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Kreis Görlitz stemmt sich gegen Wegzug der Jungen

Noch immer wollen viele unter 30-Jährige der Oberlausitz den Rücken kehren. Spätestens in zehn Jahren ist das ein Problem. Doch es tut sich was.

Studenten wie einst Nadine Zille und Jens Weidlick sollen im Landkreis nicht nur lernen, sondern möglichst auch hier bleiben. So könnten durch den Strukturwandel entstehende Stellen besser besetzt werden.
Studenten wie einst Nadine Zille und Jens Weidlick sollen im Landkreis nicht nur lernen, sondern möglichst auch hier bleiben. So könnten durch den Strukturwandel entstehende Stellen besser besetzt werden. © Archiv/Jens Trenkler

Neue Produktionsbetriebe, Forschungsinstitute, Bundesbehörden - der Weg für den Strukturwandel in der Lausitz ist nach dem Kohleausstieg vorgezeichnet. Doch sind personalintensive Ansiedlungen überhaupt realistisch, die benötigten Arbeitskräfte vorhanden? Jüngste Forschungsergebnisse des Leibnitz-Institutes für Länderkunde in Leipzig sagen etwas anderes.

Dort hat sich Dr. Tim Leibert mit der Verfügbarkeit von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auseinandergesetzt und für die Landkreise Görlitz und Bautzen zwischen 2008 und 2020 einen besorgniserregenden Rückgang festgestellt. Vor allem in jenen beiden Bevölkerungsgruppen, von denen der erhoffte Aufschwung in den nächsten Jahren maßgeblich abhängig sein wird. Demnach ist im Landkreis Görlitz der Anteil der über 50-jährigen Beschäftigten von 28,6 Prozent (2008) auf 39,9 Prozent (2020) gestiegen. Im Landkreis Bautzen erhöhte sich die Quote von 27,4 auf 39,5 Prozent. Im Gegenzug sank der Anteil der unter 30-Jährigen im gleichen Zeitraum: Im Landkreis Görlitz von 20,7 auf 13,8 und im Landkreis Bautzen von 21,2 auf 13,5 Prozent.

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Im Klartext bedeutet dies: Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre nähern sich dem Rentenalter, die Nachrückergeneration kommt nicht in der benötigten Anzahl nach. Vor allem in der Hochphase des Strukturwandels wird sich die Situation zuspitzen. Experten gehen davon aus, dass es zehn Jahre oder länger brauchen wird, bis Arbeitsstellen in relevanten Größenordnungen entstehen. Tim Leibert sagt anhand seiner Berechnungen gerade für die Zeit des höchsten Bedarfs in den 2030er Jahren einen deutlichen Rückgang der verfügbaren Arbeitskräfte voraus. Deshalb sei zu befürchten, dass Unternehmen vom Markt verschwinden, eine zweite De-Industrialisierung nicht ausgeschlossen.

Jeder Zehnte will die Lausitz verlassen

Die Gefahr des wirtschaftsbedrohenden Arbeitskräftemangels verdeutlicht auch der erst kürzlich vorgelegte "Lausitz Monitor 2021". Darin haben im Auftrag der Hochschule Zittau/Görlitz das Marktforschungsunternehmen MAS Partners und die Prozesspsychologen GmbH 1.000 Menschen aus allen Teilen der Lausitz befragt. Eines der Ergebnisse: Noch immer planen zehn Prozent der Bevölkerung, innerhalb der nächsten beiden Jahre aus der Region wegzuziehen. Bei den 18- bis 29-Jährigen ist es mit 45 Prozent sogar fast jeder Zweite. Vor allem Frauen sind mit ihrer Heimat nicht unbedingt verwurzelt: Mit 24 Prozent fühlt sich nur ein knappes Viertel der 18- bis 39-Jährigen der Lausitz verpflichtet.

Nach Erhebungen der Arbeitsagentur Bautzen gibt es schon jetzt einige Branchen, deren Belegschaften überwiegend aus älteren Arbeitnehmern bestehen. Mit 58 Prozent ist der Anteil der über 50-jährigen Beschäftigten im Bereich Bergbau/Energie am höchsten. Mit 56 Prozent folgen Lehrer und Erzieher. Aber auch die öffentliche Verwaltung hat mit 50 Prozent das gleiche Problem. Insgesamt beläuft sich der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtzahl der Beschäftigten in den Landkreisen Görlitz und Bautzen auf rund 40 Prozent. Jeder dritte Beschäftigte im Agenturbezirk Bautzen ist 50 Jahre oder älter, jeder vierte 55 Jahre oder darüber.

