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Hochschulreform schafft Jobs in Rothenburg

Nach dem Prüfungsskandal wird jetzt vieles anders. An der Neiße laufen künftig die Fäden für alle Bildungsbereiche der sächsischen Polizei zusammen.

Rektor Carsten Kaempf leitet den Aufbaustab zur Neustrukturierung der sächsischen Polizeihochschule. Zum 1. Juli verlässt er die Einrichtung und wechselt nach Chemnitz.
Rektor Carsten Kaempf leitet den Aufbaustab zur Neustrukturierung der sächsischen Polizeihochschule. Zum 1. Juli verlässt er die Einrichtung und wechselt nach Chemnitz. © André Schulze

Als er im Herbst 2018 öffentlich wurde, schlug der Prüfungsskandal an der sächsischen Polizeihochschule in Rothenburg hohe Wellen. Eine Kommission wurde eingesetzt, um alles aufzuklären. Im Ergebnis kümmert sich nun ein Aufbaustab um die Neustrukturierung der Bildung bei der Polizei. Rektor Carsten Kaempf leitet diesen Veränderungsprozess. Im SZ-Interview erklärt er, worauf es ankommt und wie der aktuelle Stand der Dinge ist.

Herr Kaempf, Sie arbeiten schon seit Monaten an der Strukturreform für die Polizeihochschule. Wird sie eher eine Schönheits- oder eine Herz-OP?

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Mit dieser Reform bündeln wir die Kompetenzen der Ausbildung, des Studiums und der zentralen Fortbildung der sächsischen Polizei organisatorisch unter dem Dach unserer Hochschule. Derart tiefgreifende strukturelle Anpassungen hat es in diesem Bereich noch nie gegeben. Zwar werden die bisherigen Standorte – also Bautzen, Chemnitz, Dommitzsch, Leipzig, Schneeberg und natürlich Rothenburg – beibehalten, aber das Bild der Aus- und Fortbildungslandschaft der sächsischen Polizei wird sich wandeln. Diesen Prozess haben wir im Sommer 2019 angestoßen. Und er wird mit dem Eintritt in die neue Struktur - voraussichtlich im dritten Quartal 2021 - längst nicht abgeschlossen sein.

Und wie operieren Sie nun - leicht oder schwer?

Ich bezeichne das gern als „OP am offenen Herzen“. Zwar bin ich kein Mediziner, aber ich stelle mir einen solchen Eingriff ähnlich komplex vor wie unsere Organisationsanpassung. Mit dem Entwurf des neuen Sächsischen Polizeifachhochschulgesetzes befasst sich aktuell das Parlament. Parallel dazu sind weitere Rechtsvorschriften, wie die Sächsische Ausbildungs- und Prüfungsordnung für die Fachrichtung Polizei anzupassen. Zu tun haben wir aber noch einiges mehr: Verwaltungsabläufe müssen aufeinander abgestimmt werden. Wir werden Stellen ausschreiben. Beschilderungen sind zu aktualisieren. Das sind nur Beispiele. Nicht alles kann und muss sofort erledigt werden, deshalb priorisieren wir. Um bei Ihrer Frage zu bleiben: Bildlich gesprochen wird unsere Herz-OP von mehreren kosmetischen Anpassungen begleitet.

Die Staigis-Kommission, die nach dem Prüfungsskandal 2018 eingesetzt wurde, hat 90 Empfehlungen gegeben, darunter 23 mit strukturellem Charakter. Auf welche konzentrieren Sie sich?

Neben strukturellen Themen geht es unter anderem um die Auswahl und Qualifizierung von Lehrkräften, inhaltliche Aspekte von Studium und Ausbildung, die Bewerbergewinnung, das Auswahlverfahren sowie eine moderne Ausstattung unserer Hochschule. Besonders im Fokus steht gegenwärtig die neue Struktur. Deren Vorbereitung ist ja der eigentliche Arbeitsinhalt des Aufbaustabes. An allen sechs über den gesamten Freistaat verteilt gelegenen Standorten der Hochschule soll es gleichermaßen gute Bedingungen für den Lehrbetrieb geben. Durch die Einrichtung eines unabhängigen und direkt dem Rektor nachgeordneten Prüfungsamtes wird eine der wesentlichsten Empfehlungen der Kommission umgesetzt. Ganz wichtig ist uns außerdem, dass sich die Lehrinhalte genau an dem Bedarf orientieren, den wir in der sächsischen Polizei haben. Dabei geht Qualität vor Schnelligkeit. Bis zum Herbst 2023 wollen wir Ausbildung, Studium und Fortbildung noch besser aufeinander abstimmen.

Sie sagen, dass die neue Struktur im dritten Quartal dieses Jahres zum Tragen kommen soll. Wie ist der aktuelle Bearbeitungsstand?

