufes mit handgemalten Schriften zu tun, so sorgt in Ostritz moderne Drucktechnik dafür, dass er und Susan Sauppe Bekleidung bedrucken und Fahrzeuge mit Werbefolien bekleben kann. Das tägliche Pendeln gehörte schnell der Vergangenheit an, Friedhelm Paulick wurde zum Ostritzer, zumindest die Woche über. "Ich hatte mir ein Zimmer gesucht, um nur noch zweimal die Woche den Weg auf mich zu nehmen", sagt er.

Kann sich von seinem Beruf nicht trennen

Seit diesem Monat braucht er von Döbern aus nicht mehr nach Ostritz durchzustarten. Für ihn waren das gute Jahre: "Mit den Ostritzern, Geschäftskunden, Kolleginnen und Kollegen habe ich viele wunderbare Menschen kennengelernt und konnte mit ihnen viele unvergessliche Erlebnisse teilen", sagt Paulick. Aber ganz loslassen kann er nicht: "Ich werde für meine Kunden weiter da sein." Das will Friedhelm Paulick von Döbern aus.

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