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Lavendel-Ernte bei Niesky wie in der Provence

Rund 4.000 Kilo Blüten erntet die Agrargenossenschaft im Ortsteil See. Nun entsteht daraus Öl. Über dessen Qualität entscheidet ein Labor in Frankreich.

Andreas Graf, Chef der Agrargenossenschaft See, ist froh: Das Konzept, den Lavendel-Anbau mit folgender Ölgewinnung als zusätzliches Standbein zu etablieren, scheint aufzugehen.
Andreas Graf, Chef der Agrargenossenschaft See, ist froh: Das Konzept, den Lavendel-Anbau mit folgender Ölgewinnung als zusätzliches Standbein zu etablieren, scheint aufzugehen. © André Schulze

In der früheren Garage direkt hinter dem Firmensitz der Agrargenossenschaft See herrscht Entdeckerlust. Dort, wo sonst Traktoren oder Erntemaschinen untergebracht sind, steht eine silbern glänzende Apparatur. Die zischt ab und zu, wenn ihr Dampf entsteigt. In der Luft liegt ein intensiver Duft von Lavendel. Der wird hier nur ein paar hundert Meter weiter angebaut. Inzwischen zeichnet sich ab, dass das zweite Jahr des Experiments noch erfolgreicher als der Auftakt 2020 gelaufen ist.

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In den vergangenen Tagen ist auf dem großen Feld hinter dem Firmensitz der Agrargenossenschaft See die Lavendel-Ernte angelaufen. Auf drei Reihen gab es schon mehr Ertrag als im gesamten vergangenen Jahr.
In den vergangenen Tagen ist auf dem großen Feld hinter dem Firmensitz der Agrargenossenschaft See die Lavendel-Ernte angelaufen. Auf drei Reihen gab es schon mehr Ertrag als im gesamten vergangenen Jahr. © André Schulze

Waren die Pflanzen im vergangenen Jahr noch recht klein, sind sie mittlerweile zu prächtigen Büschen herangewachsen. Schnee und Frost haben sie gut vertragen, nur dauerhafte Nässe mögen sie nicht. Auf 2,7 Hektar gedeihen drei Sorten. Andreas Graf ist froh, dass er sich zu diesem Schritt entschlossen hat. Noch bis 2022 läuft die Förderung als Europäisches Innovationsprojekt. Danach sollen Lavendelanbau und Ölgewinnung dem Unternehmen Geld bringen. "Vielleicht dauert es auch drei, vier Jahre bis zur Wirtschaftlichkeit. Aber diesen Weg werden wir jetzt gehen", so der Firmenchef.

Lavendel ist auch Futter für Bienen und Schmetterlinge

Aber ihm liegt nicht nur die gelungene Geschäftsidee am Herzen. "Beim Blick über die im Wind wogenden lila Blüten hat man das Gefühl, irgendwo in der Provence zu stehen", kommt er regelrecht ins Schwärmen. "Der Duft, das Summen der Bienen und die vielen Schmetterlinge überall - der Lavendel tut der Natur insgesamt gut", ist er überzeugt.

In einer Halle wird der Lavendel zwischengelagert, ehe er in die Destillieranlage gefüllt und Öl daraus wird.
In einer Halle wird der Lavendel zwischengelagert, ehe er in die Destillieranlage gefüllt und Öl daraus wird. © André Schulze

Bereits nach den ersten Erntetagen zeichnet sich ab: Das Klima in See scheint für das Gedeihen der Pflanzen gerade das richtige zu sein. Von drei Reihen gab es schon mehr Ertrag als im gesamten vergangenen Jahr. Die damals 250 Kilo hochgerechnet auf insgesamt 50 Reihen könnten etwa 4.166 Kilo ergeben. Wie viel Öl daraus destilliert werden kann, muss sich nun im Laufe der nächsten Wochen zeigen.