Erster Schwerpunkt war das Entwickeln der neuen Struktur. Anhand der Aufgaben haben wir den Personalbedarf der neuen Hochschule ermittelt und mit dem Innenministerium abgestimmt. Außerdem haben wir das Sächsische Institut für Polizei- und Sicherheitsforschung (SIPS) gegründet. Seit Anfang dieses Jahres arbeiten wir an der konkreten Umsetzungsplanung. Die Vielzahl der Maßnahmen haben wir in 18 Felder unterteilt. Die Spannweite reicht von Grundsatzangelegenheiten über Haushalts-, Liegenschafts- und Personalfragen bis hin zu IT-Themen. In Summe sind es gut 200 Einzelmaßnahmen. Die Richtung ist klar, manches ist bereits geschafft, der Großteil des Weges liegt aber noch vor uns. Es ist eben ein Prozess, den ich gerne mit einem Umzug vergleiche. Am Tag des Einzugs ist das meiste fertig und geklärt. Trotzdem müssen noch Kisten ausgepackt und Gardinen oder Bilder aufgehangen werden. Mit dem Start der neuen Hochschulstruktur wird also nicht alles fix und fertig sein.

Wie wird sich das Studium in Rothenburg und Bautzen ändern? Wird es für Studenten schwerer oder leichter sein als früher?

Da möchte ich den Ergebnissen der Arbeitsgruppe, die sich noch die nächsten beiden Jahre mit den Inhalten von Ausbildung und Studium befasst, nicht vorgreifen. Wir wollen unsere Auszubildenden und Studierenden fit für das spätere Berufsleben machen. Die Lehrinhalte müssen sich an der Praxis orientieren und laufbahnübergreifend aufeinander abgestimmt sein. Die Anforderungen an den Polizeiberuf sind in den zurückliegenden Jahren stetig angestiegen. Leichter wird es für die Studenten daher sicher nicht. Das gilt auch für die Auszubildenden. Der Fokus der Hochschule liegt künftig aber auch auf der zentralen Fortbildung der sächsischen Polizei. In allen drei Bereichen wird spürbar die digitale Lehre Einzug halten.

Der Prüfungsskandal von 2018 war Auslöser der Neustrukturierung. Wie werden Prüfungen in Zukunft organisiert?

Wie die Staigis-Kommission empfohlen hat, entkoppeln wir das Prüfungswesen von der Hochschulverwaltung. Es wird in der neuen Struktur ein zentrales und direkt dem Rektor nachgeordnetes Prüfungsamt geben, das seinen Dienstsitz in Rothenburg hat und die prüfungsrechtlichen Vorgaben für die gesamte neue Hochschule sicherstellt – also auch für die Ausbildung an den Polizeifachschulen. Anders als bisher werden vor Ort dann nur die reinen Prüfungen stattfinden. Vergleichbar ist der künftige Ablauf mit dem von Abiturprüfungen. Dort liegt die Koordination, inklusive der Entscheidung zur Auswahl der Prüfungsaufgaben, beim Kultusministerium. An unserer Hochschule ist die übergeordnete Instanz dann das Prüfungsamt. Es wurde im Vorgriff auf die neue Struktur bereits eingerichtet. Im Moment geht es um die inhaltliche Ausgestaltung der Abläufe und das Personal. Vorgesehen ist, dass auch die Aufgaben des Bereitschaftspolizeipräsidiums im Hinblick auf die Prüfungen an den Polizeifachschulen im zentralen Prüfungsamt angesiedelt werden.

Was bedeutet die Strukturreform für das Raumkonzept der Campus-Erweiterung? Muss es hierzu Veränderungen geben?

Der Rektor wird, wie auch die Führungsunterstützung und das Prüfungsamt, am Campus in Rothenburg sitzen. Darunter gliedert sich die neue Hochschule in vier Abteilungen. Die zentrale Verwaltung wird ihren Sitz ebenfalls in Rothenburg haben. Außerdem wird in Rothenburg die Abteilung 2, Studium und Forschung, angesiedelt sein. Am Campus in Bautzen hat die Fortbildung künftig ihren Sitz. Und in Schneeberg kümmert sich die Abteilung 4 um die Ausbildung. Der Raumbedarf der Hochschule ist in Rothenburg für die neuen Anforderungen gedeckt.

Wird es zusätzliche Stellen in Rothenburg geben?

Die Verwaltung hier muss zusätzliche Aufgaben wahrnehmen, deshalb wird auch mehr Personal gebraucht. An den anderen Standorten wird es nur vereinzelt neue Dienstposten geben. Die Stellenausschreibungen werden demnächst veröffentlicht.

Zum 1. Juli werden Sie die Hochschule verlassen und die Leitung der Polizeidirektion Chemnitz übernehmen. Wie geht es dann mit der Strukturreform weiter?

Bis zu meinem Wechsel gilt mein ganzer Einsatz der Polizeihochschule. Aber auch danach geht die Neuorganisation unserer Einrichtung natürlich weiter. Das ist ein Prozess. Dazu gehört auch, sie zurück in die Mitte der sächsischen Polizei zu führen. Ich werde das aus der Ferne weiter begleiten. Denn die Kollegen sind mir sprichwörtlich ans Herz gewachsen. Deshalb wechsle ich durchaus auch mit einem weinenden Auge.

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