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Sachsen ehrt Rothenburger Auslandslehrerin

An diesem Donnerstag erhält Annerose Giese die Annen-Medaille. Eine hohe Ehrung für ihr Engagement. Die 70-Jährige ist viel zu bescheiden dafür.

Die Rothenburgerin Annerose Giese bekommt die Annen-Medaille des Freistaates Sachsen.
Die Rothenburgerin Annerose Giese bekommt die Annen-Medaille des Freistaates Sachsen. © André Schulze

Zwar hat Annerose Giese gewusst, was an diesem Donnerstag auf sie zukommt: Auf Schloss Albrechtsberg nimmt sie die seit 1995 von der Sächsischen Staatsregierung vergebene Annen-Medaille für herausragendes soziales Engagement entgegen. Doch so richtig angenehm ist ihr das nicht. Helfen - auf jeden Fall. Aber diese Hilfe an die große Glocke hängen - nein, das liegt ihr nicht. Seit 2015 hat sie immer wieder im Stillen gewirkt, lieber getan, als darüber geredet. In jenem Jahr schwappte die große Flüchtlingswelle über Deutschland hinweg, Ausläufer davon waren auch in Rothenburg zu spüren.

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Andreas Drese kann sich noch gut erinnern an diese Zeit. Der bei St. Martin tätige Diakon hat früher das Mehrgenerationenhaus geleitet. Es war Ausgangspunkt für das Rothenburger Willkommensbündnis. "Annerose Giese befand sich damals eigentlich schon im Ruhestand. Sie hätte zu Hause auf der faulen Haut liegen können, hatte aber eine Energie, die bewundernswert ist", lobt Drese die agile Rentnerin. Die einstige Controllerin des Martinshofes und langjährige "rechte Hand" des früheren Vorstands Hartmut G. Knippscher war sofort bereit, sich mit ihren Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Sie brachte Ausländern die Sprache ihrer Wahlheimat bei, unterstützte sie beim Ankommen in dem eigentlich doch so fremden Land.

Acht Jahre als Lehrerin bei der Blindenmission

"Mir hat die Ruhe und Beharrlichkeit, der Einsatz für die gute Sache sehr imponiert", bekräftigt Drese, der zugleich Vorsitzender der Brüder- und Schwesternschaft des Martinshofes ist. Für den Verein sei es deshalb eine Herzenssache gewesen, die inzwischen 70-Jährige für die Auszeichnung mit der Annen-Medaille vorzuschlagen. Die ist nach Kurfürstin Anna von Sachsen (1532 - 1585) benannt, die wohltätig für ihre Untertanen wirkte.

Untertanen hat Annerose Giese zwar nicht beglückt, wohl aber vielen hilfsbedürftigen Menschen sprichwörtlich "unter die Arme gegriffen". Andere zu unterstützen, ist ihr eine Herzensangelegenheit und zieht sich durch ihr Leben wie ein roter Faden. Schon als junge Frau interessierte sich die studierte Lehrerin nicht nur für die Dinge um sie herum, sondern "für das, was in der Welt los ist." So ging sie zur Christoffel Blindenmission, arbeitete acht Jahre in Bangladesch, Kenia, Nigeria und Indien. Sie sah viel Leid, bekam aber auch die Dankbarkeit der Menschen um sie herum zu spüren. "Für mich war es wichtig, andere Kulturen kennenzulernen. Das hat mir in meiner Entwicklung sehr geholfen", blickt Annerose Giese zurück.

Flüchtlingsarbeit bis zum Beginn der Coronakrise

Vom gemeinsamen Körbe flechten, dem Üben von Alltagsdingen, auch vom Mobility-Training für Sehbehinderte hat sie viele Jahre später auch in Rothenburg profitiert. "Als 2015 die vielen Menschen zu uns kamen, hatte ich mich gerade aus dem Beruf verabschiedet." Das Interesse an unbekannten Kulturen war geblieben, die Erfahrungen der einstigen Lehrerin hatte sie sowieso. "Ich habe mich dann sehr schnell in die Flüchtlingsarbeit gestürzt. Zweimal in der Woche Deutschunterricht. Außerdem einmal wöchentlich eine Gruppe Frauen. Zusammen haben wir gebastelt, gekocht, gemalt. Wir waren sportlich aktiv und sind zusammen in die nähere Umgebung gefahren."

Die Tschetschenen, Georgier, Syrer und Iraner hat sie überwiegend als sehr aufgeschlossene Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen kennengelernt. "Das lief bis 2020, dann hat uns die Coronakrise leider einen Strich durch die Rechnung gemacht", bedauert die Rothenburgerin. Nur mit einer georgischen Familie ist der Kontakt bis heute nicht abgerissen. "Sie leben zwar jetzt in Hamburg. Wir hatten aber zusammen eine sehr gute Zeit", erinnert sich Annerose Giese gern.

Auszeichnung als Ansporn für künftige Arbeit

Auch wenn sie nun keine Flüchtlinge mehr betreut, ist ihr Drang, anderen zu helfen, weiter ungebrochen. Aktuell hat die 70-Jährige eine Gruppe von Senioren um sich gescharrt, die ihr Englisch verbessern wollen und von der einstigen Auslandslehrerin viele wichtige Hinweise bekommen. Ans Aufhören denkt die engagierte Frau noch nicht. Denn: "Solange mich die anderen haben wollen, geht's weiter", schmunzelt sie. Deshalb versteht sie die Auszeichnung mit der Annen-Medaille nicht nur als Würdigung vergangener Leistungen, sondern sieht auch einen Ansporn darin. "Ich möchte die Motivation für ehrenamtliche Arbeit weitergeben. Sie macht Freude, ist aber auch wichtig für die eigene Entwicklung."

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