Experte kümmert sich um die Destillation

Zuständig dafür ist Kai Svensson, der aus Schleswig-Holstein in die Oberlausitz gekommen ist. Mitgebracht hat er seine mobile Wasserdampfdestillieranlage, die innerhalb einer Stunde 75 Kilo Lavendelblüten in etwa 1,3 Kilo Lavendelöl verwandelt. Den 41-jährigen Agraringenieur hat das Seer Unternehmen extra für diese Arbeit engagiert, weil sich die Investition in eine stationäre Apparatur noch nicht lohnen würde. Außerdem hat sich der Experte aus dem Norden auf die Gewinnung ätherischer Öle spezialisiert und berät die Agrargenossenschaft rund um Anbau und Verarbeitung des Lavendels.

Kai Svensson aus Schleswig-Holstein hat seine mobile Destillieranlage mit nach See gebracht. Mehrere Tage wird es insgesamt dauern, bis alle geernteten Lavendelblüten von drei verschiedenen Sorten ihr Öl abgegeben haben.
Kai Svensson aus Schleswig-Holstein hat seine mobile Destillieranlage mit nach See gebracht. Mehrere Tage wird es insgesamt dauern, bis alle geernteten Lavendelblüten von drei verschiedenen Sorten ihr Öl abgegeben haben. © André Schulze

Svensson kann den Prozess, den die Blüten in der Destille durchlaufen, genau beschreiben. Zuerst wird die Anlage mit zuvor getrocknetem Lavendel befüllt. Das erledigt er zusammen mit Nadine Schulz (23), die das Projekt von Anfang an begleitet und dazu inzwischen ihre Facharbeit geschrieben hat. "Sind die Blüten verdichtet, leiten wir Dampf in den Behälter. Der löst das Öl und wir können es zum Schluss dieser Prozedur abfüllen", erklärt der Fachmann. Der dann entölte Lavendel ist ein Restprodukt und wird kompostiert. "Im Moment läuft ein Versuch, ihn als Tierfutter zu verwenden. Ob das klappt, muss sich noch erweisen", so die Landbau-Technikerin.

Der spannendste Moment kommt am Ende des Destillierprozesses: Reines Lavendelöl fließt aus der Anlage. Ob es für medizinische oder kosmetische Zwecke genutzt werden kann, muss die folgende Untersuchung noch ergeben.
Der spannendste Moment kommt am Ende des Destillierprozesses: Reines Lavendelöl fließt aus der Anlage. Ob es für medizinische oder kosmetische Zwecke genutzt werden kann, muss die folgende Untersuchung noch ergeben. © André Schulze

Welche Qualität das Lavendelöl aus See besitzt, werden Untersuchungen in einem französischen Speziallabor ergeben. Dorthin hat Kai Svensson, der im Nachbarland destillieren lernte und in Sachen Rosenblütenöl auch schon in Nepal, Pakistan und Äthiopien unterwegs war, gute Beziehungen aufgebaut. Allerdings seien die Auflagen für den Einsatz in der Medizin unheimlich hoch. "Ich denke deshalb, dass das Öl aus See eher im Bereich der Düfte, Aromen und Kosmetika zum Einsatz kommt." Dafür ist auch das als Nebenprodukt entstehende Hydrolat - das Blütenwasser - geeignet. Andreas Graf ist mit regionalen Verarbeitern schon im Gespräch. Im vergangenen Jahr hat seine Firma die gewonnenen 250 Milliliter in 5-Milliliter-Fläschchen abgefüllt und als Aromaöl verkauft. In diesem Jahr dürfte der Absatz deutlich ergiebiger werden.

Bienen sorgen bald für "Lavendel-Honig"

Die neue Kultur hat darüber hinaus einen ebenfalls gewinnbringenden Nebeneffekt: Vier der insgesamt 15 Bienenvölker der Agrargenossenschaft stehen nur ein paar Meter neben dem Lavendelfeld. "Und ihre Kästen sind sehr schwer", hat Andreas Graf bereits festgestellt. Liegt der Lavendelgehalt des künftigen Honigs bei mindestens 60 Prozent, darf er die Bezeichnung "Lavendel-Honig" führen - was äußerst selten ist und sich im Preis entsprechend bemerkbar machen würde.

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