Den Strukturwandel aufgrund fehlenden Personals in Gefahr sehen die Arbeitsmarktexperten aber trotzdem nicht. Zwar würden Fachkräfte tatsächlich immer knapper, stellt Sprecherin Corina Franke klar. Aber es gebe verschiedene Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Als Beispiele nennt sie neben der Qualifizierung für neue Berufsfelder auch das Anwerben ausländischer Fachkräfte. Zudem müsse das einheimische Reservoir besser ausgeschöpft werden.

Auch wenn Aussagen über die nördlich von Niesky geplante Bahnteststrecke Tetis inzwischen knapp geworden sind, waren hier schon einmal bis zu 1.000 neue Jobs im Gespräch. Doch ob sie alle mit Personal besetzt werden können, ist angesichts des abzusehenden
Auch wenn Aussagen über die nördlich von Niesky geplante Bahnteststrecke Tetis inzwischen knapp geworden sind, waren hier schon einmal bis zu 1.000 neue Jobs im Gespräch. Doch ob sie alle mit Personal besetzt werden können, ist angesichts des abzusehenden © Foto/Montage: André Schulze

Dies hat auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erkannt. In ihrem Bericht "Die Lausitz - eine Region im Wandel" sagt die der Bundesarbeitsagentur zugeordnete Forschungseinrichtung der Region einen Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials von 605.100 im Jahre 2012 auf 393.000 im Jahre 2035 voraus. Allein für die Landkreise Görlitz und Bautzen bedeutet dies einen Verlust von 101.600 Arbeitnehmern bis Mitte des nächsten Jahrzehnts. Gleichzeitig aber schreiben die Experten der Oberlausitz und den angrenzenden Landkreisen in Brandenburg ins Stammbuch, "für Zuwanderer deutlich attraktiver zu werden und Abwanderungen entgegenzusteuern."

Nach Angaben des IAB sind zwischen 1999 und 2014 in den Landkreis Görlitz 6.220 Menschen zurückgekehrt, im Landkreis Bautzen belief sich die Zahl auf 7.259. Zwar sei die Gewinnung von Rückkehrwilligen auch künftig ein wichtiges Instrument, meinen die Experten. Die einfachere Strategie sei jedoch das Binden von Auspendlern, da diese schon hier wohnen und lediglich noch einen attraktiven Arbeitsplatz im Landkreis brauchen - den der Strukturwandel bieten könnte. Tim Leibert vom Leibnitz-Institut sieht weitere Stellschrauben in einem höheren Arbeitsvolumen bei bisher teilzeitbeschäftigten Frauen und dem Aktivieren der älteren Generation. Zugleich könne die menschliche Arbeitskraft zum Teil auch durch technischen Fortschritt ersetzt werden.

Lausitz muss ihre Vorteile stärker herausarbeiten

Das sächsische Wirtschafts- und Arbeitsministerium macht den beiden Landkreisen im Wettbewerb um die besten Köpfe Mut und sieht die Randlage dieses Mal als Vorteil an. Referent Marco Henkel deutet es als positives Phänomen, dass polnische und tschechische Arbeitskräfte einpendeln oder sich sogar komplett hier niedergelassen haben. Die Gefahr, den Strukturwandel wegen nicht zu besetzender Jobs nicht umsetzen zu können sehe das Ministerium mittel- und langfristig nicht. Denn auch "Berufs- und Hochschulen stellen sich schon jetzt auf zukünftig auf dem Arbeitsmarkt benötigte Kompetenzen und Fähigkeiten ein." Deshalb sei vor allem die "Schaffung wettbewerbs- und zukunftsfähiger Jobs wichtig, die auf das Interesse jüngerer und gut ausgebildeter Bevölkerungsschichten stoßen." Gerade dieses Klientel anzulocken, sieht er die Region durch die eher moderaten Lebenshaltungskosten sowie die Verfügbarkeit von Bauland und geringe Wohnkosten im Vorteil.

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Auch der Landkreis möchte nichts wissen von Panikmache. Im Gegenteil: Man sei dabei, "die Strukturentwicklung aktiv zu gestalten und Voraussetzungen für eine positive Wirtschaftsentwicklung zu schaffen", so Kreissprecherin Franziska Glaubitz. Aus Sicht des Jobcenters seien die durch den Kohleausstieg entstehenden neuen Stellen durchaus besetzbar. Das gebe der aktuelle Bestand an Arbeitslosen her. Immerhin hätten im April 13.788 Menschen im Landkreis Görlitz nach Arbeit gesucht. Natürlich stünden auch Arbeitgeber in der Pflicht. Sie müssten ihre Jobs attraktiv machen. Insgesamt gehe es darum, die Region so zu gestalten, dass die Menschen hier bleiben und neue Interessenten hinzukommen. Mit der Ausbildungsmesse "Insider", dem Rückkehrertag, der "Spätschicht" und dem Internetportal jobs-oberlausitz.de gebe es bereits etliche Formate, die dies unterstützen.

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