merken
PLUS Niesky

"Die Pflege behinderter Menschen bleibt unberücksichtigt"

Die Veränderungen für die Pflege sind noch keine Reform, wohl aber Schritte in die richtige Richtung. Das sagt Matthias Reuter, Pflegekoordinator im Landkreis Görlitz.

Matthias Reuter ist der Pflegekoordinator des Landkreises Görlitz.
Matthias Reuter ist der Pflegekoordinator des Landkreises Görlitz. © Rafael Sampedro

Mit dem am Donnerstag vom Bundestag verabschiedeten Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsreform soll die Altenpflege besser bezahlt werden. Darüber hinaus soll erreicht werden, dass der Pflegeberuf attraktiver wird.

Aus Sicht des Landkreises: Wird die Pflegereform diesem Anspruch gerecht?

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Richtig und wichtig ist eine finanzielle Entlastung für die Pflegebedürftigen in der stationären Pflege. Allerdings sinkt der Eigenanteil an den direkten Pflegekosten erst ab dem zweiten Jahr im Pflegeheim spürbar. Allein in den letzten zwei Jahren sind die Pflegekosten im Heim im Durchschnitt um zehn Euro pro Tag gestiegen. Mit der jetzigen Regelung liegt der Durchschnitt der Eigenanteile an den Pflegekosten im Landkreis Görlitz bei monatlich rund 750 Euro, nach einem Jahr bei rund 600 Euro. Das heißt, die Belastung sinkt langsam, ein weiterer Anstieg wird abgebremst. Ärgerlich – und für den Landkreis Görlitz von großer Bedeutung – ist, dass die Pflege behinderter Menschen in stationären Einrichtungen weiter unberücksichtigt bleibt. Hier ist keine Änderung geplant und behinderte Menschen erhalten weiterhin nur einen geringen Pauschalbetrag für die Pflege. Das sind 266 Euro im Monat.

Trifft das auch auf die Kurzzeitpflege zu?

Nach jahrelangem Platzabbau sind in den letzten beiden Jahren einige Plätze im Landkreis Görlitz dazu gekommen. Zuletzt Mittelherwigsdorf mit 22 Plätzen. In der Kurzzeitpflege steigen die Leistungen jetzt um zehn Prozent. Ergänzt wurde richtigerweise eine Option, dass nach dem Krankenhausaufenthalt Kurzzeitpflege auch im Krankenhaus stattfinden kann. Daher sollte es künftig einfacher werden, einen Kurzzeitpflegeplatz zu finden.

Sozialhilfe wird auch für Pflegebedürftige bezahlt, die ihren Eigenanteil nicht aufbringen können. Werden die Zahlungen zunehmen, weil Pflegeeinrichtungen die Preise erhöhen?

Die Kosten in der Hilfe zur Pflege steigen seit Jahren kontinuierlich an. Mit jeder Erhöhung der Kosten gibt es weitere Heimbewohner, deren Rente und Ersparnisse nicht mehr ausreichen. Hinzu kommt, dass das Rentenniveau und die Vermögen künftiger Pflegebedürftiger eher sinken als steigen. All das wird dazu führen, dass die finanzielle Belastung für den Landkreis weiter steigen wird. Leider ist diese Entwicklung in der Höhe kaum realistisch planbar.

Werden höhere beziehungsweise gerechtere Löhne im Landkreis dazu führen, den Pflegenotstand zu beseitigen?

Der "Pflegenotstand" ist nicht nur eine Frage höherer Löhne. Es braucht vor allem engagierte, empathische und gut ausgebildete Pflegekräfte. Ein höherer Lohn ist nur ein Teil der Motivation. Wichtig ist auch, dass die Wertschätzung und die gesellschaftliche Anerkennung für diesen Beruf weiter steigt. Unsere Aufgabe als Landkreis ist es, ein attraktives Umfeld zur Ausbildung zu schaffen, dafür zu sorgen, dass sich die Familien der Pflegekräfte hier wohlfühlen und zusätzlich Fachkräfte in den Landkreis ziehen. Einen echten "Pflegenotstand" oder besser: "Personalnotstand" hatten wir nur in der Hochphase der zweiten Corona-Welle in einzelnen Einrichtungen. Alles andere ist eher mit dem Wort "Verbesserungsbedarf" zu beschreiben.

Mehr zum Thema Niesky